Master Elias Kirsche | Text & Sex |

Tabugeschichte der Sexualität (2013)

Posted by on Mrz 13 2014, in Artikel, Essays

Eros und Erkenntnis

Die Geschichte der Sexualität verweist auf eine paradoxe Terminologie. Wer diese verstehen will, muss nicht nur aufmerksam und intuitiv zwischen den Zeilen lesen können. Jemand, der nach einer Erkenntnis auf dem weiten Feld der Sexualität strebt, muss sich ganz der Ambivalenz der Sprache stellen, sich diese aneignen und im Bewusstsein dieser Ambivalenz langsam, äusserst vorsichtig, jedoch beharrlich in der Untersuchung vorankommen. Denn: Die lange, komplexe und widersprüchliche Geschichte der Sexualität entfaltet sich vor dem Hintergrund von Tabus. Sie ist durchdrungen von Verboten, Dogmen, Konditionierungen, Regeln, Normen und Gesetzen, denen die Sexualität selbst sich permanent entzieht. Nichts ist für die Beschreibungen der Sexualität charakteristischer als ihre Doppelgesichtigkeit und die sich daraus ergebende Doppelmoral. Nichts wird eigennütziger interpretiert, kaum etwas wird mit mehr Angst und Selbstsucht beladen. Heuchelei und Scheinheiligkeit der Menschen sind ständige Begleiter dieser Geschichte. Ihnen folgen schweigend Religion, Kirche, Politkorrektheit und Diskretion. Sie drohen mit der Todesstrafe jedem, der sie, die Sexualität, zu entlarven versucht. Nichtsdestotrotz wird sie permanent einem Verhör unterzogen, bei dem sie über ihre eigenständige Wirklichkeit ausgefragt wird. Die Menschen sind verpflichtet, sich verpflichtet zu fühlen zu beichten, um über ihre Sexualität die ganze Wahrheit offen zu legen. Eine Ausnahme bildet die unsichtbare Hand der Macht. Sie ist dazu prädestiniert zu überwachen, zu disziplinieren und zu bestrafen, jedoch um jeden Preis ihre eigene Wahrheit über die Sexualität geheim zu halten. Die beste Metapher für die Sexualmoral ist des Kaisers neues Kleid. Der nackte Kaiser gilt als ihr unsterbliches Sinnbild. Schwerlich konnte jemand über sie klarer, transparenter und einfacher berichten als Hans Christian Andersen es in seinem Kindermärchen für kluge Erwachsene getan hat.

Die Sexualität sucht seit Jahrhunderten nach absoluter Befreiung, wobei ihre gezielte Unterdrückung durch die unsichtbare Macht mindestens als umstritten gilt. Sie wird durchströmt von ethischen und moralischen Diskursen, die man zum grossen Bedauern immer wieder verwechselt. Überhaupt wird sie ständig mit dem Moralischen überladen, wobei eine echte Sexualethik meistens fehlt – und das, obwohl die Sexualität mit der Moral nichts zu tun hat und zugleich eine zutiefst ethische Angelegenheit ist. Die Geschichte der Sexualität kann als Geschichte von Vorurteilen und Irrtümern erzählt werden, deren Tragödie gerade darin besteht, dass die wenigen weisen Stimmen, die im Lauf der Zeit nur ganz selten laut werden, von der Mehrheit entweder nicht gehört oder missverstanden werden. Die Geschichte der Sexualität wird immer wieder als Kampf der Kultur(en) mit der Natur präsentiert, obwohl Sexualität eine völlig natürliche Sache ist, die es ohne Kultur nie geben könnte. Und das ganz abgesehen vom echten, innigsten menschlichen Streben, diese traurige Geschichte mehr als eine Geschichte der Liebe denn als eine des Kampfes zu gestalten.

Es gibt also gute Gründe die Kulturgeschichte der Sexualität als moralisierte Tabugeschichte aufzufassen. Die extreme Doppeldeutigkeit, die im Tabubegriff innewohnt („Tabu“ bedeutet zugleich „heilig“ und „unrein“) ist für das Phänomen der Sexualität ebenfalls eigentümlich und habituell. Das Tabu beschreibt den Sex. Die nackte, weit bekannte, fast schon banale Tatsache, dass unsere Geschlechtsorgane sowohl für das Erlangen grösstmöglicher Lust wie auch für Entleerungen gebraucht werden, spiegelt das Konzept der Ambivalenz der Sexualität nicht weniger deutlich als die Auffassung der Frau im Bewusstsein der meisten Männer als Hure und Heilige zugleich. Dass durch die Vereinigung von Mann und Frau neues Leben entstehen kann, macht die ganze Sache keinesfalls einfacher. Im Gegenteil: Die plötzliche Erscheinung einer dritten Person durch den Akt, der zugleich als heilig und als unrein gilt, macht alles noch viel paradoxer als es ohnehin schon ist.

Man muss also die Vorsicht, die Ordnung, die Konsequenz, aber auch die Sinnlichkeit, die ausgeprägte Intuition, die menschliche Reife und nicht zuletzt ein hohes Einfühlungsvermögen mitbringen, um auf dem Gebiet der Sexualität und der Ethik, um auf dem wackeligen Boden von Tabus und Moral forschen zu können, handelt es sich doch dabei um die ursprünglichsten, ewigen Fragen der menschlichen Natur und der Kultur. Gleichzeitig genügen etwas Nachdenken, Abstraktionsvermögen und Sensibilität für den Topos der Sexualität, um grosse und schreckliche sexuelle Tabus wie etwa Inzest, Analverkehr, Exhibitionismus oder Sex mit Tieren bloss als sprachliche Konstrukte zu entlarven. Die Einsicht in die Genese dieses Tabus bedarf einerseits eines ausgeprägten Intellekts in Verbindung mit einer grossen emotionalen Intelligenz, ist aber anderseits völlig selbstverständlich. Die angeborene Unschuld, Verspieltheit und Naivität eines Kindes reichen aus, um das Wesen moralischer Tabus zu verstehen, das in Worte besteht. Genau dieser Entlarvung von Sextabus als Sprachkonstruktionen, die, wie tragisch es auch ist, seit jeher die Kulturgeschichte der Sexualität bestimmen, möchte ich die vorliegenden Seiten widmen. […]

Aus dem Kapitel über Marquis de Sade

Nach Freuds so genannter pansexualistischen Auffassung der Welt8 ist es die Kultur, die oft in Form von weltlichen Sitten und der Religion dazu bestimmt ist, Sexualtriebe ins Unbewusste zu verdrängen. Dagegen wirken vor allem die Kräfte der Natur, aber manchmal auch bestimmte, dafür extra prädestinierte historische Persönlichkeiten. Die Person von Marquis de Sade kann in diesem Sinn kulturhistorisch als Ventil verstanden und aufgefasst werden. Durch sein Denken und Schaffen floss das durch Keuschheit- und Monogamiegebote jahrhundertelang gesammelte und ins Unbewusste verdrängte erotische Begehren wieder ins (Massen-)Bewusstsein über, und zwar in Form von moralisch überladener Pornografie oder Erotografie, die übrigens fleissig für die Renaissance des Sexdiskurses sorgte. An dieser Stelle scheint es nicht mehr so wichtig zu fragen, warum gerade Sade dafür bestimmt wurde9; vielmehr ist es die Frage seines Schicksals oder einfach des Zufalls. Interessanter erscheint in diesem Zusammenhang die gesetzmässige, jedoch in irgendeiner Weise auch fatale Tatsache zu sein, dass Gott, Kultur, Natur, wer auch immer, manchmal auf seltsame Weise einen Menschen auserwählen oder zufällig gebären, dessen Lebensaufgabe gerade darin besteht, alles in den Untergrund Verdrängte wieder aus dem Schatten ans Licht zu bringen. Es gibt, wenn hier eine Metapher erlaubt ist, scheinbar immer irgendein Kind, das laut schreit: „Der Kaiser ist nackt!“, es muss scheinbar so ein Kind geben. Die historische Aufgabe der kulturellen Evolution geht mittels dieses „Kindes“ in Erfüllung; seine seltsame „Mission“ geht aber Hand in Hand nicht nur mit einsamen Qualen und Märtyrertum, sondern auch mit wonnigen Eskapaden und endlosen Irrtümern solcher Menschen.

Gefühlsmässig ist es das Begehren, das sich nicht mehr halten lässt, im weitesten Sinn des Wortes „un-erträglich“, wie Schmerzen der Geburt, das diese Art von Philosophieren oder „Erotografieren“ bewirkt. Begehren, das man als Einziger spürt, was die anderen schon längst verdrängt, vertilgt haben. Einsames Begehren, gepaart mit Hochsensibilität, mit Verletzlichkeit oder mit Melancholie oder auch mit einem dämonischen Gemisch von beiden. Die dekadente Sentimentalität der Einsamkeit, die nicht mit anderen geteilt werden kann, verwandelt sich in Wut und Zorn auf die anderen. Wenn sie keinen Ausdruck finden, werden sie extrem, bis es zum Suizid, zum Verbrechen oder auch zur kreativen Schöpfung in Form von Kunst oder Literatur kommt. Man darf nur nicht pathetisch werden: Die innere Mechanik des Suizids, des Verbrechens oder auch der Kunst ist seit Freuds Psychoanalyse schon lange zur Alltäglichkeit, fast schon zur Banalität geworden.

Uns geht es an dieser Stelle um etwas, was Sade als Einziger fühlt und erkennt, was die anderen nicht einmal fühlen. Es ist verboten, öffentlich darüber zu sprechen, und fühlen darf man es nur begrenzt, entweder im engen Rahmen der monogamen Ehe oder am Rande der Legalität bei Kurtisanen und Prostituierten. Darum funktionieren die anderen nur; sie funktionieren nach Dogmen, Regeln und Gesetzen in einem System, das unabhängig von der politischen Lage einen sehr strengen sexuellen Kodex besitzt. Wegen des Ausmasses der Auflehnung, der Unzufriedenheit, des inneren Protestgefühls und des immer stärker werdenden äusseren Drucks gelingt es Sade nicht, seine Gedanken in eine adäquate wissenschaftliche Sprache zu fassen. Sein „Gegengewicht“ zur Prüderie ist zu gross, seine Wut auch: Sade geht einen für ihn fatalen Schritt zu weit: Er provoziert öffentlich, er wird sehr direkt und er moralisiert. Damit schaufelt er sich selbst sein Grab.

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