Master Elias Kirsche | Text & Sex |

Romanauszüge: Sexyland – Weltkrieg – Das Schloss

Posted by on Okt 04 2016, in Artikel, Romanauszüge

Ein Episodenroman

Zum Jubiläum des zehnjährigen Bestehens des Schweizerischen Literaturinstituts in Biel schreiben zehn Studierende exklusiv für die «Südostschweiz» eine 24-teilige Fortsetzungsgeschichte mit dem Titel «Die Alpen im Jahr 2216».

Elias Kirsche präsentiert Auszüge aus seiner Dystopie „Sexyland“ und kündigt somit seinen Roman an:

Sexyland

Das Matriarchat, die totalitäre Kastengesellschaft und das Klonen von Menschen sind die drei wichtigsten Folgen der Geschichte der Sexualität der letzten 200 Jahre. Zu den Folgen der sogenannten «Frauenemanzipation» und des «Feminismus» gehören, dass wir heute im Bett fast nur noch Robotern begegnen und dass die erotische Lust, ja die Lebenslust überhaupt, aus unserem Alltag verdrängt wurde. Wenn man das mit einem treffenderen Namen benennen will, dann war und bleibt es vielmehr der Maskulinismus, eine Fehlentwicklung, in der sich Frauen vermännlichen und maskuline Werte anstreben: Leistung, Geld, beruflicher Erfolg. Die Geschichte nach der Jahrtausendwende ist geprägt von einer Kultivierung der Männlichkeit und dem Verlust der eigentlichen Weiblichkeit. Keine abstrakt politische und machttechnisch manipulierte Gender-Theorie und keine begriffliche Spekulation werden es ändern.

Heute wird unsere Gesellschaft in fünf Kasten unterteilt. Die weiblichen Kasten bilden: Nutten (55 Prozent), Nährmütter und Puffmütter (25 Prozent), Leibmütter (zehn Prozent), Priesterinnen (sieben Prozent) und Regentinnen (drei Prozent). Die männlichen Kasten heissen: Einfache Arbeiter (66 Prozent), Geschäftsführer (14 Prozent), Drohnen (zehn Prozent), Freie Herren (acht Prozent) und Intelligenzler (zwei Prozent), wobei jede männliche Kaste der entsprechenden weiblichen untergeordnet ist. Durch heiraten einer höheren Kaste kann die Partei der niedrigeren Kaste ihre Kaste «upgraden». An der Spitze des Staates sitzt «Die Ehrbare Mutter».

Unser Staat Sexyland entstand auf Schweizer Boden. Er wird mithilfe der Kirche des Sextums regiert, einer spirituellen Einrichtung, die den Sex als Konsum- und Genussmittel vergöttert. Die Wirtschaft basiert einerseits auf der Produktion, die einfache Arbeiter gewährleisten, anderseits auf der Prostitution. Es wird darauf geachtet, dass die niedrigen Kasten möglichst viel konsumieren.

Der Alltag der meisten Männer besteht folglich ausschliesslich aus der Arbeit und dem Konsum von Sex-Wellness, jener der Frauen aus der Prostitution, der Suche nach Kundschaft und dem Konsum. Unsere Währung, die Sexa, gilt als universelles Zahlungsmittel. Der Orgasmus kostet einen einfachen Arbeiter 300 bis 500 Sexas, wobei sein Lohn etwa 2000 bis 3000 Sexas beträgt. So sind einfache Arbeiter darauf programmiert, möglichst viel zu arbeiten, um möglichst viel Sex zu konsumieren. Die meisten Frauen sind auf die Prostitution angewiesen und verdienen einen Arbeiterlohn in fünf bis acht Stunden. Fast alle von ihnen streben an, einen freien Herrn oder einen Intelligenzler zu heiraten, um sich eigene Leibkinder, ein grosser Luxus, leisten zu können. Erst die Leibmütter und männliche Drohnen, die immer genau zehn Prozent der Gesamtbevölkerung bilden, dürfen Leibkinder gebären und sich fortpflanzen. Die höheren Frauenkasten häufen immer mehr Sexaskapital an, bilden die Oligarchie und verfügen über das Monopol auf Produktionsmittel. Da die Frauen im Sexyland etwa 30 Jahre länger leben als Männer, sind viele Frauen Witwen.

Was mich anbelangt, so habe ich hier einen Platz gefunden. Aber wie bei jeder Karriere ging es nicht ohne Doppelmoral: Im Sexyland des Jahres 2216 den Posten eines Professors für erotische Kultur am Institut für feministische Kulturwissenschaften zu besitzen ist pure Heuchelei. Weder in Europa noch im Sexyland existierte je eine erotische Kultur, genauso wie die freie Liebe hier nie gelebt wurde. Sie wird auch heute nicht gelebt, trotz aller sogenannten sexuellen Revolutionen in den letzten drei Jahrhunderten. Die Geschichte der Sexualität, wie sie in unseren Lern- und Geschichtsbüchern dargestellt wird, ist eine freche Doppelmoral und eine Lüge.

Weltkrieg

In unseren Geschichtsbüchern ist zu lesen, dass es in unserem Feminostaat niemals einen Krieg gab. In Wirklichkeit ist unser Staat aus dem Dritten Weltkrieg entstanden und wird von aggressiven männlichen Frauen regiert. Das spiegelt sich auch in der totalitären «Demokratie» unseres Landes und in unserer doppelmo-
ralischen und scheinheiligen Gesetzgebung wider.

Nicht jede «Entwicklung» des Geschlechts im Sexyland war eine Fehlentwicklung. Das Virus, welches die Weiblichkeit vernichtet hat, verbreitete sich erst mit dem Aufkommen des Emanzipationsfehlers. Die antike Lebenskunst war noch von Erotik und Verführung durchströmt. Ohne Eros- und Aphrodite-Kulte, die wichtigsten griechischen Kulte, hätte sich die antike Ästhetik und somit die sogenannte «germanische Kultur» niemals herausbilden können. Es war der arbeits- und leistungsorientierte christliche Kapitalismus, der die Erotik aus der Kultur wie den Saft aus einer reifen Frucht herauspresste. Das geschah im späteren Prozess des Technik- und Wissenschaftshochsprungs, der irrigerweise «Progress» genannt wurde. Seit dem 20. Jahrhundert sind die Weiblichkeit und somit die Verführung irreversibel verschwunden. Die Postmoderne hinterliess uns die trockene technologische männliche Kultur, in der wir heute leben.

Als Professor für erotische Kultur am Institut für feministische Wissenschaften vergleiche ich die Gegenwart mit einem abgenutzten Schwamm, der von Millionen kleiner Parasiten durchdrungen ist. Die erste Hälfte meines Lebens verbrachte ich mit dem Nachdenken darüber, was bleibt, wenn man die Erotik aus dem Sein verdrängt. Die andere Hälfte mit der theoretischen und praktischen Erforschung dieser Erotik. Mein Leben verging im Zeichen des Durstes und auf der Suche nach Wasser, der grundlegendsten irdischen Substanz.

Der Dritte Weltkrieg brach bereits im Jahr 2020 im Alpenraum aus, als Resultat einer internationalen Konfrontation zwischen arm und reich und religiösen Konflikten. Kirch-
liche Autoritäten meinten, der Weltkrieg sei eine direkte Folge der tiefen spirituellen Krise, in der die Industrieländer steckten. Dazu kam, dass im Europa der Jahrtausendwende auf einem relativ kleinen Stück Land mehr als eine Milliarde Christen, Moslems und Juden lebten, unter denen es immer mehr Fundamentalisten gab. Niemand nahm die Sache wirklich ernst.

Laut Erklärung der späteren sexylandischen Historikerinnen war der Dritte Weltkrieg ein Ergebnis der Unfähigkeit von religiösen Grössen, sich zu einer globalen Religion zu vereinigen oder mindestens eine Kompromisslösung zu finden.

Religiöse Konflikte bildeten aber nur die Oberfläche des Problems, die Spitze eines Eisbergs. Obwohl Buchreligionen unterschiedlich ausgelegt wurden, gründeten sie doch auf gemeinsamen Werten: Familie. Kapital. Bescheidenheit. Lustverzicht. Asketismus. Glauben. Solange Menschen ähnliche Werte pflegen, werden sie einander nicht töten. Aber sie werden es tun, wenn ihre Werte diametral gegensätzlich sind. Genau das war Anfang des 21. Jahrhunderts der Fall.

Wenn man nach Ursachen des Krieges sucht, findet man sie in der Krise von religiösen Werten als solchen, im inneren Widerspruch zwischen den Werten, die Buchreligionen vermittelten und nicht religiösen, gerade antireligiösen, mondänen Werten. Mit der sogenannten «Frauenemanzipation» im späten 20. Jahrhundert wurden Frauen männlich, und in der Welt überwog die männliche Energie, die Libido. Sie dominierte so stark, dass kaum noch jemand Geschlechtsverkehr in seiner ursprünglichen und natürlichen Form hatte. Es ist kein Wunder, dass es bald zu zwei signifikanten Gründungen kam, nämlich zur Gründung einer Freien Sex-Partei und einer Sex-Kirche. Der Weg zum Dritten Weltkrieg war damit geebnet.

Das Schloss

Lasst uns die Stufen dieses einst reichen und nun verwitterten Schlosses hinaufsteigen und vor einem massiven Tor stehen bleiben», höre ich das Gebet von Vater Lewis weit weg von mir. «Lasst die Landschaft der Berge, die Sterne und den Himmel auf uns wirken! Lasst uns die Luft riechen und schmecken und tasten! Denn niemand weiss, ob morgen, wenn wir den Bach überqueren, alles noch da ist.»

Die Stimme verstummt, und ich versuche mich einzulassen. Mit allen Sinnen. Es ist eine dunkle, dekadente und farbentraurige Landschaft. Wenn ich genauer hinsehe, verspüre ich ein Nostalgiegefühl, sogar ein Deja-vu-Erlebnis. Tatsächlich: Ich war ja bereits einmal hier! Die Dämmerung. Die Stille. Der Schnee. Der leicht säuerliche Geruch. Der kalte, neutrale Geschmack. Ich konnte ihn nicht vergessen, selbst wenn ich wollte. Braunes, zartes, vertrocknetes Laub. Es erinnert mich an meine eigene Vergänglichkeit.

Viele Jahre sind vergangen. Ich bereue es, dass ich damals nicht hineinging. Heute werde ich das Schloss betreten. Noch mehr bereue ich, dass ich es erst jetzt, im Spätherbst, tun werde. Die Flucht aus Puritanien in der Kindheit. Die tödliche Schlucht in der Jugend. Der transparente Bach in der nahen Zukunft. Berge und die Kälte überall um mich herum. Irgendwie habe ich mir das Alpenschloss anders vorgestellt. Etwas wärmer vielleicht? Ja, genau: Wärmer.

Eigentlich habe ich mir eine süsse Insel gewünscht. Oder wenigstens die Möglichkeit einer Insel. Im Frühjahr. Vielleicht im Sommer. Nun bin ich in den Alpen. Im Spätherbst.

Ich blicke zurück und sehe Berggipfel, die ich nicht erreicht habe und auch nicht mehr erreichen werde. Die Gipfel sind aus Eis. Ich war immer zu schwach, zu ungeduldig, zu faul, um hochzusteigen. Aber dies bereue ich weniger als die Tatsache, dass ich nun völlig allein vor dem Schloss angelangt bin.

Ich höre den Absturz eines Zeppelins weit unten im Tal und erinnere mich, wie unsere Wandergruppe im Dunkeln tappte. Meine Komplizen sehe ich vor meinem inneren Auge. Sehe, wie ihre Silhouetten immer grösser werden. Ihre Schatten kleiner.

Niemand wollte den Umweg in Kauf nehmen. Alle wollten den kürzesten Weg. Ein paar starben vor Hunger, noch bevor die Expedition losging. Jemand sagte, dass die Apokalypse immer eine persönliche Sache sei. Die anderen wollten ein ideales Produkt erschaffen.
Ein Blatt Papier ohne Rückseite. Eine Lampe ohne Schatten. Die Angeknacksten wollten nur geben, nichts nehmen. Und die Funktionstüchtigen nur nehmen, nichts geben. Das Leben ist aber keine verlustlose Lotterie. Auch kein Potlatch. Der Weg zum Schloss ist lang. Und gewunden.

Der Nachhall eines Gebets von Vater Lewis fordert mich auf, das Schloss zu betreten. «Lass mich hinein», bete ich nach und mache die Tür auf.

Ich gerate in einen Lichttunnel und werde durch ein helles Platinlicht geblendet, ein Licht von ungestümer Kraft, das ich bisher nicht einmal in den Bergen gesehen habe. Mit der Zeit erkenne ich eine endlose Zimmerflucht, sie erinnert mich an die Eremitage in Sankt Petersburg.

Das erste Zimmer ist mein Kinderzimmer. «Fliehe, mein Freund, in Deine Einsamkeit und dorthin, wo eine raue, starke Luft weht. Nicht ist es Dein Los, Fliegenwedel zu sein», steht am Kopfende meines Kinderbetts.

Ich gehe weiter und gerate in einen kleinen Raum voller Menschen, die ich im Verlauf meines Lebens beleidigt habe. Ich bitte sie um Vergebung und höre meine Mutter, die eine Passage rezitiert: «Der sei wonnig, der diese Welt besucht in ihren fatalen Minuten!»

Hinter dem Vergebungsraum entdecke ich eine Familiengruft mit Seelenverwandten, Menschen, die früher als ich abberufen wurden. Die Inschrift auf dem Granitstein am Sarg meines Grossvaters lautet: Gott ist tot. (Nietzsche) Nietzsche ist tot. (Gott)