Elias Kirsche - Text und Sex

Erotographie - Erotosophie - nacktes Dasein

Prolog. Der Junge Leninist


Zum ersten Mal erfuhr ich über das Phänomen der Prostitution aus der Zeitung „Junger Leninist“. 

Ich war damals acht Jahre alt und ging in die zweite Klasse der Grundschule, in der UdSSR. Unsere Grundschullehrerin Vladislava Ignatyevna bestand darauf, dass die ganze Klasse diese Zeitung las. Wir schrieben das Jahr 1990, die Sowjetunion stand kurz vor dem Zusammenbruch und das Pionier-Bulletin „Junger Leninist“ war pädagogischer Natur und wurde für die Mittelschule herausgegeben. In der Grundschule waren wir noch keine Pioniere, sondern wir hiessen „Oktjabrjata“, Oktoberkinder. Gemeint waren damit die Kinder der Oktoberrevolution von 1917 — auf der Vorstufe zu Pionieren. Den Pioniertitel sollten wir erst in der 5. Klasse der Mittelschule erhalten. Dazu kam es aber nie. Doch Vladislava Ignatyevna, die mir übrigens Zählen, Lesen und Schreiben beigebracht hat, glaubte, dass die Zeitung auch für Oktjabrjata gut geeignet sei, da sie über eine grosse Entwicklungsfunktion verfügte.

Der Artikel wurde in einem höchst moralischen postsowjetischen Ton verfasst und zielte darauf ab, die junge Generation von guten, edlen und korrekten sowjetischen Werten zu überzeugen. Er beschrieb den moralischen Sturz eines jungen Mädchens, das eine bewusste Bürgerin und ein Komsomol-Mitglied werden könnte, wenn es nicht einen bestimmten jungen Mann, einen bösen Spekulanten und Betrüger getroffen hätte, der sie zur Ausschweifung anstiftete anstatt in die Schule zu gehen. Dieser junge Mann wurde von ihr als gross, gutaussehend und sportlich beschrieben und im Artikel stand, dass er viele Freunde hatte und dass er auch die ganze Stadt kannte, in der die Geschichte spielte. Er versprach der Heldin in kürzester Zeit hohe Einnahmen ohne sichtbare Anstrengungen. Die Heldin glaubte ihm. Und so arbeitete sie einige Zeit erfolgreich als Nutte. 

Die Vergeltung kam in Form von Ablehnung durch ihre Familie und ihre beste Freundin. Die Leute betrachteten sie als Schande, das Mädchen geriet in Verzweiflung, landete im Krankenhaus und blieb für immer einsam. Der Rest der Vergeltung und eine schreckliche Bestrafung wurden detailliert geschildert.

Vladislava Ignatyevna bestand darauf, dass wir in der Zeitung, wenn möglich, alles von vorne bis hinten lesen, aber auch immer darüber reflektieren sollten, was wir gelesen haben. Deshalb dachte ich immer nach dem Lesen fleissig darüber nach. Ein weiterer Grund für meine Nachdenklichkeit war, dass ich im Alter von acht Jahren überhaupt nicht verstand, was genau als moralischer Sturz zur anschließenden Einsamkeit dieses Mädchens geführt hatte, und auf welche Weise sie dieses ganze Geld ohne sichtbare Anstrengungen und in kurzer Zeit verdiente. Unter meinen während der Oktober-Revolution ausgerotteten Vorfahren waren Aristokraten und Adlige, und die Wörter „Prostitution“ oder „Prostituierte“ wurden in unserer Familie nie verwendet. Das Thema Sexualität wurde auch nie angesprochen, und dieses Wort wurde auch im Artikel nicht erwähnt. Die Wörter „Prostituierte“, „korrupte Nutte“ und „Schlampe“ wurden aber benutzt.

Beim Abendessen (wir hatten wie immer Bratkartoffeln zum Abendessen) fragte Papa, warum ich so nachdenklich wirke. Ich antwortete, dass ich über einen Artikel nachdenke, den ich im „Jungen Leninist“ gelesen hatte, aber ich verstand ihn nicht. Mama fragte vorsichtig, worum es genau in diesem Artikel ging und was genau nicht klar geworden sei. Ich antwortete, dass es in dem Artikel um den moralischen Sturz eines Mädchens ginge, das eine Nutte war, und dass ich im Grunde genommen alles verstand, aber dass eines mir trotzdem nicht klar wurde: 

Wie konnte dieses Mädchen so schnell und einfach so viel Geld verdienen? Was genau hat sie denn getan? Wofür wurde sie bezahlt?

Es herrschte Stille. Plötzlich lachte Papa laut auf, stand vom Tisch auf und nahm sich etwas mehr Bratkartoffeln. Mama schien – im Gegenteil – erstarrt zu sein. Ihr verblüffter und sehr verängstigter Gesichtsausdruck, an den ich mich noch heute sehr gut erinnere, macht mir immer noch Angst, als wäre es gestern gewesen. Anscheinend hatte sie damals bereits das Gefühl, dass mit mir etwas nicht stimmte.

Mama schwieg und das verwirrte mich. Papa stand wieder vom Tisch auf und sagte aus irgendeinem Grund, dass dies alles eine gute Gelegenheit sei, sto Gramm — 100 Gramm — zu trinken. Er ging ins Wohnzimmer, brachte eine Flasche Cognac mit und goß sich einen großen Schluck ein. Mein Papa trank Alkohol sehr, sehr selten, im Gegensatz zu den Gewohnheiten meines Heimatlandes. Mama hingegen schwieg weiter und wurde mit der Zeit immer düsterer. So wurde mir klar, dass eine Nutte etwas sehr Wichtiges und Schlechtes sein sollte, aber gleichzeitig ein riesiges Geheimnis war. Etwas, was man im Familienkreis nicht gerne am Tisch bespricht.

Ich erinnere mich noch, dass ich immer wieder die selbe Frage stellte: 

Wie genau hat dieses Mädchen ihr Geld verdient? Immer und immer wieder. Ich erhielt jedoch nie eine Antwort. Papa versuchte, es wegzulachen, und Mama wollte das Thema wechseln. Einmal sagte Mama:

„Du musst aber nicht alles glauben, was gerade in der Zeitung steht. Vieles wird einfach frei erfunden, um ein kaputtes Land irgendwie zusammen zu halten.“ 

Ich gab aber nicht auf. Ich war schon immer extrem neugierig und wollte alles ganz genau wissen und verstehen, auch wenn es frei erfunden war. Schliesslich sagte Papa, ziemlich gereizt:

„Frage doch Vladislava Ignatyevna! Sie hat ja darauf bestanden, dass ihr diese blöde Zeitung von Anfang bis zum Ende lest! Der Junge Leninist! Die Nutte! Alles nur Schein, kein Sein! In diesem Land gibt es doch weder junge Nutten noch junge Leninisten! Wir sind hier alle gleich blöd! Gleich verloren! Und gleich moralisch veraltet!“

Er goss sich noch etwas Cognac ein und wiederholte sich:

„Wenn es dich wirklich interessiert, frage doch Vladislava! Und nicht uns!“ Aber Mama sagte aufgeregt:

„Oh, nein! Frag Vladislava lieber nicht! Auf keinen Fall! Das ist nicht nötig!“

Ihre emotionale Reaktion zeigt mir, dass es für mich wirklich besser sein würde, Vladislava nichts zu fragen.

Als dann Gäste zu uns kamen — normalerweise die Kumpels von Papa, da Mama fast keine Freunde hatte und sich für unsere kleine Wohnung schämte — erzählte Papa ihnen jedes Mal diese Geschichte, wie einen guten Witz, in etwa so:

„Stellt euch das nur vor! Der Kleine liest einen Artikel in der Zeitung, über den moralischen Sturz einer Nutte. Dann erzählt er uns beim Abendessen, dass er alles verstanden hat, ausser, wie genau das Mädchen so schnell so viel Geld verdient!“

Papa lachte ganz herzlich. Er würgte fast vor Lachen, seine Begeistung steckte die Gäste an, die ebenfalls zu lachen anfingen. Ich fühlte mich die ganze Zeit wie ein Vollidiot. Ich dachte, dass die Erwachsenen über meine Dummheit und Unwissenheit lachten. Es dauerte eine ganze Weile, bis Papa diesen merkwürdigen Vorfall ganz vergaß. Mama war dabei immer grimmig, sie lächelte zwar, aber verlegen und ziemlich traurig. Alles war ihr irgendwie peinlich. Aber niemand klärte mich über das Wesen dieses Phänomens auf. Der Kleine wurde in völliger Unwissenheit gehalten und fühlte sich ein bisschen dumm.

Erst drei Jahre später, im Jahr 1993, als es die Sowjetunion nicht mehr gab, erfuhr ich versehentlich, worauf es dabei ankommt. Mein Nachbar Andrej erwähnte einmal die Nutten in Verbindung mit einem sehr schönen vierzehn-jährigen Mädchen und einer ausgezeichneten Schülerin aus unserer Schule.
Ah, diese Nutte! Sie prostituiert sich ja! Jeden Abend!“ – sagte Andrej voller Verachtung und fügte sachlich hinzu:
„Vor dem neuen Hotel ‚Ukraine‘. Gegen US-Dollars, das fremde Geld…“ 

Selbst dann verstand ich nicht wirklich, was Andrej meinte, und was sie tat. Aber er erklärte es mir dann schon sehr genau und ziemlich ausführlich. Ich war 11 Jahre alt. Dann erinnerte ich mich an den Jungen Leninist und an den großen und gut aussehenden Typen, den Sportler, der viele Freunde hatte und die ganze Stadt kannte. Diese schöne Schülerin gefiel mir übrigens schon lange sehr sehr gut. Ich war sogar heimlich in sie verliebt, obwohl ich nie mit ihr gesprochen hatte. Das Phänomen die Nutte leuchtete für mich mittlerweile in vielen mehr als nur warmen Farbtönen.

Aber in meinem Buch geht es nicht um positive oder negative Töne. Mein Buch ist weder moralisch noch unmoralisch.

In meinem Buch geht es um die Nutten.

Und darüber, wie und warum ich darauf kam, ein Buch über sie zu schreiben.