Elias Kirsche - Text und Sex

Erotographie - Erotosophie - nacktes Dasein

Lena und Lera

Lena und Lera waren die ersten zwei Nutten, mit denen ich eine persönliche Bekanntschaft machte. Sie zogen 1998 aus Kasachstan nach Deutschland. Das war im selben Jahr, in dem auch unsere kleine Familie nach Deutschland zog, aber aus der Ukraine. Lena und Lera erlebten in Kasachstan in den späten 1990er Jahren das selbe Elend, wie wir in der Ukraine. Beide waren wie ich 17 Jahre alt. Aber sie begannen sofort nach der Ankunft in Magdeburg sich zu prostituieren, ohne diese Angelegenheit auf lange Sicht hinaus zu schieben. 

Lena und Lera waren sich sehr ähnlich, nicht nur bei ihren Namen. Auch äusserlich waren sie sich sehr ähnlich, so dass nur jemand, der sie sehr genau kannte, sie unterscheiden konnte. Wenn Sie den Film von Ilja Chrschanowski „4“ gesehen haben, erinnern Sie sich wahrscheinlich daran, dass nach der Handlung des Films viele Mädchen im postsowjetischen Raum über drei Klone verfügen. Das heisst, dass es von jedem vier gleiche gibt. Wenn Sie daran glauben, können wir davon ausgehen, dass es irgendwo in Kasachstan ein anderes Paar gab, das mit Lena und Lera völlig identisch war. Und wenn Sie dieser „Verschwörung“ nicht vertrauen, können wir davon ausgehen, dass es tatsächlich noch viel mehr Klonen von Lena und Lera gibt. Was meine ich damit? — Nicht mehr, aber auch nicht weniger als die Tatsache, dass es mir schwierig fiel, individuelle Merkmale bei Lena und Lera zu finden.

Ich traf Lena und Lera drei Wochen nach unserem Umzug nach Deutschland, als ich mit meiner Mutter in einer neuen deutschen Strassenbahn in der Stadt Magdeburg unterwegs war. Wir fuhren in die „Sonderschule zur Integration von Ausländern in die deutsche Gesellschaft“, wohin ich verwiesen wurde, um uns mit dem Schulleiter zu treffen. 

Wir waren nervös. Die Schule, der Schulleiter — das ist normalerweise mit etwas Belastung verbunden. Vor allem in einem fremden Land.

In den angrenzenden Abteilung sassen zwei Mädchen. Beide sahen zwei Barbie-Puppen sehr ähnlich: Beide trugen blaue Jeans, rosa Blusen und weisse Turnschuhe. Beide hatten goldene Locken und übertrieben geschminkte Augen und Lippen. So sahen in Magdeburg damals circa 70% bis 80% der einheimischen Mädchen aus. Ich fragte mich, wieso in einem „freien Land“ wie Deutschland fast alle Mädchen fast gleich aussahen. Wir kamen ja gerade aus einem „totalitären Land“, aber bei uns sahen viele Mädchen sehr unterschiedlich aus. Dann fragte ich mich, ob dieser Stil eher den Verlangen oder die Langeweile oder den Ekel auslöste? Plötzlich sagte das erste Mädchen ganz laut in reinem Russisch:

„Lenka! Wie geht es denn unsern Brüdern aus Kasachstan? Wie war’s gestern auf der Hütte?“

Mama zuckte überrascht zusammen und flüsterte zu mir leise:

„Siehst du, Iljuscha… Unsere Mädchen… Es scheint, dass sie auch zu deiner Schule fahren… Vielleicht werdet ihr Freunde…“

Das zweite Mädchen antwortete emotional und gestikulierte sehr schnell mit molligen Fingern. Ihre Fingernägel waren auffällig scharlachrot gefärbt:

„Lerka! Die Hütte war meeegageil! Sowas kannst du dir gar nicht vorstellen! Ljoha und Yurets haben mich beide so durchgefickt! So durchgefickt wurde ich! Es war meeegageil! Das kannst du dir gar nicht vorstellen!“ 

Sie umklammerte sogar ihren Kopf mit beiden Händen. Und dann — betont wichtig — ihren Schritt. Dann fügte sie hinzu:

„Sie haben mich bis zum Morgen durchgevögelt. Meine Votze ist ganz gereizt. Es tut mir megaweh!“

Und dann sagte das erste Mädchen, Lera:

„Verdammt, Lenka! Cool! Und was ist mit dem Anekdot? Wie geht es denn Anekdot? Sag mal!“

Meine Mutter und ich sassen so da, als ob wir einen Ping-Pong-Ball im Mund hatten. Während Lena weiter ganz laut Russisch sprach, konnten wir uns nicht einmal bewegen. Trotzdem hörten wir uns ihre Rede aufmerksam an, sehr reichlich mit Flüchen und seltsamem Slang gewürzt. 

Ich wuchs in der Westukraine auf. Ich ging dort während Zehn Jahre in eine Sprachschule mit vertieften Kenntnissen der englischen Sprache, zusammen mit den dort stationierten Töchtern und Söhnen der russischen Offizieren. Ich hatte immer die besten Schulnoten und beendete jedes Schuljahr mit einer „potschjotnaja Gramota“, einer Ehrenurkunde. Unter meinen vor und während der Oktober-Revolution in den Sowjetunion ausgerotteten Vorfahren waren Aristokraten und Adlige. Die Wörter „Prostitution“ oder „Nutte“ waren in unserer Familie ein Tabu, geschweige denn die Wörter „ficken“ und „geil“. Das Thema Sexualität wurde nie in irgendeiner Form angesprochen. Obwohl Lera und Lera sich in meiner Muttersprache — Russisch — austauschten, musste ich selbständig die Bedeutung von vielen Worten entziffern, die sie benutzten. Einige Wörter klangen sowohl einheimisch wie auch fremd. Ich hatte eine nur wage Vorstellung, was sie bedeuteten. Der Satz meiner Mutter blieb in meinen Ohren: 

Unsere Mädchen … Vielleicht werdet ihr Freunde…“

Ich lächelte.

Der Schulleiter sichtete kurz meine Zeugnisse und Empfehlungsschreiben — sie wurden alle von der einheimischen Schule ausgestellt. Mit einem absolut gleichgültigen Blick fragte er mich auf Englisch, ob „5“ in meiner Heimat die beste Note bedeute. Nicht ohne Stolz antwortete ich mit „Yes, that means it.“ Ohne wirklich nachzudenken, wies mich der Schulleiter in die achte Klasse ein, obwohl ich in meiner Heimat bereits die zehnte Klasse beendete. Ich hob meinen Kopf, sah zu diesem Herrn mit grauem Haar auf und fragte:

„But why in the eight class, Mister Director?“

„Because you don’t speak any German!“ — antwortete der Schulleiter. Ich wurde traurig. Dabei ahnte ich noch nicht, dass der deutsche Lehrplan in der Sonderschule weit hinter meiner Offiziersschule zurückblieb. Abgesehen vom lernen der Deutschen Sprache lernte ich in dieser Schule überhaupt nichts. Ich langweilte mich zum Tode. Durch den Umzug ins Ausland verlor ich also drei Jahre, von den 17. bis 20. Lebensjahr. Die drei besten Jahre meines Lebens.

*          *          *

In einem zerschlissenem, heruntergekommenem und dunklen Klassenzimmer, das noch viel deprimierender aussah als ukrainisches, sassen in der letzten 

Reihe drei Jungs, die mich an unsere Brüder erinnerten. Sie waren deutlich älter als ich, ungefähr Zwanzig oder älter als Zwanzig, und alle waren zwei- bis dreimal rauer und voller als ich. Sie tranken Wodka aus Plastikbechern, fluchten laut und sahen elend, aber auch bedrohlich aus. Ich sammelte meine Kraft als ich meine schmalen Schultern straffte. Ich ging auf sie zu und sagte:

„Hallo.“

Der erste Typ, anscheinend am wenigsten grober, antwortete:

„Hallo. Ich bin der Anekdot. Und das sind Ljoha und Yurets.“

Diese drei sah ich sicher vorher nie. Aber ihre Namen kamen mir bekannt vor. Ljoha fragte:

„Und wie heisst du?“

Ich überlegte eine Weile und antwortete:

„Elias.“

Dann sagte der Anekdot:

„Cooler Name!“

Und Ljoha fragte:

„Kannst du fönschwatzen?“

Ich verstand die Frage nicht. Aber ich konnte auch nicht noch einmal fragen. Es war mir irgendwie extrem peinlich. Ich wusste nicht, was ich antworten sollte. Dann sagte ich sehr leise und verwirrt:

„Ja…“

Aber dann behauptete Ljoha sofort, mit einem Grinsen und etwas seltsamer Zuversicht:

Also — bist du ein Fönschwatz!

Mir wurde übel. Ganz schüchtern schaute ich sie an, hob den Kopf und wagte es nach einer Pause erneut so brav wie möglich zu fragen:

„Was denn nun?!“

Yurets stand auf, trank einen langen Schluck Wodka, rülpste laut und sagte:

„Nichts! Du — Fönschwatz! So’nen Spitzname wirst du tragen! Ab sofort!“ 

Alle drei wieherten laut. Und ich war sofort bereit, durch den Boden zu fallen. 

Glücklicherweise betrat plötzlich ein grosser, dünner Mann in Weiss und mit langem Hals die Klasse. Es war der Mathematik-Lehrer. Sein Auftritt unterbrach diese seltsame Unterhaltung. Yurets versteckte schnell die Flasche mit Wodka unter dem Tisch und alle gaben vor, das Wasser zu trinken. Dann sagte Ljoha laut:

Fönschwatz, du, Schlingel! Schuuhherrr!!! Der Gans ist da!“

Der Mathematiklehrer warf mir, einem Neuling, einen verstohlenen Blick zu und setzte dann einen Russischen Akzent auf Lech:

„Ssssschhhhlingel! Schuuhherrr!!“

Die drei wieherten wieder. Der „Gans“ lächelte mich zur Begrüssung an, schätzte meine Figur und meinen langen Hals. Ich denke, dass es zwischen ähnlichen Menschen eine Art unausgesprochene Solidarität gibt. Der „Gans“ ging langsam zu unserem letzten Reihe, nahm einen Plastikbecher vom Tisch und hob ihn mit einer Grimasse an seine Lippen. Dann Schnüffelte er der Inhalt und sagte: 

„Wodka! Pit’ Wodka w Schkola — eto ne jest choroscho. Wam wsem Tadel!“

Der „Gans“ ging zum Tisch und holte einige Papiere aus seiner Aktentasche. Die Glocke läutete, scharf und durchdringend, wie das Zerbrechen von Glas. Matheunterricht hat begonnen. Während die deutschen Achtklässler lautlos und äusserst konzentriert das Volumen des Würfels berechneten, sagte Yurets plötzlich leise auf Russisch in Richtung von „Gans“:

Verdammt, Kurrrva! Tadel, Kurrrva! Fick dich ins Knie, du — Hurrrensohn!

Und Ljoha antwortete ihm gleichgültig:

„Macht doch gar nix! Tadel-Sradel… Hühnerscheisse ist das! Und der Gans ist ein Arsch!“

Ich verstand nichts. Absolut nichts. Obwohl beide, wie ich, Russisch sprachen. Bis zum heutigen Tag verstand ich fast alles, sogar auf Englisch. Ich hatte das Gefühl, als ob die Angst mich am ganzen Körper binden würde. Anekdot holte mich aus der Benommenheit. Er fragte plötzlich:

„Du, Fönschwatz! Wo wohnst du denn?“

Die sechs Augen richteten sich wieder auf mich. Ich schluckte und rasselte:

„In der Leiterstrasse. Hausnummer drei!“

Nach acht Wochen in einem schlicht eingerichtetem Flüchtlingsheim — einem Plattenbau im Zentrum von Magdeburg — bekamen wir eine Mietwohnung. Eine Dreizimmerwohnung. Und schon wieder in einem Plattenbau! Die Adresse lernte ich gleich auswendig.

Lyoha und Yurets gaben plötzlich die Berechnung des Würfelvolumens auf. Sie sprangen abrupt auf ihren Sitzen auf und schrien gleichzeitig:

„In der Leiterstrasse drei?! Was?! Wirrrklich?! Das ist aber eine Nummer! Das ist aber eine heisse Nummer! Kurrva! Verdammte Scheisse!“

Ich war noch mehr verwirrt. Anekdot erklärte es mir dann aber ruhig:

„Pass auf, Fönschwatz: In deinem Haus leben zwei geile Nutten. Zwei durchgefickte nuttige Votzen! Diese Miezen heissen Lena und Lera!“

Yurets beruhigte sich wieder und fuhr mit seinem Redefluss fort:

„Gestern haben Ljoha und ich die beide Votzen durchgefickt. Zusammen! So geil war das! Und wie wir sie durchgefickt haben… Meeegageil! Du, das kannst du dir gar nicht vorstellen! Wir haben bei ihnen das ganze Kindergeld verpisst! Das ganze Kindergeld — in einer Nacht! Du, Fönschwatz! In nur einer Nacht — alles verpisst! Wir kommen ja von der Neustadt — und los — sofort in die Leiterstrasse. Und dort wohnst du auch, du!.. Fönschwatz!“

Ich grinste. Ich zeigte ihm meine Zähne und sagte sachlich und kühl:

„Nun, gut… Okay, Yurets: Ich weiss schon Bescheid…“

Für einen Augenblick verspannten sich alle drei und verstummten. 

Nach einer Pause sagte Anekdot leise und verschwörerisch zu Yurets:

— „Siehst du, Bruder! Der Fönschwatz weiss schon Bescheid! 

— Also ist er definitiv ein Fönschwatz!“