Elias Kirsche - Text und Sex

Erotographie - Erotosophie - nacktes Dasein

Helene

HHelene stammte aus einem adligen Petersburger Geschlecht. Sie war eine grünäugige zierliche Blondine mit langen goldenen Locken und einem Engelsgesicht. Wir lernten uns in Internet kennen als ich noch in Magdeburg lebte. Dort konnte ich keine passenden russischsprachigen Freunde finden, ich sprach aber auch kein gutes Deutsch. Doch in zwei Monaten kaufte ich mir mit meinem Kindergeld einen neuen Computer und zwei Monate später stellte ich eine Verbindung zum Internet her. Noch in der Ukraine lernte ich, wie man einen Computer benutzt, und ein Bekannter zeigte mir den ersten russischen Chat, www.chat.ru. Dort gab es verschiedene Räume oder Kanäle und einer der Räume hieß „It’s all about Sex!“. Nachts „hingen“ dort Nutten und ihre Freier, aber auch allerlei Künstler und Boheme ab. — Wer hatte sonst noch in den späten 90ern in Russland Internet?! Ich war 18 Jahre alt und Helene war noch nicht einmal 20. Es stellte sich bald heraus, dass Helene in Frankreich, in Paris lebte und dass die erotischen Fantasien dieses Engels eher teuflischer Natur waren. Helene sprach Russisch wie ein Kind, sie liebte Diminutive und Koseformen. Aber der Inhalt ihrer Aussagen… — allesamt orgiastische Träume. Sado-Maso. Und Gruppensex. Helene war auch das erste Mädchen, das ich nackt über meine Webcam sah. Ihre nächtlichen Web-Striptease galten damals, vor mehr als 20 Jahren, als super-innovative Technologie.

Helens Freund namens Edi war ein Franzose. Er sah dem Protagonisten des Films „The Dreamers“ sehr ähnlich aus. Edi war der Sohn eines Anwalts und Abgeordneten. Edi und Helene fingen gerade an, Jura zu studieren. Das Studentenleben brachte natürlich viel Abwechslung mit sich und so luden sie mich im Sommer zu sich nach Paris ein. Helene und ich gönnten uns viele Freuden auf einer harten Matratze in ihrem Studentenwohnheim, während Edi an seiner Hausarbeit bastelte. 

Er saß am Tisch, drehte sich halb zu uns um und schaute manchmal in unsere Richtung. Sein Blick war verlegen und wir waren auch verlegen als er zu uns hinsah. Darum wurde ich etwas weicher, dann aber wieder härter, und unsere Helene amüsierte sich. Dann wurde sie aber ganz geil.

In diesem Sommer probierte Helene verschiedene erotische Outfits: Höschen, Strümpfe, Hemden und Negligés. Sie gab sich mir hin, dann wiederum Edi und manchmal uns beiden gleichzeitig. Für uns alle war dies die erste Erfahrung mit einem Trio. Die Nachbarschaft hörte lautes Stöhnen auf Russisch und Französisch, im Wechsel. Edi kniff Helenes Mund mit seiner Handfläche zusammen damit — Gott bewahre —  ihre edle Herkunft nicht gefährdet würde. Nachdem wir beide in ihr gekommen waren — natürlich ohne Kondome — fertigte Helene nackt ihre Skizzen an, Pastelle, Aquarelle oder auch mit Bleistiften. Das waren süße, fast kindliche Skizzen für ihr Tagebuch, wo ich, in einen langen Ledermantel verkleidet, sie mit Peitschen und Wimpern auspeitschte. Alles in rosa-blauen Tönen gehalten. Der Barbie-Puppen-Stil. Unsere Silhouetten waren auf ihren Skizzen ganz flach und schienen ohne Boden im Raum zu hängen. Ihre sanfte Zärtlichkeit konnte aber kein Kritiker bestreiten. An einem dieser romantischen Abende peitschte ich Helenе tatsächlich mit einer kuscheligen Peitsche aus. Ich verwöhnte ein Mädchen damit zum ersten Mal und es stellte sich als angenehm heraus. Es war aber nicht so einfach, ihren kleinen Popo zu treffen. 

Das Auspeitschen als erotische Unterhaltung lernte ich von Cat, meiner allerersten Geliebten. Sieben Jahre später wurde sie zu meiner ersten Ehefrau. Ich lernte Cat auf demselben Web-Portal www.chat.ru kennen, ein halbes Jahr bevor ich Helene kennenlernte. Wie Helene war auch Cat zwei Jahre älter als ich. Aber Cat sah ganz anders aus. Sie war gross, grösser als ich, 185 cm. Cat war wild. Rothaarig. Und sie war ein La-Femme-Fatale-Typ. 

Ausserdem war Cat bisexuell und zog sich ihre Sexsklaven auf. Mit so einer Frau verabschiedete ich mich also von meiner Jungfräulichkeit. Cat meinte es immer sehr ernst mit dem Auspeitschen. Und Edi… Edi lachte nur darüber. Oder er holte sich einen runter und zeigte mir seinen Daumen. Edi verstand fast kein Russisch und ich leider fast kein Französisch. Wir mochten kein Englisch. Und er konnte kein Deutsch. Ah, verdammte Scheisssprachbarrriere! 

Als ich nach Deutschland zurückkehrte, begann Helene mehr Aufmerksamkeit für sich zu beanspruchen. Doch die vielen Nachtgespräche ermüdeten mich. Ich wollte mehr Zeit für Cat aufwenden, die in Moskau lebte und mit der ich eine richtige Fernbeziehung führte. Deshalb machte Helene mit mir Schluss.

Drei oder vier Jahre vergingen. Ich absolvierte die gruselige Schule in Magdeburg und schrieb mich an einem Berufskolleg in Dortmund ein. Die Schwerpunkte waren Grafik- und Webdesign. In diesen Jahren reiste ich oft in Europa herum. Einmal während der harten Wintertage verbrachte ich eine Nacht alleine in einem billigen Hotel in Paris. Es schien mir, als ob ich Helene in einer der Shows auf einem bezahlten Sex-Fernsehsender wiedererkannt hätte. Ein Jahr später entdeckte ich zufällig ein Mädchen, das ihr sehr ähnlich war, auf den ersten Fetisch-Seiten im Internet und danach in Roy Stuart’s berühmtem Album „Volume II“. War das wirklich sie? Engel Helene, mit ihrer frühen Vorliebe für Nymphomanie schien es geschafft zu haben, eine schnelle Karriere im Art-House-Porno.

Wo bleibst du nun, unser grünäugiger Teufelsengel? Und wo bleibt Edi?

— Wir hatten es so schön zusammen.

— Ich vermisse euch.