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Geld retour (2014)

Posted by on Mrz 13 2014, in Kurzgeschichten, Memoiren

Eine (fast) wahre Geschichte

Geld retour Elias Kirsche

„Kupon“, ein ukrainisches Wertpapier im Wert von 500.000 ukrainischen Rubel aus dem Jahr 1994. Rechts sieht man den Fürst Vladimir, der einen Kreuz trägt. Vladimir liess sich im Jahr 988 taufen und führte damit Christentum in den Staat namens Киевская Русь („Kiewer Russland“) ein

„- Von wo kommt bei Ihnen das Geld? – Vom Nachttisch.
– Und wer legt es dorthin?
– Meine Frau.
– Und von wo kommt es zu ihr?
– Von mir.
– Und von wo nehmen Sie es?
– Ich habe es Ihnen ja bereits gesagt. Vom Nachttisch.“
Im Jahr 1991, in einem Jahr, geprägt durch den Zerfall des Sowjetischen Imperiums, erzählte mir der Vater am dürftigen Mittagstisch diese uralte jüdische Anekdote. Ihr paradoxes Wesen faszinierte meine unreife neunjährige Psyche. „Wo holt denn dieser anonyme Typ sein Geld her?“ – dachte ich, verblüfft und besorgt in Richtung Himmel schauend, während mein Vater sich über den von ihm selbst erzählten Witz vor Lachen am Boden wälzte und die Inflation des Rubel in meiner Heimat Zweitausendvierhundertneunzehn Prozent erreichte. Er hatte eine solche gutmütige Gewohnheit. Es war ein sehr kalter, trüber ukrainischer Winter und die Wege waren pures Glatteis. Ein Brot kostete zu diesem Zeitpunkt bereits einen fünfstelligen Betrag und die Löhne meiner Eltern, die sich noch nur in dreistelligen Beträgen ausdrückten, wurden seit sieben Monaten überhaupt nicht mehr bezahlt. Innerhalb von zwei Nächten hatte meine Familie das von zwei Generationen aufgebaute Vermögen verloren. Was mein Vater bekam war ein Herzinfarkt, den er durch den Einsatz von Elektroschock im letzten Moment überlebte. Drei Jahre später wog er über Einhundert Kilo, trug eine löchrige Jogginghose und einen Herzkatheter und las abends vor dem Einschlafen Kurzgeschichten von Shalom Aleichem. In diesen tragikomischen Geschichten ging es immer wieder darum, wie eine verarmte Hauptfigur schnell wieder an ihr verlorenes Geld zu kommen versucht. Allerdings gelang es ihr nie.

Normalerweise geht man als kleiner Junger davon aus, dass man die Fürsorge den Eltern überlassen kann. Da aber mein Vater schliesslich arbeitslos und berufsunfähig wurde, war ich permanent darauf angewiesen, mich mit den pragmatischen Fragen des Geldes zu befassen. Schon als Kind musste ich mein Geld selbst verdienen. Und es mussten über zwanzig Jahre vergehen, damit ich den globalen Geldkreislauf, wenn auch nur teilweise, erfassen konnte. Der Auslöser meiner plötzlichen Erkenntnis war, wie logisch, oder wie „natürlich“, das auch einem vorkommen mag, eine Waschmaschine.
Bevor ich in die reiche Schweiz kam, hatte ich das Glück (oder das Unglück?) durch viele arme Städte und Länder, wie z.b. Berlin oder Deutschland, zu reisen. Ich mietete günstige Zimmer oder Wohnungen, in denen es verschiedene Arten von Maschinen gab: Schreib-, Zeit- und Gedächtnismaschinen, und sogar eine amerikanische Fuckmachine, aber eine Waschmaschine gab es dort nie. So war ich überall auf so genannte Waschsalons angewiesen. Die innere Einrichtung dieser Salons variierte von absolut geschmacklos bis einfach kitschig und rief bei harmoniebedürftigen Menschen, wie ich es nun bin, ein Gefühlsspektrum hervor, das vom rudimentären Abscheu bis radikaler ästhetischer Unverträglichkeit reichte. Die Bedienungsanleitungen zu den Waschmaschinen wurden in den Salons immer in einer anderen Fremdsprache verfasst, aber die finanziellen Prozeduren wurden überall nach dem gleichen und einfachen Prinzip organisiert. Man musste weder Maschinenbau in Deutschland noch Wirtschaft in England studieren, um ihn zu verstehen. Für einen Waschgang wurde Kleingeld verlangt. Erst nach Einwurf von baren Münzen würde die Waschmaschine starten. Es gab aber ein Problem: in allen armen Ländern, wo ich nur gewesen war, schluckte die Maschine oft das Geld und ging nicht an. Es herrschte Stille und es passierte nichts. Und es war niemand, kein lebendiges Wesen da, bei dem man die gemeine Waschmaschine anklagen konnte. Man fand sich selbst in der kargen Gesellschaft von anderen Waschmaschinen vor, einsam, mit eigener kurzlebiger Vitalität, und wollte nicht unbedingt wegen etwas Bargeld einen grossen Ärger verursachen.

Bei diesen fresssüchtigen Automaten gab es noch so einen Knopf, der leider nie funktionierte. Es stand ein Slogan mit Ausrufezeichen am Ende drauf: „Retour!“ oder „Geld zurück!“, oder „Money Back!“, oder, wie in Russland, „возврат монеты!“. In allen Ländern wurde dem Nutzer das Geld zurück versprochen. Doch der Knopf erwies sich, und zwar global, als völlig nutzlos und der Aufruf nach Gerechtigkeit als gänzlich irrelevant. In den Städten, wo es den meisten Menschen finanziell, wie man es politkorrekt sagte, „nicht so gut ging“, bekam ich nie mein Geld zurück, auch wenn ich mehrmals auf den Knopf drückte. Ich fühlte mich dann so, als ob ein Unbekannter mein Vertrauen in die Waschmaschinen ständig missbrauchte und mir kam der Verdacht, dass der Knopf von einem globalen Netzwerk oder einer Sekte von hinterhältigen Maschinenbau- ingenieuren extra erfunden und konstruiert wurde, um naive Nomaden wie mich zu täuschen. Vielleicht war auch gar kein Mechanismus, der Bargeld zurückgibt, vorgesehen und der Knopf, von schlauen Erfindern erdacht, existierte von dem Rest der Maschine absolut losgelöst mit einem einzigen mental-sadistischen Ziel, beim leichtgläubigen Benutzer vergebliche Hoffnungsgefühle zu wecken, etwa genauso, wie ein Priester bei der Sonntagsmesse seiner Herde das ewige Farbenleben im Paradies verspricht. Die Hoffnung stirbt ja als Letzte. Auch bei mir dauerte es lange bis sie starb. Schliesslich vertraute ich den Maschinen nicht mehr. Ich kam auf die Idee einen internationalen Verein, oder eine Selbsthilfegruppe für von Waschmaschinen missbrauchte Menschen zu gründen. Dieseseigentlich existentielle Anliegen (denn, es ging ja tatsächlich um existentielle Fragen!) war eine gute soziale Sache, die nie zur Realität wurde. Doch materielle Verluste waren immer real.
Verärgert fühlte ich mich gezwungen, meine Wäsche in eine andere Waschmaschine zu verlegen, die leider Gottes in einer ganz anderen Ecke des Zimmers stand. In meinem mobilen Wäschekorb befanden sich einige schwarze Hemden, Seidenhalstücher von Yves Saint Laurant und Krawatten von Versace. Sie alle stammten aus diversen Second-Hand- Läden in Paris und Barcelona. Meine so genannte „Berufsbekleidung“, die zugleich „Strassenkleidung“ war (denn ich musste immer nur auf der Strasse arbeiten: als Strassenkünstler, Strassennarr, Strassenastrologe und schliesslich auf dem Strassenstrich), bestand aus überwiegend schwarzen Kleidungsstücken aus Leder, Satin und Samt. Dazu kamen Einzelsocken in verschiedensten Regenbogenfarben und einige lila Unterhose, meine Lieblingsstücke aus der Berliner Zeit, wo vorne und hinten einige Namen von Berliner U- und S-Bahnhöfen abgedruckt wurden, wie etwa Jungfernheide, Gleisdreieck oder Schöneberg. Unter dem teils neugierigen, teils verächtlichen Blick einer alten Dame, die mehr oder weniger zufällig auch eine auffällige lila Unterwäschelinie besass, jedoch ohne diese kleinen Aufdrucke, fühlte ich mich gezwungen in einer möglichst ruhigen Körper- und Geisteshaltung noch mehr Geld in eine andere Waschmaschine einzuwerfen. Dabei fragte ich mich innerlich: wo geht denn mein verlorenes Geld hin? Und wer bekommt es denn letztendlich? Ich durfte aber nicht erwarten, dass ich die Antwort jemals erfahren würde.
Als ich meiner Mutter, mit der ich aus den Waschsalons regelmässig telefonierte (in den russischen Salons gab es Telefonautomaten, die natürlich auch bare Münzen schluckten) von diesen mechanischen Intrigen verbittert erzählte, blieb sie leidenschaftslos und absolut gelassen:
– Mama, stell es Dir Mal vor, – sagte ich empört – überall in der Welt die gleiche Scheisse, nur in unterschiedliche sprachliche Umschläge verpackt! Gerade vor zwei Wochen passierte es mir sogar in Deutschland! Es hiess in einem Frankfurter Waschsalon „Geld Zurück!“ Mit Ausrufezeichen. Und, was glaubst Du? – Keine Reaktion!! Von den Deutschen hätte ich so etwas erwartet!! Wirklich!! – Ich schrie.
– Ergib dich deinem Schicksal und nimm das Leben so wie es ist, – sagte meine Mutter monoton. – Denn: Das Leben ist einfach ungerecht. Glaube mir, mein Sohn! Das ist so. Demut heisst aber der Beginn der Weisheit.

Während die Mutter weiter sprach beobachtete ich still durch kleine runde Plastikfenster, wie verschiedene fremde Kleidungstücke in den benachbarten Waschmaschinen kreisten. Es waren blaue Hosen, die afrikanische Hausmeister trugen, Bauarbeiter-Uniformen aus Polen, teure Reizunterwäsche von Prostituierten aus allen diesen neuen Ländern Osteuropas und, schliesslich, billige weisse Hemden, die verschiedensten Arten von „Office-Plankton“ gehörten, wie man in Russland halblegale Büroarbeiter nennt. Mitten in einem längeren Monolog (meine Mutter war gerade dabei die offensichtliche Ungerechtigkeit des Lebens mit Hilfe esoterischen Schnickschnacks, einem Gemisch aus Theosophie und New Age zu erklären) legte ich ungeduldig auf. Ich hatte überhaupt keine Lust, weder auf christlich geprägte Lebensberatung noch auf Predigten über den Nutzen der Demut. Ich war mit der Lebenseinstellung meiner Mutter ganz und gar nicht einverstanden. Und das Glauben fiel mir immer schon schwer. Ich konnte niemals und niemandem glauben, sondern wollte die Wahrheit selbst herausfinden. Zu dieser Zeit Philosophiestudent in Berlin, war ich etwas skeptisch gegenüber ihrer Theorie der axiomatischen Ungerechtigkeit des Lebens. Eher musste eine Gerechtigkeit oder ein Ausgleich auf der metaphysischen oder globalen Ebene existieren, die meine Mutter und ich noch nicht fassen konnten. Ich erinnerte mich an Lola, an kleines sibirisches Kätzchen, das dem Alex, einem Freund von mir, gehörte. Wenn man Alex Erzählung glaubte, ist Lola zufällig in seine Waschmaschine eingesprungen und überlebte einen komplizierten Waschgang. Ich kam mir damals wie Lola vor, die trotz ihrer natürlichen Schwäche und Verletzbarkeit genug Lebenskraft und Ausdauer besass. Und tatsächlich: ich war nicht nur ein Lebenskünstler. Ich war ein Überlebenskünstler. Verärgert über das betrügerische Wesen der Betreiber dieser Salons, s. g. Waschsalons, bin ich letztendlich in der Schweiz gelandet.
Die zweisprachige Stadt Biel oder Bienne, in der ich mich nun aufhielt, schien in vielen Aspekten ziemlich schräg zu sein. Französinnen reifen Alters, gekleidet in englische Schuluniformen, die auf Strassenkreuzungen Erotikfilme mit ihnen selbst in der Hauptrolle verkauften. Halbtaube alte Männer, die, eine unschuldig-neugierige Miene aufgesetzt, junge Männer hartnäckig danach befragten, wie sie zu irgendeiner Romanlesung gelangen könnten, obwohl sie die Wegbeschreibung nicht mal hören konnten. Magere, abgenutzte Typen in schwarzen Hüten und trendigen Sonnenbrillen, die beim trüben Wetter in der Dämmerung aus den Gassen der uralten Altstadt, Urstadt von Biel hinaussprangen. Ich wusste, dass in vielen diesen Gassen, in den Kellern, die sich unter diversen Boutiquen und kleinen internationalen Läden versteckten, private Waschsalons existierten, die reibungslos funktionierten. Es gab viele Multi-Kulti-Typen in Biel, die aus der ganzen Welt kamen und, wie ich, mehrere Nationalitäten, ethnische Wurzeln und Staatsangehörigkeiten hatten. Mit einem Satz, ich fühlte mich hier zum ersten Mal im Leben wie Zuhause, wenn es für mich irgendein Zuhause geben konnte. Der Höhepunkt meines Wohlgefühls (oder doch der Absurdität des Ganzen?) war die Bieler Waschmaschine.
Zur charmanten Dachwohnung, die ich im Stadtzentrum mit einem anderen Lebenskünstler bewohnte, gehörte eine so genannte Waschküche. Dort habe ich einen Schweizer Franken und zwanzig Rappen in die Waschmaschine eingeworfen und sie startete sofort. Der Waschgang dauerte etwas länger als üblich, so dass ich Zeit hatte eine Zeitung zu lesen. Auf der brüllenden Waschmaschine sitzend, erfuhr ich aus der aktuellen Presse, dass der von Vladimir Putin freigelassene russische Oligarch Michail Chodorkowski, der Namensvetter meines Vaters und ebenfalls ein Jude, heute in der Schweiz angekommen ist, wo er feierlich erwartet und begrüsst wurde. Hier in der Schweiz wurde sein Vermögen von rund 6,2 Milliarden! Schweizer Franken eingefroren. Hier nebenan, in der französischen Schweiz, lebte in einer luxuriösen Villa seine Familie. Und hier stand Micha nie vor einem Gericht.
Als mein Waschgang beendet war, freute ich mich nicht nur darüber, dass er dieses Mal ohne Fressversuche funktionierte. Nein, durch früheren Schaden gewitzt und durch eine Art unbewusste Kompensationslust getrieben, habe ich den berüchtigten Knopf gedrückt. In der zweisprachigen Stadt hiess der Knopf entsprechend sprachsynthetisch „Geld retour“, ohne Ausrufezeichen, alles ganz klein geschrieben.

Und! Was nun! Im tiefen Inneren des rätselhaften Automaten erklangen unerwartet bedeutungsvolle Geräusche und einige Schweizer Münzen fielen ins Fach. Ich holte sie heraus und zählte nach. Es waren ein Franken und vierzig! Rappen. Das war aber ein Geschäft! Nicht ohne Bewunderung musste ich feststellen, dass es sich dabei um einen tragikomischen Versuch handelte eine Art „Gerechtigkeit“ wieder herzustellen, – zumindest teilweise und rein formal, wenn auch überhaupt nicht quantitativ. Ich hatte einen glänzenden Einfall und erfuhr plötzlich, wo das ganze Geld hinging, das auf langen und harten Weg verloren wurde, – das Geld, das die unsichtbare Hand des ebenfalls unsichtbaren Hähnchenmastbetreibers mir immer wieder entnahm. In diesem Augenblick wurde mir die Essenz der internationalen Wirtschafts- beziehungen in vollem Umfang bewusst. Der Vorfall in der Waschküche, bei dem ich einen kostenlosen Waschgang plus zwanzig Rappen verdiente, musste mit der Ankunft des Oligarchen in einem räumlichen, symbolisch-metaphysischen Zusammenhang stehen. Die kleine Kompensation, die ich bekam, entsprach natürlich nicht dem Betrag, den ich in all diesen Jahren in die Waschmaschinen rund um die Welt zwangsinvestiert habe, ganz zu schweigen vom verlorenem Vermögen meiner Familie. Ich durfte mich aber wenigstens über einen lächerlichen Prozentbetrag erfreuen, der mir nun von der verlorenen Summe sozusagen zurückerstattet wurde. „In der Schweizer Waschküchen geht man anders mit Geld um als in der Rest der Welt!“ – dachte ich, während meine rechte (oder war das die linke?) Hand kleine kalte Münzen hielt. Scheinbar steht hier das Geld des Benutzers und nicht die Fresssucht im Vordergrund. Über das kollektive oder subjektive Gerechtigkeitsprinzip bzw. über die internationale Wirtschaftsethik will ich an dieser Stelle (noch) nicht spekulieren. Doch, wer weiss: Wenn ich mich in der Schweiz niederlasse und wenn es in diesem Stil weiter geht, werde vielleicht sogar ich als bescheidener Schweizer Konsument im Rentenalter mit Waschmaschinen etwas gewonnen haben.

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