Elias Kirsche - Text und Sex

Erotographie - Erotosophie - nacktes Dasein

Die tabulose Wissenschaft: zur Geschichte von sexuellen Tabus (2011)

… oder warum Freud und Foucault heute aktuell bleiben.

„Die Tabuverbote entbehren jeder Begründung, sie sind unbekannter Herkunft; für uns unverständlich, erscheinen sie jenen selbstverständlich, die unter ihrer Herrschaft leben“
(Sigmund Freud „Totem und Tabu“)

Es ist nicht einfach über sexuelle Tabus zu sprechen. Wie Psychiater und Psychotherapeut Dr. Samuel Widmer in seinem Interview einer möglichen Zeitung berichtet, entziehen sich Tabus einer vernünftigen wissenschaftlichen Analyse: „Wenn man sich mit Tabuthemen beschäftigt, wird man offenbar immer wieder falsch verstanden. Man zieht die Projektionen und Ängste anderer Menschen auf sich und gerät bald in Teufels Küche […] Ich kann mir dies nur dadurch erklären, dass Tabuthemen eben tabu sind und deshalb in den Köpfen der meisten Menschen sofort die wildesten Fantasien und Befürchtungen lostreten, wenn sie nur angesprochen werden.“[1. „Sex, Tabus und Transzendenz“, http://www.samuel-widmer.ch/html/index.php?id=104 aus: Widmer, Samuel: Des Kaisers Nacktheit – des Kaisers Dummheit / Von Freundschaften und Feindschaften / Über Berufskollegen, die Medien, Fachschaften, Freunde und Mitbürger / Ein Protokoll über das Anderssein / Dr.med. P.Samuel Widmer Nicolet / Basic Editions 2003]

Der Begriff Tabu stammt aus dem Sprachraum Polynesiens und ist aus dem Wort tapu abgeleitet. Tabu als Begriff fand Anfang des 20. Jahrhunderts weitgehend Eingang in die deutsche Sprache – und zwar sowohl als Adjektiv (etwas ist tabu) als auch als Substantiv (etwas ist ein Tabu). Als Eigenschaftswort bezeichnet tabu einen Zustand, der mit unverletzlich, heilig, unberührbar beschrieben werden kann: Tabuisierte Dinge – so die religiöse Vorstellung der Polynesier – müssten streng gemieden werden, da sie gefährliche Kräfte besäßen. Auf den Tonga-Inseln bedeutet tabu oder tapu ursprünglich unter Verbot stehend, nicht erlaubt. In seinem heutigen Gebrauch heißt das Wort auf Tonga heilig, geheiligt, aber durchaus auch in dem Sinn von eingeschränkt oder durch Sitte und Gesetz geschützt, Beispielsweise wird die Hauptinsel des Königreiches Tonga Tongatapu genannt, was hier eher heiliger Süden bedeutet als verbotener Süden. Dabei bleiben Tabus als Verhaltensregeln unausgesprochen oder werden allenfalls durch indirekte Thematisierung (z. B. Ironie) oder beredtes Schweigen angedeutet: Insofern ist das mit Tabu Belegte jeglicher rationalen Begründung und Kritik entzogen. [2. http://de.wikipedia.org/wiki/Tabu]

Tabus nehmen in der Geschichte der Sexualität eine besondere Stellung ein. Zwar verändern sich sexuelle Normen, Regeln, Gesetze und Verbote im Verlauf der Zeit und Kultur sehr stark, doch immer wieder handelt es sich um eine sehr feste Konditionierung auf der individuellen und kollektiven Ebene. Die Veränderungen sind oft äußerlich und betreffen innere, tief im individuellen und kollektiven Bewusstsein verwurzelte, psychologische Reaktionen auf Reize, die sexuelle Phantasien ansprechen, kaum. An dieser Stelle ist zu merken, dass wenn wir im Folgendem über die Notwendigkeit der Dekonstruktion von sexuellen Tabuverboten sprechen, dann meinen wir es positiv und konstruktiv, und zwar nicht als Abschaffung von Tabus im Sinne der natürlichen ethischen Regeln und Gesetzen, das zum Chaos und Schaden führen wird. Es sind nicht solche Tabus wie etwa Vergewaltigung gemeint, bei denen sexuelle Handlungen gegen den Willen des Subjekts ausgeführt werden und deshalb offensichtlich und tatsächlich schaden, sondern all die sexuelle Aktivitäten, die durchaus freiwillig und einvernehmlich stattfinden, die aber rein aus moralischer Sicht als „schlecht“ gelten und im Bewusstsein der meisten als schädlich erscheinen, doch nicht notwendig schädlich sind, wie z.B. Inzest unter volljährigen Personen, Sex ausserhalb der Ehe, Exhibitionismus, Sadomasochismus oder Prostitution.

Sexuelle Tabus entstehen innerhalb einer Kultur einerseits durch die Unterdrückung bestimmter Sexualimpulsen und Handlungen von aussen, andererseits durch innere psychische Verdrängungsmechanismen. Sie verfestigen sich in moralischen Normen und Verboten, die in religiösen Vorschriften und in juristischen Gesetzen ihren Ausdruck finden. Indem Literatur, Medien und Kunst darüber reflektieren, nehmen sie eine eigene Stellung dazu ein. Manchmal werden Tabus mittels Literatur, Kunst und Medien weiter verfestigt, manchmal aber auch dekonstruiert. So kommt es zu der Tabuisierung / Enttabuisierung von bestimmten sexuellen Dingen, Themen oder Handlungen, wie etwa Sex ausserhalb der Ehe in der (monogamen) bürgerlichen Kultur. In den Quellen der s.g. alternativen „Contra-Kulturen“ oder Subkulturen (wie etwa Esoterik, BDSM, Polyamorie-Gemeinschaften oder Sekten) werden dagegen Tabubrüche proklamiert, indem den Gesetzen / Verboten nicht gefolgt wird, z.B. allein aus Protesthaltung. So werden Tabu-Diskurse in der Kultur geschaffen, konstruiert und konstituiert. Psychologie und Philosophie, Recht und Politik, Religion und Wissenschaft gehen hier Hand in Hand.

Geschichte der Sexualität als Tabugeschichte

Im Folgenden möchte ich also den Fragen der Geschichte von sexuellen Tabus nachgehen, wie und warum sie funktionier(t)en, was den psychologischen Mechanismus ihrer Durchsetzung ausmacht, aber vor allem wie solche Tabus dekonstruiert werden können und müssen. Im Gegensatz zur Tabu- und Normenverfestigung bzw. zum Kampf dagegen, aber auch zum endlosen Sprechen über sie, möchte ich einen alternativen Weg vorschlagen, auf dem psychoanalytische Diskursanalyse als Praxis von sexuellen Aufklärung die wichtigste Rolle spielt und für den bewussten und verantwortlichen Umgang mit der Sexualität sorgt.

Sexuelle Tabus möchte ich dabei als in der Regel aufgezwungene, allgemeine psychische Verbote betrachten, die kulturell übernommen und vererbt werden. Sie sind Herrschafts- und Machtinstrumente, die für die Stabilität des individuellen und kollektiven Systems sorgen und die Steuerung des Menschen und der Masse erleichtern. Tabus sind sakrosankt und ubiquitär; je nach Ort und Zeit variieren sie, um die Interessen der Herrschaftsklassen besser zu verteidigen und vor allem um (ihre eigene) Sicherheit zu gewährleisten. Wichtig ist dabei, dass die Tabus durch Subjekte oder Gesellschaften in der Regel unbewusst übernommen und generationenlang weitergegeben werden, was eine ehrliche und gründliche Auseinandersetzung mit dem verbotenen Gegenstand verhindert. Dies findet historisch orts- und epochenübergreifend statt, dazu kann man reichlich Beispiele nennen. Auch die gängigen politischen Ideologien, Religionen und Kulte haben zum größten Teil Sexualität begrenzt und instrumentalisiert. Dabei handelte es sich fast nie um einen wirklichen Geist oder Freiheit der sexueller Kraft. Spirituelle Schulen und Philosophien, die Menschen vorurteilsfrei über Sexualität aufklärten, und wo der Sexus positiv zum Zweck der individuellen geistigen Entwicklung und Befreiung eingesetzt wurde, sind eine seltene Ausnahme geblieben. Dennoch findet man Beispiele dafür vor allem in den Quellen der fremden Kulturen und Subkulturen: z.B. in einigen alten Texten des tantrischen Vajrayana-Buddhismus, in der neo-tantrischen Szene oder auch als Utopien in der Literatur (z.B. bei Aldaus Huxley´s Insel). Diesen alternativen Konzepten der Sexualität scheint es notwendig auf die Spur zu kommen. Vorerst muss man aber versuchen sexuelle Tabus zu dekonstruieren, die in der westlichen Kultur sehr fest verankert sind und eine Jahrtausend lange Tradition haben.

Die Geschichte der Sexualität wird damit sowohl zu einer Tabugeschichte im Sinn der Konstruktion und der Verfestigung von sexuellen Normen und Tabus, als auch zu einer Geschichte des permanenten, gewaltsamen oder revolutionären Tabubruchs. Nur sehr selten findet in der Kulturgeschichte bewusste Dekonstruktion von sexuellen Tabus statt, und fast nie eine ehrliche und konsequente sexuelle Aufklärung. Als Folge distanzieren sich auch heute noch die meisten Menschen und Kulturen von der Idee der freien Sexualität. Es herrschen immer noch die Prinzipien der christlich-puritanischen Ethik und der bürgerlichen Leistungsgesellschaft Max Webers. Die andere Gruppe wiederum, scheint vom Sex abhängig und besessen zu sein (Hedonismus, sexuell orientierte Kulturen und Subkulturen). Heutzutage spricht man sogar vom Phänomen Sexsucht.

Die Geschichte von sexuellen Tabus bleibt damit eine politische und oft ideologische Manipulationsgeschichte (ganz im Sinn von Foucault!), die aus unendlichen und immer wieder gescheiterten Versuchen besteht, die Sexualität zu normieren bzw. ihr bestimmte feste Regeln aufzuerlegen oder Gesetze zu erlassen, die die s.g. konservative Koalition für wahr und aktuell hält. Ob wir uns die Bücher über Selbstbefriedigung des 19. Jhd. oder die Ehegesetze der Antike, oder auch die christliche Vorschriften des Mittelalters anschauen, überall finden wir diesen Drang die Sexualität zu normieren und zu unterdrücken. Anderseits ist sexuelle Tabugeschichte die Geschichte des ständigen Versuchs seitens der s.g. liberalen Opposition gegen diese Normen, Regeln und Gesetze zu verstoßen (ganz im Sinn von Sade!), was aber auch immer nur zum Scheitern im Sinn der Erkenntnis über Tabus oder daraus gewonnener Einsicht verurteilt ist. Die Geschichte der Sexualität Foucaults ist eine diskursive Geschichte, die uns vom Sprechen und Schreiben über Sexualität erzählt. Die Psychoanalyse erklärt uns, wie sie auf tieferen Ebenen funktioniert. In der Geschichte, und auch in der Wissenschaft gab es aber kaum Versuche oder Möglichkeiten die Menschen über Sexualtabu soweit aufzuklären, dass sie eine freie und unabhängige Sexualität leben und sich in diesem Sexualleben persönlich individuell entfalten. Mit anderen Worten, es gab kaum eine wirklich integrative, körperliche und geistige sexuelle Ausbildung oder Aufklärung, die das Ziel hatte zur positiven Erkenntnis über die Sexualität, zur Ganzheit zu führen oder wenigstens die praktische und geistige Funktionen des Begehrens, der körperlicher Liebe zu entdecken, die nicht nur zum Glück und Freiheit, sondern auch zum Aufstieg, Kulturschöpfung und Evolution (vielleicht im Sinn von platonischen Eros-Begriff) geführt hat. Meine Arbeit will versuchen solche Möglichkeiten zu entdecken, wobei es klar ist, dass so ein mutiger Versuch vom heutigen Leser mehr als idealistische Utopie und weniger als konstruktive Methode verstanden, definiert und interpretiert wird.

Sexuelle Tabus in Geistes- und Kulturwissenschaften

Anderseits scheint die Wissenschaft im Allgemeinen und die Kulturwissenschaften im Besonderen ein geeignetes Mittel zu sein, um mit Hilfe der Quellen- und Diskursanalyse die Mechanismen zu verstehen, die Tabus dekonstruieren. So kann man in erster Linie mit Hilfe der kultur-wissenschaftlichen Quellenanalyse diese Mechanismen beschreiben und erörtern, um sexuellen Tabus kulturhistorisch zu verstehen. Denn: Wenn sich die Quellen einer Kultur sexuelle Tabus dieser Kultur widerspiegeln, dann kann eine kulturhistorische Analyse dieser Quellen sexuelle Tabus (wieder) erkennen und dekonstruieren.

Man kann aber auch versuchen die (kultur)wissenschaftliche Texte selbst heran zu ziehen, um sie zu analysieren und zu interpretieren. Freuds „Das Unbehagen in der Kultur“ oder Foucaults „Geschichte der Sexualität“ scheinen dazu gut geeignet zu sein. Diese Autoren, die in ihren Werken einen nahen Bezug zum Verständnis der Sexualität in der Kulturwissenschaften herstellen, haben Tabus auf ihre eigene Weise präsentiert. Damit ist der Versuch, Tabus psychologisch und philosophisch zu erklären nicht neu. Dennoch, indem man diese Autoren selbst einer kulturhistorischen und philosophischen Analyse unterzieht, leistet man einen anderen, reflexiven und aktuellen Beitrag zum Thema.

Wie sieht aber das Verhältnis von sexuellen Tabus und Wissenschaft an sich aus? Wird die Wissenschaft von Tabus geprägt? Kann eine solche Wissenschaft echt oder gar objektiv sein?

Wenn es um Erkenntnisse in den Naturwissenschaften und in der Technik geht, dann spielen psychische Strukturen des Wissenschaftlers durchaus wenig Rolle, denn die Ideen und Errungenschaften müssen dort streng mathematisch belegt werden. Doch in Kultur- und Geisteswissenschaften, und vor allem in der Psychologie und Philosophie, ist es von grosser Bedeutung, wie frei im Denken und in der Psyche der Wissenschaftler selbst ist. Denn die subjektive innere Einstellungen zur Sexualität, die in jedem Wissenschaftler als Person inne wohnen, finden mehr oder weniger direkten Zugang in die Forschung. Vor allem bei den ethischen und moralischen Fragen ist dieser Zusammenhang unmittelbar. In den Geisteswissenschaften reflektiert die Person selbst über die Quellen, und damit spiegeln sich persönliche innere Verbote und Tabus zumindest indirekt, aber unausweichlich in den Forschungsergebnissen wider.

Von der Macht der öffentlichen Moral zur tabulosen Wissenschaft

An dieser Stelle ist ein Beispiel aus dem akademischen Umfeld vielleicht angemessen. Zu Zeiten der griechischen Antike (die ja für die europäische Kultur massgebend ist und ihr grösste, fundamentalste Erkenntnisse gebracht hat!) galt eine homosexuelle Beziehung zwischen dem Schüler und dem Lehrer nicht nur als normal, sondern sie wurde öffentlich gelebt und war sogar die notwendige Voraussetzung für die Erkenntnis seitens des Schülers und für das Glück seitens des Lehrers. Im platonischen Dialog Symposion lesen wir über den Eros als Gott der Liebe, die vor allem in der Rede von Pausanias durch körperliche, und zwar homosexuelle Komponente definiert ist; die Liebe zwischen Schüler und Lehrer, wenn sie wahr und ehrlich gelebt wird, führt bei dem Schüler zur Erkenntnis, zur Weisheit und Tugend. [3. Platon, Symposion, 675, 671]

Heutzutage ist eine körperliche (ganz zu schweigen homosexuelle) Beziehung zwischen Schülern und Lehrern ein Tabu. Schüler und Lehrer berühren sich nicht Mal! Wenn ein Philosophieprofessor eine sexuelle Beziehung zum Student lebt, wird sie meistens als Missbrauch abgestempelt. Und auch wenn der Professor nicht rechtlich bestraft wird, z.B. falls der Student auf freiwilliges Eingehen der Beziehung besteht, werden beide bestimmt mehr oder weniger öffentlich von Kollegen und anderen Studenten verurteilt.

Im Raum schwebt dann einerseits die Frage, ob in unserer Kultur dieser imaginärer Professor dann ohne vertrieben zu werden noch frei über ethischen und moralischen Fragen überhaupt forschen darf und kann, und andererseits, ob das Kollegium in seinen ebenfalls moralischen Forschungsarbeiten nach dem Vorfall als objektiv oder ehrlich von moralisch unabhängigen Beobachter (wenn es ein solcher gibt!) gesehen werden kann. Ganz zu schweigen ist vom Schicksal des Studenten: was für ein Erkenntnis erlangt er durch die Situation? Wird er sich der öffentlichen Moral unterwerfen und betrachtet sich als missbraucht, als Opfer der Manipulation? Oder protestiert er gegen Moral und wird zum Sündenbock? So oder so ist seine Karriere damit beendet, vom Rest seines Lebens keine Rede. Exil und Verbannung, Gewissensbisse, Schuld, Qual und innere Konflikte sind ihm damit garantiert. Fazit: wenn die Sexualität tabuisiert wird bzw. unbewusst frei gelebt wird bzw. plötzlich sehr wichtig wird, wie es in unserer Kultur der Fall zu sein scheint, ist damit in der Regel ein Problem und ein Schaden verbunden. Ob dann ein unabhängiges Erkenntnis innerhalb der Geisteswissenschaften auf dem Feld der Ethik und der Moral geben kann, bleibt höchst fragwürdig.

Daher muss die Geisteswissenschaft, aber vor allem Psychologie und Philosophie tabulos sein, wenn sie den Anspruch auf Freiheit, Unabhängigkeit und Objektivität der Forschung aufrecht erhalten will. Unter tabulos versteht man nicht Unzucht oder Libertinage, und auch nicht Willkür und Missbrauch, sondern ganz banal das Denken und die gesprochene Moral, in der alles Platz haben darf, solange es bewusst und einvernehmlich geschieht.

Wie erreicht man aber diesen Zustand? Müssen alle Wissenschaftler und Studenten sich selbst und einander einer Psychoanalyse oder einer Tabudekonstruktionstherapie unterziehen?

Freud trifft Foucault: Psychoanalytische Diskursanalyse als integrales Tabu-Dekonstruktionstool

Das wäre an sich gar nicht so schlecht, wenn jeder bei sich selbst schaut, bleibt aber natürlich utopisch. Was man real-wissenschaftlich versuchen kann, ist die wissenschaftliche Diskurse zu analysieren, und zwar nach psychoanalytischer Art und Weise. Wenn sexuelle Tabus, Blockaden und Verbote sich in den Forschungsarbeiten widerspiegeln, dann kann der freie Beobachter und Analytiker diese Spiegelungen wieder erkennen und feststellen, an welchen Stellen etwas persönliches oder auch als kollektive Konvention bzw. Glauben oder Vorurteil in die Wissenschaft projiziert wird. Den Mechanismus der Dogmenproduktion kennen wir heute gut genug um etwa mittelalterliche Moral re- und dekonstruieren zu können, aber noch nicht gut genug um es mit der Moral der klassischen, viktorianischen oder (post)modernen Zeit zu wagen. Was aber Freud und Foucault als Pan-sexualisten versucht haben, ist die Mechanik der kulturellen Verfestigung eines bestimmten Denkens zu verstehen und historisch zu rekonstruieren, die an sich eine Mechanik der Tabu-Produktion ist. Dieser Methode möchte ich auf die Spur kommen und genug Mut finden um nicht die Personen an sich, sondern die Diskurse einer Psychoanalyse zu unterziehen.

Diskursanalyse und Psychoanalyse können darin vereinigt werden. Integral-wissenschaftlich gesagt, kommt es nur auf die äussere und innere Zone [4. Den Begriff habe ich von Ken Wilber übernommen: es geht um die innere und äussere Sicht auf den oberen rechten Quadranten, der für die Sicht der zweiten Person steht und innerhalb dessen integrale Theorie die Wissenschaft platziert (als Sicht der zweiten Person auf die erste). Ausführlich dazu siehe AQAL-Modell.] an: die Psychoanalyse nach Freud versucht die innere Welt zu erklären, die Diskursanalyse nach Foucault die äussere, und zwar als Manifestation oder Ausdruck der inneren Welt. Damit erahnt man mit der psychoanalytischen Diskursanalyse nicht nur eine integrale Sicht auf sexuelle Tabus, sondern versteht ihre Geschichte aus der inneren und äusseren Welt des Subjekts und der Kultur.

Was ist denn Kultur-Wissenschaft? Welche Methoden benutzt sie, um das Werden und Vergehen der Kultur zu beschreiben und zu erklären? Wie steht es heute mit der Dichotomie Natur-Kultur und mit der Kulturgeschichte überhaupt? Sind Kultur und Zivilisation Synonyme oder Symptome im Bezug auf die Natur? Sind es Kategorien oder Entitäten? Und wie hängen diese mit sexuellen Tabus zusammen?
Alles umfassende, wissenschaftstheoretische Fragen, auf die es keine eindeutigen Antworten gibt.

Christian Kassung, Professor der Kulturwissenschaften an der Humboldt Universität Berlin sagt: „Kulturwissenschaft verfügt nicht über eine (oder mehrere) Methoden, in deren reiner Anwendung sich das Studium erschöpft. Vielmehr muss sie sich ihre Gegenstände allererst suchen und erschaffen, z.B. durch Verfremdung, Assoziation oder Analogiebildung.“ Es ist also wichtig anhand eines interdisziplinären Wissens und des Studiums von Quellen unterschiedlicher Art einen eigenen Zugang zur Kultur überhaupt und zum Gegenstand der Forschung zu finden. Ohne in die Abgründe des intellektuellen Snobismus abzuschweifen oder im Dickicht der wissenschaftstheoretischen Ansätze hängen zu bleiben, möchte ich versuchen, durch einen historischen und systematischen Zugang zu ausgewählten Quellen die Konstruktion und Dekonstruktion der sexuellen Tabus diskurstheoretisch-psychoanalytisch zu erörtern.