Master Elias Kirsche | Text & Sex |

Die Schachspielerin

Posted by on Mai 28 2015, in Allgemein, Kurzgeschichten

Russische Rohfassung und Dramaturgie – Alina Kopytsa

deutsche Übersetzung, Redaktion und Endfassung – Elias Kirsche

 

Der Anruf ertappt Mistress am Morgen in ihrem Spiel-Studio, kurz nach zehn Uhr. Mistress sitzt gerade rittlings auf dem Bidet und wäscht ihre Pussy. In ihrer Werbeanzeige auf www.creative-eros.com steht weiss auf schwarz, dass es den Kunden erst ab zwölf Uhr gestattet ist, sie zu kontaktieren. Für gewöhnlich nimmt sie gar nicht ab, wenn sie zur frühen Stunde begehrt wird. Dennoch verstösst sie am heutigen Morgen gegen ihre eigene Konvention, steht auf und schafft es knapp, das Handy zu holen. Eine männliche Stimme stellt sich höflich vor. Der potentielle Kunde fragt sie, ob er sie am Nachmittag besuchen kann. Ja, um drei Uhr passt es ihr. Er klingt ruhig und ausgeglichen, mit einer schüchternen Note. Die Schachspielerin nimmt wahr, dass sie sich freut ihm zuzuhören, während sie sich zwischen die Beine greift, um sich vorsichtig mit einem schwarzen Frottiertuch abzutrocknen.

In den Jahren der Arbeit als Schachspielerin lernte sie den Ablauf der Partie an der Stimme des Klienten zu ahnen. Wird der Gegenspieler sofort den Kopf verlieren und zur Attacke übergehen, während er die Verteidigung völlig vergisst? Wird er ein starker, aber fahriger Spieler sein, der auf seine Figuren nicht aufpasst? Oder wird er passiv zuschauen, warten und erhoffen, dass der Sieg wie von selbst auf ihn vom Himmel fällt? Am Anfang ihrer Karriere ging Mistress gnadenlos mit schwachen Spielern um. Sie gab ihnen keine einzige Chance zu gewinnen. Nach einigen Partien erschienen solche Männer nicht mehr in ihrer Sichtweite. Mistress hatte keine Ahnung, ob sie Abenteuer mit anderen Schachspielerinnen aufsuchten, oder ob sie das Spiel für immer aufgaben. Mit der Zeit lernte sie den Klienten leicht nachzugeben, indem sie sie geschickt manipulierte. Solche Gäste antworteten mit regelmässigen Spielrunden, was für sie regelmässige Honorare bedeutete. Je mehr Runden sie drehten, desto kleiner war bei Kunden der Wunsch aufzugeben, desto grösser war ihre Hoffnung zu gewinnen, um endlich über ihren heiss begehrten Körper zu verfügen.

Das Schachspiel ist ihre alte Leidenschaft, noch seit der Kindheit. Eine Schachpartie war die einzige Möglichkeit, etwas mehr Zeit mit ihrem Vater zu verbringen. Je besser sie spielen wird, desto mehr wird er sie lieben, so dachte die kleine Schachspielerin damals. Dennoch verliess der Vater sie und die Mutter. Zu der Pubertätszeit fingen und endeten fast alle ihre Romanzen auf dem Schachbrett, solange, bis sie Meisterin wurde, und die Männer sich vor ihr zu fürchten begannen. Später, als sie ihre Berufung entdeckte, verwandelte sie sich endgültig in eine zynische Hetäre, die zu Sentimentalitäten kaum fähig war. Stahlberechnung, harte Taktik und trockene Strategie führten sie durch das Geschäftsleben.

Misstress steht vor einem riesigen Spiegel, dreht sich um, betrachtet sich narzisstisch von allen Seiten. Ihr Spiegelbild gefällt ihr, ihr Körper ist ein Ehrenpreis. Königliche Haltung, scharfe Augenbrauenlinie, hoher Stirn. Sie ist eine entzückende Brünette, die schwarze Königin. Sie zieht ein kurzes Cocktailkleid an und geht frühstücken. In einem gemütlichen Cafe liest Mistress Luschins Verteidigung von Nabokov nach und löst ein Paar Schachaufgaben. Eine Stunde vor dem Termin kehrt sie zurück, breitet schwarz-weiss karierte Laken aus, zündet mehrere Kerzen an. Sie zieht sich in einen Korsett, Strapse und Reizdessous um. Sie trägt eine freche Schminke auf, zeichnet auf ihren Fingernägel ein schräges Schachornament. Mistress holt ihr Lieblingsschachspiel mit skulpturalen Figuren aus weissem und schwarzen Marmor, stellt sie auf den Schachtisch auf. Punkt um drei Uhr hört sie ein Türklopfen.

Auf den ersten Blick sieht der heutige Gegenspieler mittelmässig aus. Eine durchschnittliche Grösse, ein durchschnittliches Alter, der Anzug im durchschnittlichen Preissegment. In einer Menschenmenge könnte sie ihn nicht wiedererkennen. Die einzige Besonderheit des Opponenten – der penetrierende Blick seiner grauen Augen hinter der Brille. Sie lädt ihn in ihr Spielzimmer ein, erklärt lakonisch die Grundlagen der Wette, nennt ihren Preis. Sie nimmt das Couvert mit drei Einhundert-Euroscheinen, bedankt sich bei ihm. Wie immer, spielt Mistress mit Schwarz, indem sie es dem Gegner überlässt, das Debüt zu wählen. Der Gast eröffnet die Partie standardmässig mit e2-e4, danach folgt die sizilianische Verteidigung. Routiniert positioniert der Gegenspieler seine Figuren auf günstigsten Feldern. Mistress konstatiert, dass er sich mit der Theorie auskennt. Seine Gelassenheit und Verhaltensmanier verraten unzweideutig, dass so ein Typ keine spontanen Züge machen wird. Figuren werden lange nicht abgetauscht, die Enge auf dem Spielfeld fühlt sich unerträglich an.

Der Klüngel der Möglichkeiten verbirgt in sich eine Menge Verführungen, aber auch Risiko-Faktoren, eine gefährliche Windstille vor dem Sturm. Mistress versteht, dass sie diese Spannung aushalten muss. Dem Gegenspieler eilt es ebenfalls nicht, er will weder opfern noch abtauschen. Er wirft vorsichtige Blicke auf ihre Oberschenkel, schaut ins Dekolleté, rückt etwas näher. Er wartet eine günstige Kombination ab, lässt sich von ihren weiblichen Reizen nicht unterkriegen. Die langbeinige Königin spielt sonst tapfer und verzweigt, die Attacken führt sie dreist und aufmüpfig aus. Ihre Figuren opfert sie mit scheinbarer Leichtigkeit, dafür behält sie immer die Initiative. Aber heute stosst sie auf harten und prallen Widerstand des Gegenspielers, einen Widerstand, der keinen einzigen Riss für ihre beliebte forcierte Attacke zulässt. Nicht in der Lage sich zu beherrschen, schlägt Mistress nervös ein Bein über das andere, nagt an der Unterlippe, bricht ihre Position auf. Nun hat jeder einen Bauern, ein Pferd und einen Läufer weniger.

Ihr Opponent öffnet seinen obersten Hemdknopf, zieht seinen Sakko aus, demonstriert das braungebrannte Handgelenk, indem er seine Brille zurechtrückt. Der Gast versucht eine Fünf-Züge-Kombination zu realisieren, indem er seinen zweiten Läufer opfert. Mistress riecht die Taktik des Gegenspielers fast physisch, genauso wie sie den herben Geruch seines Parfums riecht. Seine komplexe Kombination stellt tatsächlich eine Versuchung dar. Falls sie darauf eingeht, wird seinerseits eine aufdringliche Intervention folgen, mit mehreren verzweigten Variationen. Dennoch unterschätzt der grauäugige Stratege die Meisterschaft der schwarzen Queen: sie nimmt seinen Opfer nicht an, drückt ihre Oberschenkel fester zusammen, atmet tief ein und aus. Auf seine Provokation antwortet Mistress mit einer raffinierten Contra-Attacke, sie schiebt den siebten Bauern nach vorne und öffnet ein wenig die Knie. Ihr Herz schlägt stärker, im Becken breitet sich eine angenehme Wärme aus. Ihren Gegner findet sie exzellent. Mit ihm fühlt sie sich brennend lebendig. Sie versucht das leichte Zittern zu halten. Wird er in ihre Falle laufen? Mistress hebt den linken Arm, spielt mit einer schwarzen Strähne, legt eine Achselhöhle frei. Dort hebt sie ihren letzten Trumpf auf: eine Synthese des weiblichen Schweisses mit dem Phäramonparfum. Vor dem Schachspiel spritzt sie sich immer an: falls eine Niederlage droht, wird der Gegenspieler abgelenkt.

Heute ist dieser Tag gekommen. Das einwandfreie Spiel des Opponenten untergrabt ihre Festung aus Logik, Intrige und Finesse. Mistress ist fassungslos. Sie spürt, wie die Strategie des Gastes „sie in einen süssen Ozean der Leidenschaft einsaugt“, der Ausdruck aus einem Frauenroman. Das Spiel mit ihm – ein berauschende Mischung aus berechnender Offenheit, heissblütigen Eifer und mentaler Begierde. Es ist eine grauäugige Verlockung, Anfechtung mittels Schachspiels. Mistress‘ Haar ist zerfetzt, durch Make-Up-Schicht schimmert natürliche Röte durch, Schweisstropfen glänzen in der Höhlung ihrer üppigen Brüste. Grauäugiger König (nun spürt sie seine königliche Majestät) findet aus ihren Intrigen immer wieder heraus, er tut es auf eine unglaubliche Art. Gelassen und cool spaziert er am Rande des Abgrunds und lächelt sie dabei noch freundlich an. Ein Geflecht aus Trajektorien, Verbindungen und Bedrohungen zeichnet auf dem Schachfeld erstaunliche Ornamente. Es scheint, dass diese Partie niemals zum Ende geht, so viele Pläne, Erlebnisse und Optionen sind im kurzen Zeitabschnitt versteckt!

Mistress‘ Konzentration sinkt und der Gegenspieler nutzt den Augenblick, um zu einem schamlosen Angriff überzugehen. Mit seinem Turm zwingt er die schwarze Dame in die Ecke. Sie lehnt sich in ihrem Sessel zurück, zieht ein Knie an ihre Brust. Nun zeigt sie dem Opponenten völlig unverblümt den ins Perineum eingeschnittenen nassen, durchsichtigen Streifen ihres Slips. Ihre Uhr tickt erbarmungslos. Im letzten Moment bemerkt sie eine geniale Möglichkeit, aus der Peitsche doch noch rauszukommen. Dennoch verzichtet sie bewusst auf den Gewinn und lässt die Dame verklemmt in der Ecke auf dem schwarzen Feld stehen.

Mistress gibt die Partie auf, gibt sich ihm hin, gestattet es ihm, sie Matt zu setzen. Die Schachspielerin beugt sich mit dem Oberkörper über den Schachtisch. Der grauäugige König steht auf, rückt von hinten heran und gewinnt sie.

Dabei beobachtet er lächelnd, wie seine schwarze Königin fällt.

 

 

 

You must be logged in to post a comment.