Elias Kirsche - Text und Sex

Erotographie - Erotosophie - nacktes Dasein

Die Kunststunde

Im Kunstunterricht im Kindergarten ist er nicht gut.

„Er hält den Pinsel falsch, in der falschen Hand, und benutzt immer wieder falsche Farben…“ sagt die Erzieherin.

„Er malt auch immer wieder falsche Sachen. Nicht das, was alle anderen Kinder malen. Nicht das, was auf der Tafel steht. Kurz – nicht das, was ein Kind malen muss.“ 

„Er ist halt ein spezielles Kind…“ sagt Ana zu der Erzieherin. 

Die Erzieherin schweigt. Sie schaut zur Seite.

Heute malen alle vierzig Kinder ein Bauernmädchen. Das Bauernmädchen muss lange goldene Haare, einen Zopf und blaue Augen haben. Die Erzieherin hat es gerade auf der Tafel gemalt. Das Mädchen an der Tafel trägt ein langes grünes Kleid. Ihre Beine und Füsse sieht man unter dem Kleid nicht. Vierzig Kinder malen fleissig das gleiche Bauernmädchen ab. Sein Bauernmädchen hat plötzlich schwarzes offenes Haar und grüne Augen. Es trägt ein kurzes rotes Kleid. Und es hat Beine und Füsse. Man sieht im Bild ganz klar, dass sein Mädchen Beine und Füsse hat. Und es trägt sogar Schuhe. Stöckelschuhe. Rote Stöckelschuhe. Er hat sich im letzten Moment für diese roten Stöckelschuhe entschieden.

Die Erzieherin geht durch den Raum. Sie wirft einen kurzen Blick auf die Ergebnisse der anderen Kindern. Sie lächelt, schaut zufrieden und bleibt an seinem Tisch stehen. Die Erzieherin: 

„Wer ist denn das?! Ist das denn ein Bauernmädchen?“

Er war nie auf einem Bauernhof. Er hat in seinem bisherigen Leben weder Bauern noch Bauernmädchen gesehen. Er hat Natalia, ein Mädchen aus der Gruppe, gemalt. So, wie sie ist, wenn sie mit Julia spielt. Mit grossen Augen, im Wind flatternden Haaren. Mit einem grossen Mund. Gross, weil sie lacht. Nun… Nun ist er ziemlich verlegen. Er darf ja nicht sagen, dass es Natalia ist, wenn sie mit Julia spielt. Natalia, Julia und andere Kinder – sie werden ihn gleich wegen seiner Freundschaft mit einem Mädchen auslachen. Darum sagt er einfach leise: 

„Nein…“

Und die Erzieherin sagt laut, ohne zu überlegen: 

„Nein?!“

Und dann sagt sie, noch lauter: 

„Es ist kein Bauernmädchen! Es ist eine Pinselei!“

Die Erzieherin konstatiert eine Tatsache. Sie bleibt bei ihm stehen. Sie blickt ihn von oben herab an. Noch weiter oben, über der Tafel, hängt das Lenin-Porträt. Lenin schaut von oben auf die Kinder herab. Lenin lächelt ihn an. Er sieht Lenins Gesicht ganz oben, das Gesicht der Erzieherin über sich. Das Gesicht von Natalia unten, in seinem Bild. Alle drei Gesichter erscheinen ihm flach. Alle drei sind gemalt. Auch das Gesicht der Erzieherin ist flach. Es kommt ihm surreal und wie gemalt vor. 

„Es ist kein Bauernmädchen. Es ist eine Pinselei.“ 

Er kann wohl nichts dagegen sagen.
Alle Kinder gehen aus dem Raum.

Pause.