Elias Kirsche - Text und Sex

Erotographie - Erotosophie - nacktes Dasein

Der Missbrauch

Eine philosophische Autofiktion

Der philosophische Roman „Der Missbrauch“ dokumentiert authentische Erinnerungen eines Flüchtlings aus der Sicht eines neutralen Erzählers, geboren kurz vor dem Zusammenbruchs der Sowjetunion, bis zu seiner Flucht nach Europa im Jahr 1998. Die vielschichtige und abenteuerreiche Lebensgeschichte besteht aus zusammenhängenden Fragmenten einer soziopolitisch gefärbten Autofiktion. Sie bildet den ersten Teil eines vierteiligen Projekts und beinhaltet persönliche, familiäre, interkulturelle und sexuelle Auseinandersetzungen des Jungen mit der Welt, wobei sein immer düsterer werdendes inneres Leben diese Auseinandersetzung noch zusätzlich erschwert. Von aussen und von ihnen gleichzeitig überfordert, flüchtet der Junge schliesslich äusserlich nach Deutschland und innerlich in seine utopisch-erotische Phantasiewelt.

Die Romandramaturgie entfaltet sich in einem Szenenwechsel zwischen der grausamen und elenden Realität und den surrealen Wunschbildern. Der Autor erzählt vom schizophrenen Kind mit einem kargen Wortschatz in kurzen Sätzen im Präsens. „Der Missbrauch“ kann deshalb an „Das grosse Heft“ von Ágota Kristóf erinnern, die auch keine Muttersprachlerin ist. Gleichzeitig ist im Text die robert-walsersche Ästhetik vorhanden, und die  tragikomische Selbstironie von Woody Allen: „Ich will eigentlich nur Ficken und Schreiben!“ notiert der dreizehnjährige Junge in seinem geheimen Tagebuch. Ihm gelingt aber vorerst weder das eine noch das andere: Zahlreiche Dogmen, endlose soziale Vorurteile und die Engstirnigkeit der dubiösen Führerfiguren (fresssüchtiger Staatssekretär, neurasthenischer Psychiater, egomaner Wunderheiler und blinder Geschichtenlehrer) hindern ihn ständig an jeder Form der Selbstfindung und der Entfaltung. 

In einigen Fragmenten dieser äusseren und inneren Exilgeschichte werden die bekannten kollektiven Ereignisse aus der Geschichte der UdSSR mit pseudo-naiven kindlichen Auge interpretiert: die Atomexplosion in Tschernobyl. Das Ende des Kalten Krieges. In den anderen Kapiteln konzentriert sich der Autor auf persönliche Dingen, die ein ehrliches, authentisches Bild der Weltanschauung und der Werte in der Sowjetunion kurz vor und nach ihrer Zersplitterung bieten: Zum Beispiel erzählt er, wie die Kinder in einem ukrainischen Kindergarten im Jahr 1986 ein Bauernmädchen malen. Oder wie kaltherzig den Sechsklässlern die Theorie des „Sozialdarwinismus“ vermittelt wird.

Anhand der individuellen Geschichte des Protagonisten wird der Umgang mit den beiden grössten houellbecqschen Differenzierungssystemen der Post-Postmoderne, dem Sex und dem Geld, im Kontext der ost- und westeuropäischen kollektiver Kulturgeschichte deutlich. Diese beiden Tabus gelten neben der persönlichen Geschichte als Oberthema des Romans. 

Der Autor beschäftigt sich aber auch mit anderen Tabu-Themen – der Flucht, dem Tod. 

Während der „gewöhnliche“ Leser permanent einen sexuellen Missbrauch erwartet, zeigt sich einem „anspruchsvollen“ Leser die ganze Lebensgeschichte immer mehr als ein prolongierter Missbrauch. Am Schluss erscheint das Leben in der Sowjetunion selbst, mit seiner zur Anpassung zwingenden Organisation, der Staatsdoktrin, der Politik, der Schule und der Familie als der eigentliche Täter.

Wobei der kleine junge Mensch ihnen allen zum Opfer fällt.