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Der Einsatz (2014)

Posted by on Mrz 13 2014, in Kurzgeschichten

Aljoschas Fluchtgeschichte

Dieser Einsatz war absolut hoffnungslos. General-Leutnant Scharapoff, eine höchst manische und zutiefst depressive Persönlichkeit, wie es sie nur in Russland-Tschetschenien-Krieg geben kann, schickte sie in den sicheren Tod. Zwei Kriegskameraden, Sergej und Aljoscha, zwei blonde junge Soldaten, die in einer Moskauer Kadettenschule ausgebildet wurden, – es blieb ihnen nichts anderes übrig als die Flucht.

***

Bis zur Landstraße sind es dreißig Kilometer, wenn man sich im Wald auskennt, und sie haben Brot, Bier und Kippen dabei. Aber kein Geld.

An der Landstraße angekommen, warten sie nicht lange. Ein fetter dunkelhaariger Typ nimmt sie bis zum nächsten LKW-Rastplatz mit. Beim Ausstieg in der Dämmerung sehen die jungen Männer, wie müde Fahrer in ihren Kabinen schlafen. Ein Fahrzeug ist besonders lang und fällt Aljoscha sofort auf, auch weil es neu und sauber ist. Am Steuer schnarcht ein kleinwüchsiger Mann, der etwas gekränkt aussieht. Das Kabinenfenster ist offen, er will sich etwas frische Luft gönnen.

Die beiden Blonden, Sergej und Aljoscha, sie kamen immer schon gut klar miteinander, gar ohne Wörter. Ein Blick, ein Augenzwinkern, los! Einer hält dem Fahrer den Mund zusammen, der andere schlägt ihn mit der Bierflasche auf den Kopf. Ein Schlag, leise, dumpf, kräftig, und schon ist der Fahrer bewusstlos. Im Tiefschlaf spürt er nicht einmal Schmerzen. Sie werfen ihn raus, steigen ein, drehen den Schlüssel durch, der Motor springt an.

Hinter ihnen sind Kaviar-Konserven. Roter Kaviar, erste Sorte, vom Lachs. Fast zwei Tonnen in der Sonne glänzender hellroter Kügelchen, ungefähr vierzig Millionen Stück, aus jedem konnte ein Lachs werden. Und dann noch fast eine Tonne von der etwas schlechteren Qualität ganz hinten, im Anhänger. Die Warenpapiere finden sie auf dem Beifahrersitz, im brauen Lederkoffer. Der Fahrer hätte die Ladung nach Sankt Petersburg transportieren sollen. Nur kommen weder er noch die drei Tonnen Kaviar dort an.

Nach siebenhundert Kilometer finden sie ein großes Lebensmittelgeschäft. Der Betreiber, ein dunkelhaariger einäugiger Mann, scheint ein Kriegsoffizier und ebenfalls Deserteur zu sein, sie verstehen sich mit ihm sofort gut. Er besichtigt den Frachtraum, schaut sich langsam die Reihen von Paletten an, holt eine Hundert-Gramm-Dose heraus, dreht sie in der Hand und legt sie in die Hosentasche. Er lädt beide Männer in seine Datscha zum Essen ein. Es gibt Weißbrot, Kaviar und Wodka. Sie trinken bis spät in die Nacht, übernachten bei ihm und schlafen bis elf Uhr vormittags. Gegen Mittag kauft er ihnen alles ab, er zahlt sofort, genau fünfzig Prozent des Einkaufspreises, der in den Warenpapieren zu finden ist. Fürs Ausladen bestellt er zwei weitere Männer, Aljoscha und Sergey machen mit. Nach einer knappen Stunde können sie mit dem leeren Wagen weiterfahren. Nun haben sie Kohle im Plastiksack, viel Kohle, genau siebzig tausend Dollar. Die Warenpapiere verbrennt der einäugige Mann sofort, in ihrer Anwesenheit. Die Asche wird in alle vier Winde zerstreut. Zum Abschied schenkt er Aljoscha ein schickes Zenit- Feuerzeug, mit Gravierung und vergoldeten Korps, als Freundschafts- erinnerung, sozusagen.

Es dauert noch fast zwei Wochen bis sie in Moskau ankommen. Sie trinken und rauchen am Steuer, und sie schlafen auch am Steuer, wie nur Menschen mit reinem Gewissen schlafen können. „Здравствуй, златоглавая!“ – begrüßt Sergej seine Heimatstadt laut, mit singendem Tonfall, wie seine Braut. Den neuen Wagen führen sie vom zweiten Stadtring in eine dunkle Schlucht, in der ihn selbst die Miliz nie mehr findet, und nehmen in Vorfreude ein Taxi in Richtung Moskau City.

Im Zentrum mieten sie eine Suite mit Marmor-Bad im Hotel International, in einem der besten und teuersten Hotels im Land. Beide sehen scheußlich aus und riechen nach altem Schweiß und Tabak. Sie sind aber immer noch fit nach drei Wochen Flucht, wie es nur russische Soldaten sein können.

–  Was machen wir nun mit der Kohle? Was lässt sich mit siebzig Tausend Dollar alles veranstalten? – fragt Aljoscha nachdenklich.

–  Chercher la femme, – antwortet Sergey, der in eine Eliteschule ging, wo er klassische, fast adlige Bildung genoss und daher etwas französisch und Englisch kann. – Ich möchte endlich Wärme, weibliche Wärme spüren. Schon Woody Allen sagte: „Ich weiß nicht, was die Frage ist, aber die Antwort ist mit Sicherheit „Sex““ – fügt er lächelnd hinzu.

–  Einverstanden, – sagt Alexej. – Lass uns die schönsten Mädels bestellen.

–  Warte kurz, – Sergey berührt Aljoscha an der Schulter. Seine Augen leuchten:

–  Ich habe noch eine Idee… man muss es wirklich schick machen. Schick und elegant! Genauso, wie in Paris! Lass uns gleich fünf junge Kurtisanen hierher holen und dann… und dann… lass sie in Champagner baden, und zwar, im richtigen Champagner…. In diesem… Wie heißt sie… diese Witwe a la France… Alex beißt sich an der Zunge.

–  Meinst du Veuve Cliquot?

–  Veuve Cliquot! Lass uns gleich Zweihundert Flaschen davon bestellen und zusammen Spaß haben. Und bitte… Bitte Rosenblätter nicht vergessen. Die Schönheit, Sergej! Schönheit, Ästhetik und Eleganz… Das alles muss sein.

An der Rezeption bestellen sie fünf erstklassige Escort-Girls und zweihundert Flaschen Veuve Cliquot. Der alte grauhaarige Portier raucht eine kubanische Zigarre und trägt einen Frack. Er zuckt nicht mal mit den Wimpern, als er die Bestellung von jungen Männern mit glänzenden Augen aufnimmt; er bleibt cool und präsent; in seinem Leben als Portier in einem Fünfsternhotel hat er einiges gesehen und weiß, dass solch verdächtige und stinkende Typen die großzügigsten Kunden sein können. Er möchte bloß kurz das Geld sehen und erinnert Sergey daran, dass die Bezahlung in voraus zu leisten ist. Damit haben sie kein Problem, Sergey wirft mit einer coolen Geste ein Paar Geldstöße auf die Theke. In einer Stunde sollen Champagner und Rosen ankommen, in zwei Stunden die Escorts. Sie haben noch genug Zeit um ihre Marmorwanne zu füllen.

Ja, sie füllen die Badewanne mit Champagner, mit Veuve Cliquot, Flasche für Flasche, das laute Korkenknallen kann man im Korridor hören. Nebenbei trinken sie selbst Champagner, doch da er ihnen nicht stark genug erscheint, kommt bald auch noch Wodka ins Spiel. Der Cocktail nennt sich „Kaulbarsch“, weil er den Hals „hackt“. Er schmeckt grausam und macht sogar russische Soldaten schnell betrunken. Als fünf hübsche Models in Strapsen und teuren Dessous ankommen, sind Serjoscha und Aljoscha schon so besoffen, dass sie keine Ahnung haben, was es mit den Mädchen zu tun gibt. Und selbst wenn sie eine Ahnung hätten, könnten sie nichts mehr tun.

Diese fünf teuren russischen Perlen, kaum achtzehn Jahre alte Mädchen, baden wohl gerne im Champagner und amüsieren sich echt dabei. Vergnügt schmachtend, schwatzend, laut lachend bringen sie mit ihren verführerischen Posen beide junge Männer dazu, noch mehr vom „Kaulbarsch“ zu trinken, so lange, bis sie nicht mehr ansprechbar sind.

Und dann verschwinden sie ganz schnell. Der ganze Service kostet Aljoscha und Sergey satte fünfzehn tausend Dollar in bar, drei tausend Dollar pro Mädchen, ohne dass sie eins von ihnen jemals berührten.

– So ́ne Scheiße! Scheiß Nutten… – schreit Aljoscha mitten in der Nacht melancholisch und spuckt auf den ohnehin schmutzigen Boden.Als sie am nächsten Morgen wieder wach werden, ist der Kater deutlich spürbar und draußen regnet es. Nun fühlen sie sich müde, traurig, nachdenklich, aber noch zu weiteren Moskauer Abenteuer bereit. Fünfundfünfzig tausend US-Dollar bleiben ihnen noch in der Plastiktasche.

–  Also… Was machen wir mit dem Rest? Was lässt sich mit diesen Scheiße-US-Dollar sonst noch alles veranstalten? – fragt Aljoscha mit einer Miene im Gesicht, die seinen Ekel bezüglich amerikanischer Währung deutlich zum Ausdruck bringt.

–  Ich habe eine tolle Idee, – sagt Sergej. – Wobei, ich muss dir eingestehen, dass diese Idee nicht wirklich meine ist. Etwas Ähnliches las ich Mal bei Dostojewsky, bevor ich zur Armee ging. Und ich wollte es immer schon machen. Mir einen Lebenstraum erfüllen…

–  Was denn? – Aljoscha scheint neugierig zu sein, aber auch skeptisch.

– Schau Mal… – Sergej reibt sich kräftig die Augen. – Wir haben die Kohle in einhundert-Dollar Banknoten. Insgesamt füfhundertfünfzig Geldscheine. Lass uns das Geld einfach aus dem Fenster auf die Straße werfen und schauen, was passiert… Du weißt ja selbst… Der Mensch ist von Natur aus gierig…. Gier verursacht Kampf, und der Kampf verursacht Krieg, Not, Unfälle… Was tut alles ein Mensch hier in Moskau für einhundert Dollar? Was opfert er dafür? Wie weit geht er? Heute, gerade jetzt, haben wir die Chance, es zu erfahren.

Sergey, der russische Soldat, scheint einer philosophischen Stimmung zu verfallen. Er nimmt einen großen Schluck aus der halbvollen Champagner-Flasche, die seit Abend am Nachttisch steht, stößt laut auf mit der zweiten leeren Flasche und spricht weiter:

– Mon Cher, wir werden es live erfahren, es mit eigenen Augen sehen, es miterleben… Das Drama, die Bühne des Lebens… Die wahre menschliche Natur. Den Mensch, wie er wirklich ist, wenn es ums Geld geht… So eine Aufführung, eine Tragödie… oder eine Komödie, wer weiß es schon… Verstehst Du, Bruder?

Eine Pause setzt sich durch. Aljoscha lacht. Er lacht leise, dann etwas lauter. Dann wird er immer lauter, und noch lauter, bis er gewaltig schreit:
– Sergey, mein Freund! Du bist ein Philosoph! Und auch noch ein Finanzgenie! Ich sage es dir: „Du bist ein Finanzgenie!“

Aljoschas Augen glänzen. Er steht auf, kommt näher und schüttelt Sergey die Schultern. Er lacht. Er sagt:
– Weiß du, Bruder… Eigentlich wollte ich sofort von hier abhauen, die Kohle mit Dir teilen und meiner Mutter ein kleines Häuschen am Land in der Nähe von Voronezh kaufen. Ich wollte mit ihr dort den Rest ihres Lebens verbringen. Dann wollte ich Natascha heiraten, mit ihr Kinder zeugen, und dann mit Natascha und mit den Kindern im Häuschen am Lande zusammen leben, das Nest pflegen, wie ein Bürger, wie ein richtiger Bürger, weiß du wie… Aljoscha verstummt, als ob er einen Klumpen im Hals hat. Nach einigen Sekunden spricht er weiter.

– Aber… Du hast Recht, mein Freund! Ich meine… Ich meine… es ist ja total langweilig! Es ist etwas für Deutsche, und für Amerikaner, und für den Rest der Erde, für die Schweizer, vielleicht… Aber doch nicht für uns, Bruder! Doch nichts für uns Russen!

Er wird wieder still und lenkt seinen Blick zum Fenster. Dann spricht er wieder:

– Natascha hat bestimmt einen Neuen. Warten, jahrelanges Warten auf mich, den Bräutigam… Das liest man in der Schule in diesen Romanen, aber welche Frau kann das heute noch?! Und meine Mutter… Sie kommt schon alleine zurecht… Ich finde Deine Idee genial: Wir erfahren sonst nie, wie Menschen wirklich sind. Und wir haben jetzt, jetzt gerade die Gelegenheit dazu. Wer weiß schon, ob wir die Gelegenheit jemals sonst noch haben werden…

Sein Blick wird fast wahnsinnig. Er zittert, wackelt mit dem Kopf. Er schreit: – Also, Bruder, lass es uns gleich ausprobieren!

Sergey holt den Sack voller Bargeld vom Tisch. Dann trinkt er seinen letzten Schluck Champagner und wirft die Flasche auf den teuren Parkett. Die scharfen Scherben fliegen herum.

Sie werfen das Geld tatsächlich aus dem Hotelfenster. Sie schauen vom Balkon im sechsten Stock aus, wie die Geldscheine runtersegeln, wie Confetti. Jede Banknote entspricht einem Durchschnittsmonatslohn eines Fabrikarbeiters, oder vier Monatsrenten einer alten Frau, wie Sergeys Mutter. Krise und Hunger herrschen in dieser Zeit in Russland, eine tiefgehende Krise und Hunger.

Das Geld landet auf die nasse Fahrbahn. Einige Menschen werfen sich unter vorbei fahrende Autos um einhundert-Dollar-Scheine zu holen. Eine alte Frau will gleich einen ganzen Stoß vom Wasser zusammengeklebten Banknoten ergreifen, passt nicht auf den LKW auf, wird sofort überfahren. Mehrere Menschen steigen aus ihren Autos aus um an Banknoten zu kommen. Von hinten werden die Autos zusammengeschlagen und überfahren. Innerhalb von drei Minuten bildet sich vor dem Hotel ein riesiger Unfall mit mehreren dutzenden Schwerverletzten und sieben Toten. Über vierzig Autos werden zerstört, ein Brand entwickelt sich, einige Bäume fallen. Zwei benachbarte Hochhäuser brennen mehrere Stunden lang.

– Lieber so, als bei Scharapoff dranzukommen. Oder einen tschetschenischen Messer im Rücken zu spüren, – konstatiert Sergey eine Tatsache.

Serjoscha und Aljoscha beobachten das Drama aufmerksam aus dem Balkon ihrer Luxus – Suite, wie das königliche Ehepaar aus der Theater- Loge. Sie unterhalten sich leise. Ihr Menschenbild bestätigt sich. Garantiert.

Die Miliz kommt viel zu spät, wie es zur Natur der Miliz gehört. „Russischer Mann fährt langsam“ – heißt es sprichwörtlich. Trotzdem gelingt es Sergey und Aljoscha nicht mehr rechtzeitig aus dem Hotel International zu flüchten. Sie wollen auch nicht wirklich flüchten. Sie haben genug von Flucht.

***

Bald stellt sich heraus, dass zwei Deserteure aus Tschetschenien am Abend das Champagnerbad und am Morgen das Blutbad veranstalteten. Sie werden festgenommen und zur Miliz gebracht.

–  Wer aus dem Krieg flüchtet, der endet in der Zelle, – sagt Aljoscha zu seinem Freund, als sie im Milizwagen sitzen, mit Handschellen, unter Aufsicht.

–  Schon gut, – antwortet Sergey, – ist doch besser als in der Hölle. Du brauchst dich nur an unseren General zu erinnern…

–  Stimmt… – erwidert Aljoscha und fügt hinzu:

–  Wer bei uns in Russland die wahre Natur des Menschen erfahren will, der ist lebenslang darauf aus zwischen dem Tod und dem Knast zu wählen. Keine einfache Wahl ist das… Aber man wählt halt das kleinere Übel.

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