Die Nutten

Sandra

Sandra lernte ich in meinem Tantramassagetraining kennen. In den Jahren 2007-08 absolvierte ich einen solchen Kurs, dazu ein Tantra-Jahres- Training. Ich wollte mehr über spirituelle Aspekte der Sexualität erfahren und lernen, Cat noch sinnlicher und erotischer zu berühren als bisher. Cat war zu dieser Zeit bereits meine Ehefrau. Wir lebten kurze Zeit zusammen in Berlin. Ich beendete meine Ausbildung am Berufskolleg in Dortmund mit Auszeichnung. Ich fand aber keine Arbeit in der Werbebranche, obwohl ich mehr als hundert Bewerbungen bei allen großen Werbeagenturen Deutschlands einreichte. Zwei Jahre später ging ich an die Humboldt-Universität, um Philosophie zu studieren. Ich wollte verstehen, warum mein Leben so seltsam verlief. Über die Jahre unserer Kommunikation auf Distanz bauten ich und Cat eine offene Beziehung auf. Ich durfte manchmal andere Mädchen verführen. Und auch Jungs. Cat durfte das natürlich auch.

Und Sandra… Sandra war sehr hübsch. Mit ihrer exquisiten Schönheit könnte sie eine Karriere im Model-Geschäft anstreben. Raffiniert, schlank, Beine bis zu den Schultern. Aber nicht wie ein Kleiderbügel, sondern anmutig, fließend, sinnlich. Ihr tolles Äusseres wurde ergänzt durch braune Rehaugen, lange glatte Haare und einen ausgeprägt vollen Mund. Sogar ihre Handflächen und Füße erschienen vollendet, daher verstehe ich nicht, wie sie darauf kam, zunächst Jura zu studieren, und warum sie unbedingt Anwältin werden wollte. Nun, als sie vom Rechtssystem völlig desillusioniert war, ging sie zu Elite-Eskort. Natürlich war ihre samtige tiefe Stimme vom Schöpfergott nicht nur für die Gerichtssäle geschaffen worden. Ihre langen, dünnen Finger waren nicht nur dazu da, falsche und heuchlerische Argumente für Klagen herauszufinden. Und die Hauptfunktion ihrer unübertroffenen Beine war sicherlich nicht nur das Gehen! Andererseits war es auch keine Berufung für ihre Lippen, alte Schwänze zu lutschen, für ihre Hände träge Hoden zu drücken. Oder Beine wie ihre über fette, männliche Schultern zu werfen. 

Im Grunde genommen musste man ihren Körper betrachten und bewundern. Ihn verewigen.

Sobald ich Sandra sah, begann ich zu beten, dass sie meine Partnerin für den Kurs werden würde, er dauerte ungefähr zwei Jahre. Der Herrgott erhörte mein Gebet und mein Wunsch ging in Erfüllung: Sandra kam selbst zu mir, sprach mich selbst an und ließ sich von mir berühren. Zum ersten Mal war meine ästhetische Freude so groß, dass ich nicht einmal einen harten Schwanz kriegte: Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, ihren Körper zu nehmen und zu vögeln. Ich glaube jedoch, dass ihre Kunden solche Bedenken nie hatten…

Ich war 25 Jahre alt, als wir uns trafen. Sandra war anscheinend 30 Jahre. Zu diesem Zeitpunkt gab sie sowohl ihre Tätigkeit als Rechtsanwältin wie auch als Elite-Eskort in Frankfurt auf. Sie widmete sich der gleichen Sache wie ich — der erotischen Forschung. Unser Training gefiel ihr jedoch gar nicht: Der Lehrer wirkte zu dominant und narzisstisch, und der Rest der Teilnehmer sei zu alt, und sexuell zu bedürftig, meinte sie. Nur die wenigsten galten für Sandra als Ebenbürtige. Einschließlich mich — ich war ihr viel zu schüchtern.

Ein Gehalt von ca. 8.000 Euro in der Unternehmensberatung war für Sandra nicht genug, da ihre männlichen Kollegen 10.000 bis 11.000 erhielten. Ich sagte ihr, dass sie mit der Organisation von 2-3 Dates pro Woche leicht auf 16.000 kommen könne. Sandra lehnte sofort ab: 700-1000 Euro pro Date seien für eine Top-Model wie sie zu wenig.

„Für dieses Geld — Maximum die Massage! Besser macht so ein Typ es sich selbst!“ — schrie Sandra laut:

„Und einen blasen soll er sich auch selber!“ — fügte sie hinzu.

„Na ja … Auch ein professionelles Fotomodell mit perfekten Massen wird pro Sitzung nicht besser entlohnt…“ — antwortete ich vorsichtig.

„Ich bin aber nicht irgendein Model mit perfekten Massen!“ — schrie Sandra.
Ich stritt mich nicht weiter mit ihr. Mir wurde schnell klar, dass Sandras Gier und Stolz ihr schönes Wesen irgendwann zerstören werden.

Trotzdem lud ich sie nach dem Kurs zu uns zum Abendessen ein. Cat servierte uns Spaghetti mit Meeresfrüchten. Danach sassen Sandra und ich auf unserem roten Sofa im Wohnzimmer. Cat ruhte sich neben uns in einem Sessel aus, gekleidet in einem Spitzenkleid, heiß und schmelzend. Sie wartete, bis ich endlich soweit war, sie beide zu einer ménage à trois zu verführen. Ich fand es schade, dassCat nicht selbst die Initiative ergriff. Das Bild dieser beiden Damen unter sich begeisterte mich bereits damals mehr, als die Show mit mir selbst in der Mitte.

Ich bewunderte Sandra und Cat. Gleichzeitig fragte ich mich, warum Sandra in dem Fall nicht selbständig arbeitete. Wenn sie so klug, so launisch und so belesen ist, kann sie sich ihre Kunden doch selbst auswählen! Ihren eigenen Tarif verlangen. Alles würde dann perfekt laufen. Als ich ihr diese Frage stellte, entmutigte mich die Antwort: Ja, sie dachte bereits darüber nach und suchte sich sogar schon ein geeignetes Studio in Frankfurt am Main. Aber alles hing … Achtung: — am Stuck! An der Decke! Ja, ja, Sandra wollte unbedingt in einem Studio mit Stuck arbeiten! Ansonsten — keinesfalls! Doch im Zentrum von Frankfurt lagen alle Studios in amerikanischen Neubauten! Und alle leider ohne Stuck! Ach, wie schrecklich!

„Oh! Mein Gott, Sandra! Den Stuck kann man doch nachbestellen!“ — Cat warf sich beiläufig hin und griff nach ihren Zigarillos. 

In einem Seidennachthemd von Yves Saint Laurent, mit ihrem langen und dünnen Captain Black im langen und dünnen schwarzen Mundstück sah Cat eleganter und edler aus als Sandra. Gott sei Dank war sie — und nicht etwa Sandra — meine Ehefrau.

„Das ist eine tolle Idee, den Stuck selbst formen zu lassen!“ — sagte Sandra.

Ihr Businessplan war damit vollständig. Aus diesem Grund verabschiedete sie sich bald von uns und wünschte uns einen angenehmen Abend.

— Der Abend war mehr als nur angenehm.

— Aber wirklich! 

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Helene

HHelene stammte aus einem adligen Petersburger Geschlecht. Sie war eine grünäugige zierliche Blondine mit langen goldenen Locken und einem Engelsgesicht. Wir lernten uns in Internet kennen als ich noch in Magdeburg lebte. Dort konnte ich keine passenden russischsprachigen Freunde finden, ich sprach aber auch kein gutes Deutsch. Doch in zwei Monaten kaufte ich mir mit meinem Kindergeld einen neuen Computer und zwei Monate später stellte ich eine Verbindung zum Internet her. Noch in der Ukraine lernte ich, wie man einen Computer benutzt, und ein Bekannter zeigte mir den ersten russischen Chat, www.chat.ru. Dort gab es verschiedene Räume oder Kanäle und einer der Räume hieß „It’s all about Sex!“. Nachts „hingen“ dort Nutten und ihre Freier, aber auch allerlei Künstler und Boheme ab. — Wer hatte sonst noch in den späten 90ern in Russland Internet?! Ich war 18 Jahre alt und Helene war noch nicht einmal 20. Es stellte sich bald heraus, dass Helene in Frankreich, in Paris lebte und dass die erotischen Fantasien dieses Engels eher teuflischer Natur waren. Helene sprach Russisch wie ein Kind, sie liebte Diminutive und Koseformen. Aber der Inhalt ihrer Aussagen… — allesamt orgiastische Träume. Sado-Maso. Und Gruppensex. Helene war auch das erste Mädchen, das ich nackt über meine Webcam sah. Ihre nächtlichen Web-Striptease galten damals, vor mehr als 20 Jahren, als super-innovative Technologie.

Helens Freund namens Edi war ein Franzose. Er sah dem Protagonisten des Films „The Dreamers“ sehr ähnlich aus. Edi war der Sohn eines Anwalts und Abgeordneten. Edi und Helene fingen gerade an, Jura zu studieren. Das Studentenleben brachte natürlich viel Abwechslung mit sich und so luden sie mich im Sommer zu sich nach Paris ein. Helene und ich gönnten uns viele Freuden auf einer harten Matratze in ihrem Studentenwohnheim, während Edi an seiner Hausarbeit bastelte. 

Er saß am Tisch, drehte sich halb zu uns um und schaute manchmal in unsere Richtung. Sein Blick war verlegen und wir waren auch verlegen als er zu uns hinsah. Darum wurde ich etwas weicher, dann aber wieder härter, und unsere Helene amüsierte sich. Dann wurde sie aber ganz geil.

In diesem Sommer probierte Helene verschiedene erotische Outfits: Höschen, Strümpfe, Hemden und Negligés. Sie gab sich mir hin, dann wiederum Edi und manchmal uns beiden gleichzeitig. Für uns alle war dies die erste Erfahrung mit einem Trio. Die Nachbarschaft hörte lautes Stöhnen auf Russisch und Französisch, im Wechsel. Edi kniff Helenes Mund mit seiner Handfläche zusammen damit — Gott bewahre —  ihre edle Herkunft nicht gefährdet würde. Nachdem wir beide in ihr gekommen waren — natürlich ohne Kondome — fertigte Helene nackt ihre Skizzen an, Pastelle, Aquarelle oder auch mit Bleistiften. Das waren süße, fast kindliche Skizzen für ihr Tagebuch, wo ich, in einen langen Ledermantel verkleidet, sie mit Peitschen und Wimpern auspeitschte. Alles in rosa-blauen Tönen gehalten. Der Barbie-Puppen-Stil. Unsere Silhouetten waren auf ihren Skizzen ganz flach und schienen ohne Boden im Raum zu hängen. Ihre sanfte Zärtlichkeit konnte aber kein Kritiker bestreiten. An einem dieser romantischen Abende peitschte ich Helenе tatsächlich mit einer kuscheligen Peitsche aus. Ich verwöhnte ein Mädchen damit zum ersten Mal und es stellte sich als angenehm heraus. Es war aber nicht so einfach, ihren kleinen Popo zu treffen. 

Das Auspeitschen als erotische Unterhaltung lernte ich von Cat, meiner allerersten Geliebten. Sieben Jahre später wurde sie zu meiner ersten Ehefrau. Ich lernte Cat auf demselben Web-Portal www.chat.ru kennen, ein halbes Jahr bevor ich Helene kennenlernte. Wie Helene war auch Cat zwei Jahre älter als ich. Aber Cat sah ganz anders aus. Sie war gross, grösser als ich, 185 cm. Cat war wild. Rothaarig. Und sie war ein La-Femme-Fatale-Typ. 

Ausserdem war Cat bisexuell und zog sich ihre Sexsklaven auf. Mit so einer Frau verabschiedete ich mich also von meiner Jungfräulichkeit. Cat meinte es immer sehr ernst mit dem Auspeitschen. Und Edi… Edi lachte nur darüber. Oder er holte sich einen runter und zeigte mir seinen Daumen. Edi verstand fast kein Russisch und ich leider fast kein Französisch. Wir mochten kein Englisch. Und er konnte kein Deutsch. Ah, verdammte Scheisssprachbarrriere! 

Als ich nach Deutschland zurückkehrte, begann Helene mehr Aufmerksamkeit für sich zu beanspruchen. Doch die vielen Nachtgespräche ermüdeten mich. Ich wollte mehr Zeit für Cat aufwenden, die in Moskau lebte und mit der ich eine richtige Fernbeziehung führte. Deshalb machte Helene mit mir Schluss.

Drei oder vier Jahre vergingen. Ich absolvierte die gruselige Schule in Magdeburg und schrieb mich an einem Berufskolleg in Dortmund ein. Die Schwerpunkte waren Grafik- und Webdesign. In diesen Jahren reiste ich oft in Europa herum. Einmal während der harten Wintertage verbrachte ich eine Nacht alleine in einem billigen Hotel in Paris. Es schien mir, als ob ich Helene in einer der Shows auf einem bezahlten Sex-Fernsehsender wiedererkannt hätte. Ein Jahr später entdeckte ich zufällig ein Mädchen, das ihr sehr ähnlich war, auf den ersten Fetisch-Seiten im Internet und danach in Roy Stuart’s berühmtem Album „Volume II“. War das wirklich sie? Engel Helene, mit ihrer frühen Vorliebe für Nymphomanie schien es geschafft zu haben, eine schnelle Karriere im Art-House-Porno.

Wo bleibst du nun, unser grünäugiger Teufelsengel? Und wo bleibt Edi?

— Wir hatten es so schön zusammen.

— Ich vermisse euch.

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Lena und Lera

Lena und Lera waren die ersten beiden Nutten, mit denen ich persönlich Bekanntschaft machte. Sie zogen 1998 aus Kasachstan nach Deutschland. Das war im selben Jahr, in dem auch unsere kleine Familie nach Deutschland zog, aber aus dem neu entstandenen Land, der Ukraine. Lena und Lera erlebten in Kasachstan in den späten 1990er Jahren das selbe Elend wie wir in der Ukraine. Und beide waren wie ich 17 Jahre alt. Aber sie begannen sofort sich nach ihrer Ankunft in Magdeburg zu prostituieren, ohne diese tolle Sache auf die lange Bank zu schieben. 

Lena und Lera waren sich sehr ähnlich, und das gilt nicht nur für ihre Namen. Auch äußerlich waren sie sich sehr ähnlich, so dass nur jemand, der sie sehr genau kannte, sie unterscheiden konnte. Wenn Sie den Film von Ilja Chrschanowski „4“ gesehen haben, erinnern Sie sich wahrscheinlich daran, dass in dem Film viele Mädchen im postsowjetischen Raum über drei Klone verfügen. Das heißt, dass es von jedem vier gleiche gibt. Wenn Sie daran glauben, können wir davon ausgehen, dass es irgendwo in Kasachstan ein anderes Paar gab, das mit Lena und Lera völlig identisch ist. Und wenn Sie dieser Verschwörung gar nicht vertrauen, können wir davon ausgehen, dass es tatsächlich noch viel mehr Klone von Lena und Lera gibt. Was meine ich damit? — Nicht mehr, aber auch nicht weniger als die Tatsache, dass es schwierig war, individuelle Merkmale bei Lena und Lera zu finden.

Ich traf Lena und Lera drei Wochen nach unserem Umzug nach Deutschland, als ich mit meiner Mutter in einer neuen deutschen Straßenbahn in der Stadt Magdeburg unterwegs war. Wir fuhren in die Sonderschule zur Integration von Ausländern in die deutsche Gesellschaft, wohin ich verwiesen wurde, um uns mit dem Schulleiter zu treffen. Wir waren nervös. Die Schule, der Schulleiter — das war bei uns schon immer mit Belastungen verbunden. Vor allem in einem fremden Land.

In der angrenzenden Abteilung sassen zwei Mädchen. Beide sahen zwei Barbie-Puppen sehr ähnlich: Beide trugen blaue Jeans, rosa Blusen und weiße Turnschuhe. Beide hatten goldene Locken und übermäßig geschminkte Augen und Lippen. So sahen in Magdeburg damals circa 80 % der einheimischen Mädchen aus. Ich fragte mich, wieso in einem freien Land fast alle Mädchen fast gleich aussahen. Wir kamen ja aus einem totalitären Land, aber bei uns sahen die meisten Mädchen unterschiedlich aus. Dann fragte ich mich, ob dieser Stil eher Verlangen, Langeweile oder Ekel auslöste? Plötzlich sagte das erste Mädchen laut in reinem Russisch:

„Lenka! Wie geht es denn unsern Brüdern aus Kasachstan? Wie war’s gestern auf der Hütte?“

Mama zuckte überrascht zusammen und flüsterte mir leise zu:

„Siehst du, Ilja, unsere Mädchen… Es scheint, dass sie auch zu deiner Schule fahren… Vielleicht werdet ihr Freunde…“

Das zweite Mädchen antwortete emotional und gestikulierte sehr schnell mit molligen Fingern. Ihre Fingernägeln waren auffällig scharlachrot gefärbt:

„Lerka! Die Hütte war meeegageil! Sowas kannst du dir gar nicht vorstellen! Lyoha und Yurets haben mich beide so durchgefickt! So durchgefickt wurde ich!.. Es war meeegageil! Das kannst du dir gar nicht vorstellen!“ 

Sie umklammerte dabei sogar mit beiden Händen ihren Kopf. Und dann — betont wichtig — ihren Schritt. Dann fügte sie hinzu:

„Sie haben mich bis zum Morgen durchgevögelt. Meine Votze ist ganz gereizt. Alles tut mir megaweh!“

Und dann sagte das erste Mädchen, Lera, ziemlich neidisch:

„Verdammt, Lenka! Cool! Und was ist mit dem Anekdot? Wie geht es denn Anekdot? Sag mal!“

Meine Mutter und ich sassen so da, als ob wir einen Kloß im Hals hatten. Während Lena weiter ganz laut Russisch sprach, konnten wir uns nicht einmal bewegen. Trotzdem hörten wir uns ihre Rede aufmerksam an, reichlich mit Flüchen und seltsamem Slang gewürzt. 

Ich wuchs ja in der Sowjetunion und in der Westukraine auf. Ich ging dort 10 Jahre in eine Sprachschule und erwarb dort vertiefte Kenntnissen der englischen Sprache, zusammen mit den Töchtern und Söhnen der dort stationierten russischen Offizieren. Aber ich hatte keine Ahnung, was all diese russischen (?) Wörter bedeuteten, die Lena benutzte. Sie klangen gleichzeitig einheimisch und fremd. Der Satz meiner Mutter klang noch in meinen Ohren: 

Unsere Mädchen … Vielleicht werdet ihr Freunde…“

Ich lächelte.

Der Schulleiter sichtete kurz meine Zeugnisse und Empfehlungsschreiben — sie wurden alle von der ukrainischen Schule ausgestellt. Mit einem absolut gleichgültigen Blick fragte er mich auf Englisch, ob „5“ in meiner Heimat die beste Note bedeutet. Nicht ohne Stolz antwortete ich mit „Yes, that means it.“ Ohne wirklich nachzudenken, wies mich der Schulleiter in die achte Klasse ein, obwohl ich in meiner Heimat bereits die zehnte Klasse des Gymnasiums beendet hatte. Ich hob den Kopf, sah zu diesem Herrn mit grauem Haar auf:

„But why the eighth grade?“

„Because you don’t speak any German!“ — antwortete der Schulleiter. Ich wurde sehr traurig. Dabei ahnte ich es noch nicht, dass der deutsche Lehrplan in der Sonderschule weit, weit hinter der ukrainisch-russischen Offiziersschule zurückblieb. Abgesehen von der deutschen Sprache lernte ich in dieser Schule nichts. Im Gegenteil: Ich langweilte mich zu Tode. Durch den Umzug ins Ausland verlor ich also drei Jahre, die Zeit vom 17. bis zu meinem 20. Lebensjahr. Die drei besten Jahre meines Lebens.

*          *          *

In einem ganz zerschlissenem, alten und dunklen Klassenzimmer, das viel deprimierender aussah als mein einheimisches ukrainisches sassen in der letzten Reihe drei Jungs, die mich an unsere Brüder erinnerten. Sie waren viel älter als ich, ungefähr 20 oder sogar älter als 20 Jahre alt und alle waren zwei- bis dreimal rauer und voller als ich. Sie tranken Wodka aus Plastikbechern, fluchten laut und sahen elend, aber auch bedrohlich aus. Ich sammelte meinen Mut, als ich meine schmalen Schultern straffte. Ich ging auf sie zu und sagte auf Russisch:

„Hallo.“

Der erste Typ, der anscheinend am wenigsten elend und grob war, antwortete:

„Hallo. Ich bin der Anekdot. Und das sind Lyoha und Yurets.“

Diese drei hatte ich vorher sicher noch nie gesehen. Aber ihre Namen kamen mir bekannt vor. Lyoha fragte:

„Und? Wie heißt du?“

Ich überlegte eine Weile und antwortete:

„Elias.“

Dann sagte Anekdot:

„Cooler Name!“

Und Lyoha fragte:

„Kannst du fönschwatzen?“

Ich verstand die Frage nicht. Aber ich konnte auch nicht nachfragen. Es war mir irgendwie extrem peinlich. Ich wusste nicht, was ich antworten sollte. Dann sagte ich sehr leise und verwirrt:

„Ja…“

Aber dann behauptete Lyoha sofort, mit einem Grinsen und etwas seltsamer Zuversicht:

„Also — bist du ein Fönschwatz!“

Mir wurde übel. Schüchtern schaute ich sie an und wagte es nach einer Pause erneut so brav wie möglich zu fragen:

„Was denn nun?!“

Yurets stand auf, trank einen langen Schluck Wodka, rülpste laut und sagte:

„Nichts! Du — Fönschwatz! So’nen Spitzname wirst du tragen! Ab sofort!“ Alle drei wieherten laut. Und ich war sofort bereit, im Boden zu versinken. 

Glücklicherweise betrat plötzlich ein großer, dünner Mann in Weiß mit langem Hals die Klasse. Es war der Mathematiklehrer. Sein Auftritt unterbrach diese seltsame Unterhaltung. Yurets versteckte schnell die Flasche mit Wodka unter dem Tisch und alle gaben vor, Wasser zu trinken. Dann sagte Lyoha laut:

„Fönschwatz, du, Schlingel! Schuuhherrr!!! Der Gans ist da!“

Der Mathematiklehrer warf mir, einem Neuling, einen verstohlenen Blick zu und setzte dann einen russischen Akzent auf Lech:

„Ssssschhhhlingel! Schuuhherrr!!“

Die drei wieherten wieder. „Gans“ lächelte mich zur Begrüßung an, schätzte meine Figur und meinen langen Hals. Ich denke, dass es zwischen ähnlichen Menschen eine Art unausgesprochene Solidarität gibt. 

„Gans“ ging langsam in die letzte Reihe, nahm einen Plastikbecher vom Tisch und hob ihn mit einer Grimasse an seine Lippen. Dann zu den Nasenlöchern. Er schnüffelte am Inhalt und sagte: 

„Wodka! Pit ‚Wodka w Schkola – ne jest choroscho. Wam wsem – Tadel!“

Der Lehrer ging zum Tisch und holte einige Papiere aus seiner Aktentasche. Die Glocke läutete scharf und durchdringend, wie das Zerbrechen von Glas. Der Matheunterricht hatte begonnen. Während die deutschen Achtklässler lautlos und äusserst konzentriert das Volumen des Würfels berechneten, sagte Yurets plötzlich leise auf Russisch:

Verdammt, Kurrrva! Tadel, Kurrrva! Fick dich ins Knie, du — Hurrrensohn!

Aber Lyoha antwortete ihm gleichgültig:

„Macht doch nix! Tadel-Sradel… Verfickte Scheisse! Der Gans ist ein Arsch!“

Ich verstand nichts. Absolut nichts. Obwohl sie, wie ich, Russisch sprachen. Bis dahin verstand ich fast alles, sogar auf Englisch. Ich bekam das Gefühl, als ob die Angst mich am ganzen Körper fesseln würde. Anekdot holte mich zurück. Er fragte:

„Du, Fönschwatz! Wo wohnst du denn?“

Die sechs Augen richteten sich wieder auf mich. Ich schluckte und rasselte:

„In der Leiterstrasse. Hausnummer drei!“

Nach acht Wochen in einem abgefuckten Flüchtlingsheim bekamen wir eine Dreizimmerwohnung in einem Plattenbauhaus. Die Adresse lernte ich gleich auswendig.

Dann gaben Lyoha und Yurets die Berechnung des Würfelvolumens sofort auf. Sie sprangen abrupt von ihren Sitzen auf und schrien gleichzeitig:

„In der Leiterstraße drei?! Waaas – Wirrrklich?!“ 

„Das ist aber eine Nummer! Kurrva! Verdammte Scheiße!“

Ich war noch mehr verwirrt. Anekdot erklärte es mir dann aber:

„Also: In deinem Haus leben zwei tolle Miezen. Zwei durchgefickte Nutten! Lena und Lera!“

Dann beruhigte sich Yurets ein wenig und fuhr mit seinem Redefluss fort:

„Gestern haben Lyokha und ich die beiden durchgefickt. Zusammen! So geil durchgefickt! Ah! Wie wir sie gefickt haben… Meeegageil! Du, das kannst du dir gar nicht vorstellen… Wir haben ihnen das ganze Kindergeld verpisst! Das ganze Kindergeld, in einer Nacht… Du, Fönschwatz! In nur einer Nacht — alles verpisst! Wir sind ja von Neudorf — und sofort in die Leiterstrasse… Und dort wohnst du auch, Du! Fönschwatz!“

Ich grinste. Ich zeigte ihm meine Zähne und sagte, sachlich und kühl:

„Okay, Yurets… Ich weiß schon Bescheid…“

Für einen Moment verspannten sich alle drei und verstummten. 

Nach einer Pause sagte Anekdot zu Yurets:

— „Siehst du, Bruder! Der Fönschwatz weiß schon Bescheid! 

— Also ist er definitiv ein Fönschwatz!“

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Prolog. Der Junge Leninist


Zum ersten Mal erfuhr ich über das Phänomen der Prostitution aus der Zeitung „Junger Leninist“. 

Ich war damals acht Jahre alt und ging in die zweite Klasse der Grundschule, in der UdSSR. Unsere Grundschullehrerin Vladislava Ignatyevna bestand darauf, dass die ganze Klasse diese Zeitung las. Wir schrieben das Jahr 1990, die Sowjetunion stand kurz vor dem Zusammenbruch und das Pionier-Bulletin „Junger Leninist“ war pädagogischer Natur und wurde für die Mittelschule herausgegeben. In der Grundschule waren wir noch keine Pioniere, sondern wir hiessen „Oktjabrjata“, Oktoberkinder. Gemeint waren damit die Kinder der Oktoberrevolution von 1917 — auf der Vorstufe zu Pionieren. Den Pioniertitel sollten wir erst in der 5. Klasse der Mittelschule erhalten. Dazu kam es aber nie. Doch Vladislava Ignatyevna, die mir übrigens Zählen, Lesen und Schreiben beigebracht hat, glaubte, dass die Zeitung auch für Oktjabrjata gut geeignet sei, da sie über eine grosse Entwicklungsfunktion verfügte.

Der Artikel wurde in einem höchst moralischen postsowjetischen Ton verfasst und zielte darauf ab, die junge Generation von guten, edlen und korrekten sowjetischen Werten zu überzeugen. Er beschrieb den moralischen Sturz eines jungen Mädchens, das eine bewusste Bürgerin und ein Komsomol-Mitglied werden könnte, wenn es nicht einen bestimmten jungen Mann, einen bösen Spekulanten und Betrüger getroffen hätte, der sie zur Ausschweifung anstiftete anstatt in die Schule zu gehen. Dieser junge Mann wurde von ihr als gross, gutaussehend und sportlich beschrieben und im Artikel stand, dass er viele Freunde hatte und dass er auch die ganze Stadt kannte, in der die Geschichte spielte. Er versprach der Heldin in kürzester Zeit hohe Einnahmen ohne sichtbare Anstrengungen. Die Heldin glaubte ihm. Und so arbeitete sie einige Zeit erfolgreich als Nutte. 

Die Vergeltung kam in Form von Ablehnung durch ihre Familie und ihre beste Freundin. Die Leute betrachteten sie als Schande, das Mädchen geriet in Verzweiflung, landete im Krankenhaus und blieb für immer einsam. Der Rest der Vergeltung und eine schreckliche Bestrafung wurden detailliert geschildert.

Vladislava Ignatyevna bestand darauf, dass wir in der Zeitung, wenn möglich, alles von vorne bis hinten lesen, aber auch immer darüber reflektieren sollten, was wir gelesen haben. Deshalb dachte ich immer nach dem Lesen fleissig darüber nach. Ein weiterer Grund für meine Nachdenklichkeit war, dass ich im Alter von acht Jahren überhaupt nicht verstand, was genau als moralischer Sturz zur anschließenden Einsamkeit dieses Mädchens geführt hatte, und auf welche Weise sie dieses ganze Geld ohne sichtbare Anstrengungen und in kurzer Zeit verdiente. Unter meinen während der Oktober-Revolution ausgerotteten Vorfahren waren Aristokraten und Adlige, und die Wörter „Prostitution“ oder „Prostituierte“ wurden in unserer Familie nie verwendet. Das Thema Sexualität wurde auch nie angesprochen, und dieses Wort wurde auch im Artikel nicht erwähnt. Die Wörter „Prostituierte“, „korrupte Nutte“ und „Schlampe“ wurden aber benutzt.

Beim Abendessen (wir hatten wie immer Bratkartoffeln zum Abendessen) fragte Papa, warum ich so nachdenklich wirke. Ich antwortete, dass ich über einen Artikel nachdenke, den ich im „Jungen Leninist“ gelesen hatte, aber ich verstand ihn nicht. Mama fragte vorsichtig, worum es genau in diesem Artikel ging und was genau nicht klar geworden sei. Ich antwortete, dass es in dem Artikel um den moralischen Sturz eines Mädchens ginge, das eine Nutte war, und dass ich im Grunde genommen alles verstand, aber dass eines mir trotzdem nicht klar wurde: 

Wie konnte dieses Mädchen so schnell und einfach so viel Geld verdienen? Was genau hat sie denn getan? Wofür wurde sie bezahlt?

Es herrschte Stille. Plötzlich lachte Papa laut auf, stand vom Tisch auf und nahm sich etwas mehr Bratkartoffeln. Mama schien – im Gegenteil – erstarrt zu sein. Ihr verblüffter und sehr verängstigter Gesichtsausdruck, an den ich mich noch heute sehr gut erinnere, macht mir immer noch Angst, als wäre es gestern gewesen. Anscheinend hatte sie damals bereits das Gefühl, dass mit mir etwas nicht stimmte.

Mama schwieg und das verwirrte mich. Papa stand wieder vom Tisch auf und sagte aus irgendeinem Grund, dass dies alles eine gute Gelegenheit sei, sto Gramm — 100 Gramm — zu trinken. Er ging ins Wohnzimmer, brachte eine Flasche Cognac mit und goß sich einen großen Schluck ein. Mein Papa trank Alkohol sehr, sehr selten, im Gegensatz zu den Gewohnheiten meines Heimatlandes. Mama hingegen schwieg weiter und wurde mit der Zeit immer düsterer. So wurde mir klar, dass eine Nutte etwas sehr Wichtiges und Schlechtes sein sollte, aber gleichzeitig ein riesiges Geheimnis war. Etwas, was man im Familienkreis nicht gerne am Tisch bespricht.

Ich erinnere mich noch, dass ich immer wieder die selbe Frage stellte: 

Wie genau hat dieses Mädchen ihr Geld verdient? Immer und immer wieder. Ich erhielt jedoch nie eine Antwort. Papa versuchte, es wegzulachen, und Mama wollte das Thema wechseln. Einmal sagte Mama:

„Du musst aber nicht alles glauben, was gerade in der Zeitung steht. Vieles wird einfach frei erfunden, um ein kaputtes Land irgendwie zusammen zu halten.“ 

Ich gab aber nicht auf. Ich war schon immer extrem neugierig und wollte alles ganz genau wissen und verstehen, auch wenn es frei erfunden war. Schliesslich sagte Papa, ziemlich gereizt:

„Frage doch Vladislava Ignatyevna! Sie hat ja darauf bestanden, dass ihr diese blöde Zeitung von Anfang bis zum Ende lest! Der Junge Leninist! Die Nutte! Alles nur Schein, kein Sein! In diesem Land gibt es doch weder junge Nutten noch junge Leninisten! Wir sind hier alle gleich blöd! Gleich verloren! Und gleich moralisch veraltet!“

Er goss sich noch etwas Cognac ein und wiederholte sich:

„Wenn es dich wirklich interessiert, frage doch Vladislava! Und nicht uns!“ Aber Mama sagte aufgeregt:

„Oh, nein! Frag Vladislava lieber nicht! Auf keinen Fall! Das ist nicht nötig!“

Ihre emotionale Reaktion zeigt mir, dass es für mich wirklich besser sein würde, Vladislava nichts zu fragen.

Als dann Gäste zu uns kamen — normalerweise die Kumpels von Papa, da Mama fast keine Freunde hatte und sich für unsere kleine Wohnung schämte — erzählte Papa ihnen jedes Mal diese Geschichte, wie einen guten Witz, in etwa so:

„Stellt euch das nur vor! Der Kleine liest einen Artikel in der Zeitung, über den moralischen Sturz einer Nutte. Dann erzählt er uns beim Abendessen, dass er alles verstanden hat, ausser, wie genau das Mädchen so schnell so viel Geld verdient!“

Papa lachte ganz herzlich. Er würgte fast vor Lachen, seine Begeistung steckte die Gäste an, die ebenfalls zu lachen anfingen. Ich fühlte mich die ganze Zeit wie ein Vollidiot. Ich dachte, dass die Erwachsenen über meine Dummheit und Unwissenheit lachten. Es dauerte eine ganze Weile, bis Papa diesen merkwürdigen Vorfall ganz vergaß. Mama war dabei immer grimmig, sie lächelte zwar, aber verlegen und ziemlich traurig. Alles war ihr irgendwie peinlich. Aber niemand klärte mich über das Wesen dieses Phänomens auf. Der Kleine wurde in völliger Unwissenheit gehalten und fühlte sich ein bisschen dumm.

Erst drei Jahre später, im Jahr 1993, als es die Sowjetunion nicht mehr gab, erfuhr ich versehentlich, worauf es dabei ankommt. Mein Nachbar Andrej erwähnte einmal die Nutten in Verbindung mit einem sehr schönen vierzehn-jährigen Mädchen und einer ausgezeichneten Schülerin aus unserer Schule.
Ah, diese Nutte! Sie prostituiert sich ja! Jeden Abend!“ – sagte Andrej voller Verachtung und fügte sachlich hinzu:
„Vor dem neuen Hotel ‚Ukraine‘. Gegen US-Dollars, das fremde Geld…“ 

Selbst dann verstand ich nicht wirklich, was Andrej meinte, und was sie tat. Aber er erklärte es mir dann schon sehr genau und ziemlich ausführlich. Ich war 11 Jahre alt. Dann erinnerte ich mich an den Jungen Leninist und an den großen und gut aussehenden Typen, den Sportler, der viele Freunde hatte und die ganze Stadt kannte. Diese schöne Schülerin gefiel mir übrigens schon lange sehr sehr gut. Ich war sogar heimlich in sie verliebt, obwohl ich nie mit ihr gesprochen hatte. Das Phänomen die Nutte leuchtete für mich mittlerweile in vielen mehr als nur warmen Farbtönen.

Aber in meinem Buch geht es nicht um positive oder negative Töne. Mein Buch ist weder moralisch noch unmoralisch.

In meinem Buch geht es um die Nutten.

Und darüber, wie und warum ich darauf kam, ein Buch über sie zu schreiben.

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Die Nutten

Das „Nuttenprojekt“ untersucht die Diversität der Biographien von Prostituierten.

Das Buch „Die Nutten“ besteht aus 24 Porträts, wobei es sich bei allen Models um echte Frauen handelt: zufällige Bekannte, Kolleginnen, Freundinnen und Ehefrauen des Autors. Die Portraits sind im Rohform auf Russisch bereits geschrieben, ein Manuskript von 172 Seiten liegt vor. Der Begriff „Nutte“ wird sehr weit gefasst: von der Strassennutte zur High Class Escort Lady, von einer tantrischen Masseurin zur Nymphomanin, vom Elite-Model zum Gangbang-Girl. 

Alle im Buch beschriebenen Frauen haben ihre eigenen Biografien, spezielle Schicksale, ganz persönliche Motive und Werte, die durchaus respektiert werden müssen.

Das Buch enthält einen Prolog, der den Erzähler im Alter von acht Jahren beschreibt, als er der Thematik der Prostitution in Form einer fiktiven Figur in einer sowjetischen Zeitung zum ersten Mal begegnete. Es gibt einen Epilog, in dem er sich als reifer Mann die Frage stellt, ob es vermeidbar gewesen wäre, diesen Frauen ihre Rolle als Nutten zu zuschreiben, und was genau die Ideologie des Neoliberalismus und des falschen „Feminismus“ heute dieser Rollenzuschreibung entgegensetzen könnten? 

Am Ende stellt sich die Frage nach den Grenzen des Begriffs „Nutte“. Diese Fragen implizieren neue Fragen — nach der Definition der „Arbeit“ und nach der Möglichkeit einer klaren Unterscheidung zwischen „Geschäft“ und „Privatleben“.

Gibt es zum Beispiel für den Mann einen Unterschied zwischen einer Frau, die jeden Abend Männer in einer Bar verführt, um dann mit ihnen in einem Vier-Sterne-Hotelzimmer, das diese Männer bezahlen, kostenlos Sex zu haben, und der Frau, die ungefähr soviel Geld für Sex verlangt, wie ein Zimmer in einem Vier-Sterne-Hotel kostet, aber die gesamte Aktion in ihrer Wohnung stattfinden lässt?

Alle Geschichten basieren auf realen Ereignissen. Darüber hinaus spiegeln die 24 Porträts den Autor selbst als „männliche Hauptnutte“ wider. Wenn der Autor also Porträts von Prostituierten schreibt, reproduziert er ein Selbstporträt.

Als intermediales, interdisziplinäres und internationales Kunstprojekt verweist der Roman „Die Nutten“ über die üblichen ethischen, diskursiven und semantischen Kategorien hinaus. Die künstlerische Arbeit wird auf drei Ebenen realisiert: textuell, visuell und auf der Ebene der Gerüche. Darüber hinaus ist geplant, das Projekt sowohl in einem „einfachen“ wie auch in einem „exklusiven“ Format umzusetzen. Ein einfaches Format (Auflage von x tausend Exemplaren) enthält ausschliesslich den Text. Das exklusive Format enthält einen einzigartigen handgeschriebenen Text in scharlachroter Tinte auf dünnem Transparentpapier und 25 einzigartige Illustrationen für jedes Kapitel. Das exklusive Format enthält ausserdem 25 verschiedene von einer Parfum-Designerin kreierte Designdüfte, die als „duftende Porträts“ fungieren.

Ziel des Projektes ist ein differenzierter Umgang mit Prostituierten als Individuen. Im Idealfall erkennen der Leser, der Betrachter und der Riecher in allen Porträts, dass hinter jeder Frau, die im kollektiven Bewusstsein wie eine Hure behandelt wird, ein einzigartiges menschliches Schicksal steckt — mit seinen Höhen und Tiefen und spezifischen Merkmalen, worin gerade auch ein einzigartiges menschliches Leben abgebildet ist.

Die mit Tinte äusserst gewissenhaft und mit vielen kleinen Details gezeichneten Porträts oder „Mikrogramme“ eines russischen Künstlers verfolgen dasselbe Ziel wie die Aromaöle, die auf jede der 24 Nutten als einzigartige Komposition zugeschnitten werden: sie verstärken die Wahrnehmung ihrer besonderen Persönlichkeiten. Aber es gibt auch ein gemeinsames Element, das in allen 25 Designparfums enthalten ist — dies ist ein Samentropfen des Autors Elias Kirsche.

Jedes dieser duftenden Porträts soll in einer Originalflasche präsentiert werden, in die der Besucher oder der Betrachter einen speziellen Tester in Form eines Horns absenken kann. 

Die Präsentation der Porträts findet im Dunkeln statt. Es ist jedoch geplant, Illustrationen, handschriftliche Texte und Duftporträts in Flaschen mit rotem Licht von 24 Spot-Lampen beleuchten zu lassen.

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