Romane

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Sandra

Sandra lernte ich in meinem Tantra-Jahrestraining kennen. In den Jahren 2007-08 absolvierte ich einen solchen Kurs plus einen Tantramassagetraining. Ich wollte mehr über spirituelle Aspekte der Sexualität erfahren und lernen, wie ich Cat noch sinnlicher und erotischer berühre, als ich es ohnehin schon tat. Cat war zu dieser Zeit bereits meine Ehefrau. Wir heirateten in Dänemark und lebten kürzlich zusammen in Berlin. Ich beendete meine Ausbildung am Berufskolleg in Dortmund mit Auszeichnung. Ich fand aber keine Arbeit in der Werbebranche, obwohl ich mehr als hundert Bewerbungen bei allen grossen Werbeagenturen Deutschlands einreichte. Zwei Jahre später ging ich an die Humboldt-Universität Philosophie studieren. Ich wollte verstehen, warum mein Leben so seltsam verlief. Cat und ich dürften wegen der russischen und der deutschen Bürokratie und des geltenden Ausländerrechts in Deutschland lange nicht zusammenleben. Wir hatten aber gewisse körperliche Bedürfnisse. Es blieb uns darum nichts anderes übrig als eine offene Beziehung zu führen. Die Bürokratie und die Gesetzeslage waren somit die Hauptauslöser dafür, dass ich es Schritt für Schritt erlernen sollte, mich sexuell auf mehr als eine Person einzulassen. Es war das weder mein Wunsch noch meine ursprüngliche Absicht. Da Cat nicht nach Deutschland dürfte, dürfte ich manchmal andere Mädchen verführen. Und auch Jungs. Und Cat dürfte es natürlich auch.

Und Sandra… Sandra war sehr hübsch. Vielleicht könnte sie mit solch einer exquisiten Schönheit eine Karriere im Model-Geschäft anstreben. Raffiniert, schlank, Beine von den Schultern. Aber nicht wie ein Kleiderbügel, sondern anmutig, fliessende Formen, sinnlich. Ihr tolles äusseres wurde ergänzt durch braune Rehaugen, lange glatte Haare und einen ausgeprägt vollen Mund. Sogar ihre Handflächen und Füsse waren eindeutig als Vorbild geschaffen, daher verstehe ich nicht, wie sie darauf kam zunächst Jura zu studieren, und warum sie denn die Anwältin werden wollte. Nun, als sie vom Rechtssystem völlig desillusioniert war, ging Sie zur Elite-Eskort. Natürlich wurde ihre samtige tiefe Stimme vom Schöpfergott nicht nur für die Gerichtswände geschaffen. Ihre lange dünne Finger waren nicht nur dazu da, um falsche und heuchlerische Argumente für Klagen daraus heraus zu saugen. Und die Hauptfunktion ihrer unübertroffenen Beine war sicher nicht nur das Gehen! Andererseits war es auch nicht die beste Berufung für ihre Lippen, die alten Schwänze zu lutschen. Für ihre Hände, die trägen Hoden zu drücken. Oder die Beine wie ihre über fette männliche Schultern zu werfen. Im Grunde genommen musste man Sandras Körper betrachten. Bewundern. Und ihn verewigen.

Sobald ich Sandra sah, begann ich zu beten, dass sie meine Partnerin für den Kurs werden würde, er dauerte ungefähr zwei Jahre. Der gnädige Herr hörte auf mein Gebet: Dieser Wunsch ging in Erfüllung: Sandra kam selbst zu mir, sprach mich selbst an und liess sich von mir berühren. Zum ersten Mal war meine ästhetische Freude so gross, dass ich nicht einmal einen harten Schwanz kriegte: Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, ihren Körper zu nehmen und zu vögeln. Ich glaube jedoch, dass ihre Kunden solche Bedenken nie hatten…

Ich war 25 Jahre alt, als wir uns trafen. Sandra war anscheinend 30 Jahre. Zu diesem Zeitpunkt gab sie sowohl ihre Tätigkeit als Rechtsanwältin wie auch als Elite-Eskort in Frankfurt auf. Sie widmete sich der gleichen Sache wie ich — der erotischen Forschung. Unser Training gefiel ihr jedoch gar nicht: Der Lehrer wirke zu dominant und narzisstisch, und der Rest der Teilnehmer sei zu alt, und sexuell zu bedürftig, meinte sie. Nur die Wenigsten galten für Sandra als Ebenbürtige. Einschliesslich mich — ich war ihr viel zu schüchtern.

Sandra positionierte sich als eine „freie Frau“ und engagierte sich viel in der Frauenbewegung. Sie war Mitglied von zwei feministischen Vereinen. Ein Gehalt von circa 8.000 € in der Unternehmensberatung war für Sandra nicht genug, da ihre männlichen Kollegen 10.000 € bis 11.000 € erhielten. Ich sagte ihr, dass sie mit der Organisation von nur 2-3 Dates pro Woche ganz schnell auf 16.000 € kommen kann, wobei die Männer, die mit ihr 2-3 Mal kurz Spass haben, gleich auf ihr finanzielles Niveau absinken werden. Sie müssen dann doppelt so viel arbeiten, um auf die 16.000 € zu kommen. Sandra lehnte sofort ab: 700 € bis 1000 € pro Date seien für eine Top-Model wie sie zu wenig.

„Für dieses Geld — Maximum die Massage! Besser macht so ein Typ es sich selbst!“ schrie Sandra laut:

„Und einen blasen soll er sich auch selber!“ fügte sie hinzu.

„Na ja… Auch ein Modell mit perfekten Massen wird nicht besser pro Sitzung entlohnt,“ antwortete ich.

„Ich bin aber nicht irgendein Model mit perfekten Massen!“ — schrie Sandra.
Ich stritt mich nicht weiter mit ihr. Mir wurde schnell klar, dass Sandras Gier und Stolz ihr schönes Wesen irgendwann zerstören werden.

Trotzdem lud ich sie nach dem Kurs zu uns zum Abendessen ein. Cat servierte uns Spaghetti Frutti di Mare. Danach sassen Sandra und ich auf der roten Sofa im Wohnzimmer. Cat ruhte sich neben uns in einem Sessel aus, gekleidet in ein Spitzenkleid, heiss und schmelzend. Sie wartete, bis ich endlich soweit bin, sie beiden zu einem ménage à trois zu verführen. Ich fand es sehr schade, dassCat selbst die Initiative nicht ergriff. Denn diese zwei Mädchen unter sich begeisterten mich bereits damals mehr als ich in der Mitte.

Ich bewunderte Cat und Sandra. Parallel fragte ich mich, warum Sandra in dem Fall nicht selbständig arbeitete. Wenn sie so klug, so launisch, und so leserlich ist, kann sie ihre Kunden doch selbst auswählen! Ihren eigenen Tarif verlangen. Alles würde dann perfekt ablaufen. Als ich ihr diese Frage stellte, entmutigte mich die Antwort: Ja, sie dachte bereits darüber nach und suchte sich sogar schon ein geeignetes Studio in Frankfurt am Main. Aber alles stockte in… in… Achtung: Im Stuck! An der Decke! Ja, unsere Sandra wollte unbedingt in einem Studio mit Stuck arbeiten! Ansonsten — auf keinen Fall! Doch im Zentrum von Frankfurt am Main waren alle solche Studios in amerikanischen Neubauten! Und alle leider ohne Stuck! Ah, wie schrecklich!

„Oh! Mein Gott, Sandra! Machen Sie sich doch einen Stuck nach Bestellung!“ — Cat warf sich beiläufig hin und griff graziös nach ihren Zigarillos. 

In einem Seidennachthemd von Yves Saint Laurent, mit ihrem langen und dünnen Captain Black im langen und dünnen schwarzen Mundstück sah Cat eleganter und edler aus als Sandra. Gott sei Dank war sie — und nicht etwa Sandra — meine Ehefrau.

„Das ist eine tolle Idee, den Stuck selber formen zu lassen!“ — sagte Sandra.

Ihr Business-Plan wurde somit vollständig. Aus diesem Grund verabschiedete sie sich bald von uns und wünschte uns einen angenehmen Abend.

— Der Abend war mehr als nur angenehm.

— Ich schwöre. 

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Helene

Helene stammte aus einem adligen Petersburger Geschlecht. Sie war eine grünäugige zierliche Blondine mit langen goldenen Locken und einem Engelsgesicht. Wir lernten uns in Internet kennen, als ich noch in Magdeburg lebte. Dort konnte ich keine adäquate russischsprachige Freunde finden und ich sprach auch nicht gut Deutsch. Aber in zwei Monaten kaufte ich mir mit meinem Kindergeld meinen ersten Computer und zwei Monate später stellte ich eine Verbindung zum Internet her. Noch in der Ukraine lernte ich, wie man einen Computer bedient, und ein Bekannter zeigte mir das erste russische Chat-Portal, www.chat.ru. Dort gab es verschiedene Räume oder Kanäle und einer der Räume hiess „It’s all about Sex!“ Nachts „hingen“ dort Nutten und ihre Freier rum, aber auch allerlei Künstler und Boheme. Das war logisch: wer hatte noch in den späten 90ern in Russland Internet?

Ich war damals noch nicht Mal Achtzehn Jahre und Helene war Zwanzig Jahre alt. Es stellte sich heraus, dass Helene in Frankreich, in Paris, lebte, und dass erotische Fantasien dieses Engels eher teuflisch sind. Helene sprach Russisch wie ein Kind, sie liebte Diminutive und Koseformen. Aber der Inhalt von ihren Aussagen … — allesamt orgiastische Träume. Sado-Maso-Phantasien. Und Gruppensex. Helene war auch das erste Mädchen, das ich nackt über den Webcam sah. Ihre nächtliche virtuelle Striptease galten damals, vor mehr als zwanzig Jahren, als eine super-innovative Technologie.

Helens Freund namens Edi war ein Franzose. Er sah dem Protagonisten des Films „The Dreamers“ sehr ähnlich aus. Edi war der Sohn eines der Pariser Anwalts und Abgeordneten. Edi und Helene hatten gerade angefangen, Jura zu studieren. Routine Studentenleben forderte Abwechslung und so luden sie mich im Sommer zu sich ein. Helene und ich gönnten uns viele Freuden auf einer harten Matratze in ihrem Studentenwohnheim in Paris, während Edi an einer Hausarbeit bastelte. 

Er sass am Tisch, er drehte sich eine halbe Umdrehung zu uns um und schaute manchmal in unsere Richtung. Sein Blick war verlegen und wir waren auch verlegen als er auf uns sah. Darum wurde ich etwas weicher, dann aber wieder härter, und unsere Helene amüsierte sich. Dann war sie auch erregt.

In diesem Sommer probierte Helene erotische Outfits an: Höschen, Strümpfe, Hemden und Negligé. Sie gab sich mir hin, dann wiederum Edi und manchmal uns beiden gleichzeitig. Für uns alle war dies die erste Erfahrung des Trios. Die Nachbarschaft hörte lautes Stöhnen, auf Russisch und Französisch, im Wechsel. Edi kniff Helenes Mund mit seiner Handfläche zusammen damit — Gott bewahre —  ihre edle Herkunft nicht gefährdet wird. Nachdem wir beide in sie kamen — natürlich ohne Kondome — fertigte Helene nackt kleine Skizzen an, mit Pastelle oder Aquarelle oder Bleistifte. Das waren süsse, fast kindliche Skizzen für ihr Tagebuch, wo ich, in einen langen Ledermantel verkleidet, sie mit Peitschen und Wimpern auspeitschte. Alles in rosa-blauen Tönen gehalten. Der Barbie-Puppe-Stil. Unsere Silhouetten waren auf ihren Skizzen völlig flach und schienen im Raum ohne Boden zu hängen. Die sanfte Zärtlichkeit der Linien konnte aber kein Kritiker verneinen. An einem dieser romantischen Abende peitschte ich Helenе tatsächlich mit einer kuscheligen Peitsche aus. Ich verwöhnte ein Mädchen damit zum ersten Mal und es stellte sich als spannend heraus. Es war aber nicht so einfach, die selben Stellen ihren kleinen Popo zu treffen. 

Das Auspeitschen als erotische Unterhaltung lernte ich von Cat, meiner allerersten Geliebten. Im Internet hiess Cat Kisaket, 7 Jahre später wurde sie zu meiner ersten Ehefrau. Ich lernte Kisaket im selben Raum auf www.chat.ru kennen, ein halbes Jahr bevor ich Helene kennenlernte. Wie Helene auch, war Cat zwei Jahre älter als ich. Aber Cat sah ganz anders aus. Sie war grösser als ich, 185 cm gross. Sie war wild. Rothaarig. Und La Femme Fatale-Typ.  Ausserdem war Cat bisexuell und zog einige Sexsklaven auf. Mit so einer Frau verabschiedete ich mich also von meiner Jungfräulichkeit. Cat meinte es immer sehr ernst mit dem Auspeitschen. Und Edi… Edi lachte nur darüber. Oder er holte sich einen runter und zeigte mir seinen Daumen. Edi verstand fast kein Russisch und ich leider fast kein Französisch. Wir mochten kein Englisch. Und er konnte kein Deutsch. Ah, die Scheisssprachbarrriere! 

Als ich nach Deutschland zurückkehrte begann Helene mehr Aufmerksamkeit für sich zu beanspruchen. Doch viele Nachtgespräche ermüdeten mich. Ich wollte mehr Zeit für Cat aufwenden, die in Moskau lebte und mit der ich eine richtige Fernbeziehung führte. Deshalb machte Helene mit mir Schluss.

Drei oder vier Jahre vergingen. Ich absolvierte die gruselige Schule in Magdeburg und schrieb mich an einem Berufskolleg in Dortmund ein. Die Schwerpunkte waren Grafik- und Webdesign. In diesen Jahren fuhr ich oft durch Europa herum. Einmal während kalten Wintertagen verbrachte ich die Nacht alleine in einem billigen Hostel in Paris. Es schien, dass ich Helene in einer der Shows auf einem bezahlten Sex-Fernsehsender wiedererkannte. Ein Jahr später entdeckte ich zufällig ein Mädchen, das ihr sehr ähnlich war, auf den ersten Fetisch-Seiten im Internet und danach in Roy Stuart’s berühmtem Album „Volume II“. War das wirklich sie? Engelchen Helene, mit ihrer frühen Vorliebe für Nymphomanie, schien es geschafft zu haben, eine schnelle Karriere im Art-House-Porno zu machen.

Wo bleibst du nun, unser grünäugiger Teufelsengel? Und wo bleibt der Edi?

— Wir hatten es so schön zusammen.

— Ich vermisse euch.

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Lena und Lera

Lena und Lera waren die ersten zwei Nutten, mit denen ich eine persönliche Bekanntschaft machte. Sie zogen 1998 aus Kasachstan nach Deutschland. Das war im selben Jahr, in dem auch unsere kleine Familie nach Deutschland zog, aber aus der Ukraine. Lena und Lera erlebten in Kasachstan in den späten 1990er Jahren das selbe Elend, wie wir in der Ukraine. Beide waren wie ich 17 Jahre alt. Aber sie begannen sofort nach der Ankunft in Magdeburg sich zu prostituieren, ohne diese Angelegenheit auf lange Sicht hinaus zu schieben. 

Lena und Lera waren sich sehr ähnlich, nicht nur bei ihren Namen. Auch äusserlich waren sie sich sehr ähnlich, so dass nur jemand, der sie sehr genau kannte, sie unterscheiden konnte. Wenn Sie den Film von Ilja Chrschanowski „4“ gesehen haben, erinnern Sie sich wahrscheinlich daran, dass nach der Handlung des Films viele Mädchen im postsowjetischen Raum über drei Klone verfügen. Das heisst, dass es von jedem vier gleiche gibt. Wenn Sie daran glauben, können wir davon ausgehen, dass es irgendwo in Kasachstan ein anderes Paar gab, das mit Lena und Lera völlig identisch war. Und wenn Sie dieser „Verschwörung“ nicht vertrauen, können wir davon ausgehen, dass es tatsächlich noch viel mehr Klonen von Lena und Lera gibt. Was meine ich damit? — Nicht mehr, aber auch nicht weniger als die Tatsache, dass es mir schwierig fiel, individuelle Merkmale bei Lena und Lera zu finden.

Ich traf Lena und Lera drei Wochen nach unserem Umzug nach Deutschland, als ich mit meiner Mutter in einer neuen deutschen Strassenbahn in der Stadt Magdeburg unterwegs war. Wir fuhren in die „Sonderschule zur Integration von Ausländern in die deutsche Gesellschaft“, wohin ich verwiesen wurde, um uns mit dem Schulleiter zu treffen. 

Wir waren nervös. Die Schule, der Schulleiter — das ist normalerweise mit etwas Belastung verbunden. Vor allem in einem fremden Land.

In den angrenzenden Abteilung sassen zwei Mädchen. Beide sahen zwei Barbie-Puppen sehr ähnlich: Beide trugen blaue Jeans, rosa Blusen und weisse Turnschuhe. Beide hatten goldene Locken und übertrieben geschminkte Augen und Lippen. So sahen in Magdeburg damals circa 70% bis 80% der einheimischen Mädchen aus. Ich fragte mich, wieso in einem „freien Land“ wie Deutschland fast alle Mädchen fast gleich aussahen. Wir kamen ja gerade aus einem „totalitären Land“, aber bei uns sahen viele Mädchen sehr unterschiedlich aus. Dann fragte ich mich, ob dieser Stil eher den Verlangen oder die Langeweile oder den Ekel auslöste? Plötzlich sagte das erste Mädchen ganz laut in reinem Russisch:

„Lenka! Wie geht es denn unsern Brüdern aus Kasachstan? Wie war’s gestern auf der Hütte?“

Mama zuckte überrascht zusammen und flüsterte zu mir leise:

„Siehst du, Iljuscha… Unsere Mädchen… Es scheint, dass sie auch zu deiner Schule fahren… Vielleicht werdet ihr Freunde…“

Das zweite Mädchen antwortete emotional und gestikulierte sehr schnell mit molligen Fingern. Ihre Fingernägel waren auffällig scharlachrot gefärbt:

„Lerka! Die Hütte war meeegageil! Sowas kannst du dir gar nicht vorstellen! Ljoha und Yurets haben mich beide so durchgefickt! So durchgefickt wurde ich! Es war meeegageil! Das kannst du dir gar nicht vorstellen!“ 

Sie umklammerte sogar ihren Kopf mit beiden Händen. Und dann — betont wichtig — ihren Schritt. Dann fügte sie hinzu:

„Sie haben mich bis zum Morgen durchgevögelt. Meine Votze ist ganz gereizt. Es tut mir megaweh!“

Und dann sagte das erste Mädchen, Lera:

„Verdammt, Lenka! Cool! Und was ist mit dem Anekdot? Wie geht es denn Anekdot? Sag mal!“

Meine Mutter und ich sassen so da, als ob wir einen Ping-Pong-Ball im Mund hatten. Während Lena weiter ganz laut Russisch sprach, konnten wir uns nicht einmal bewegen. Trotzdem hörten wir uns ihre Rede aufmerksam an, sehr reichlich mit Flüchen und seltsamem Slang gewürzt. 

Ich wuchs in der Westukraine auf. Ich ging dort während Zehn Jahre in eine Sprachschule mit vertieften Kenntnissen der englischen Sprache, zusammen mit den dort stationierten Töchtern und Söhnen der russischen Offizieren. Ich hatte immer die besten Schulnoten und beendete jedes Schuljahr mit einer „potschjotnaja Gramota“, einer Ehrenurkunde. Unter meinen vor und während der Oktober-Revolution in den Sowjetunion ausgerotteten Vorfahren waren Aristokraten und Adlige. Die Wörter „Prostitution“ oder „Nutte“ waren in unserer Familie ein Tabu, geschweige denn die Wörter „ficken“ und „geil“. Das Thema Sexualität wurde nie in irgendeiner Form angesprochen. Obwohl Lera und Lera sich in meiner Muttersprache — Russisch — austauschten, musste ich selbständig die Bedeutung von vielen Worten entziffern, die sie benutzten. Einige Wörter klangen sowohl einheimisch wie auch fremd. Ich hatte eine nur wage Vorstellung, was sie bedeuteten. Der Satz meiner Mutter blieb in meinen Ohren: 

Unsere Mädchen … Vielleicht werdet ihr Freunde…“

Ich lächelte.

Der Schulleiter sichtete kurz meine Zeugnisse und Empfehlungsschreiben — sie wurden alle von der einheimischen Schule ausgestellt. Mit einem absolut gleichgültigen Blick fragte er mich auf Englisch, ob „5“ in meiner Heimat die beste Note bedeute. Nicht ohne Stolz antwortete ich mit „Yes, that means it.“ Ohne wirklich nachzudenken, wies mich der Schulleiter in die achte Klasse ein, obwohl ich in meiner Heimat bereits die zehnte Klasse beendete. Ich hob meinen Kopf, sah zu diesem Herrn mit grauem Haar auf und fragte:

„But why in the eight class, Mister Director?“

„Because you don’t speak any German!“ — antwortete der Schulleiter. Ich wurde traurig. Dabei ahnte ich noch nicht, dass der deutsche Lehrplan in der Sonderschule weit hinter meiner Offiziersschule zurückblieb. Abgesehen vom lernen der Deutschen Sprache lernte ich in dieser Schule überhaupt nichts. Ich langweilte mich zum Tode. Durch den Umzug ins Ausland verlor ich also drei Jahre, von den 17. bis 20. Lebensjahr. Die drei besten Jahre meines Lebens.

*          *          *

In einem zerschlissenem, heruntergekommenem und dunklen Klassenzimmer, das noch viel deprimierender aussah als ukrainisches, sassen in der letzten 

Reihe drei Jungs, die mich an unsere Brüder erinnerten. Sie waren deutlich älter als ich, ungefähr Zwanzig oder älter als Zwanzig, und alle waren zwei- bis dreimal rauer und voller als ich. Sie tranken Wodka aus Plastikbechern, fluchten laut und sahen elend, aber auch bedrohlich aus. Ich sammelte meine Kraft als ich meine schmalen Schultern straffte. Ich ging auf sie zu und sagte:

„Hallo.“

Der erste Typ, anscheinend am wenigsten grober, antwortete:

„Hallo. Ich bin der Anekdot. Und das sind Ljoha und Yurets.“

Diese drei sah ich sicher vorher nie. Aber ihre Namen kamen mir bekannt vor. Ljoha fragte:

„Und wie heisst du?“

Ich überlegte eine Weile und antwortete:

„Elias.“

Dann sagte der Anekdot:

„Cooler Name!“

Und Ljoha fragte:

„Kannst du fönschwatzen?“

Ich verstand die Frage nicht. Aber ich konnte auch nicht noch einmal fragen. Es war mir irgendwie extrem peinlich. Ich wusste nicht, was ich antworten sollte. Dann sagte ich sehr leise und verwirrt:

„Ja…“

Aber dann behauptete Ljoha sofort, mit einem Grinsen und etwas seltsamer Zuversicht:

Also — bist du ein Fönschwatz!

Mir wurde übel. Ganz schüchtern schaute ich sie an, hob den Kopf und wagte es nach einer Pause erneut so brav wie möglich zu fragen:

„Was denn nun?!“

Yurets stand auf, trank einen langen Schluck Wodka, rülpste laut und sagte:

„Nichts! Du — Fönschwatz! So’nen Spitzname wirst du tragen! Ab sofort!“ 

Alle drei wieherten laut. Und ich war sofort bereit, durch den Boden zu fallen. 

Glücklicherweise betrat plötzlich ein grosser, dünner Mann in Weiss und mit langem Hals die Klasse. Es war der Mathematik-Lehrer. Sein Auftritt unterbrach diese seltsame Unterhaltung. Yurets versteckte schnell die Flasche mit Wodka unter dem Tisch und alle gaben vor, das Wasser zu trinken. Dann sagte Ljoha laut:

Fönschwatz, du, Schlingel! Schuuhherrr!!! Der Gans ist da!“

Der Mathematiklehrer warf mir, einem Neuling, einen verstohlenen Blick zu und setzte dann einen Russischen Akzent auf Lech:

„Ssssschhhhlingel! Schuuhherrr!!“

Die drei wieherten wieder. Der „Gans“ lächelte mich zur Begrüssung an, schätzte meine Figur und meinen langen Hals. Ich denke, dass es zwischen ähnlichen Menschen eine Art unausgesprochene Solidarität gibt. Der „Gans“ ging langsam zu unserem letzten Reihe, nahm einen Plastikbecher vom Tisch und hob ihn mit einer Grimasse an seine Lippen. Dann Schnüffelte er der Inhalt und sagte: 

„Wodka! Pit’ Wodka w Schkola — eto ne jest choroscho. Wam wsem Tadel!“

Der „Gans“ ging zum Tisch und holte einige Papiere aus seiner Aktentasche. Die Glocke läutete, scharf und durchdringend, wie das Zerbrechen von Glas. Matheunterricht hat begonnen. Während die deutschen Achtklässler lautlos und äusserst konzentriert das Volumen des Würfels berechneten, sagte Yurets plötzlich leise auf Russisch in Richtung von „Gans“:

Verdammt, Kurrrva! Tadel, Kurrrva! Fick dich ins Knie, du — Hurrrensohn!

Und Ljoha antwortete ihm gleichgültig:

„Macht doch gar nix! Tadel-Sradel… Hühnerscheisse ist das! Und der Gans ist ein Arsch!“

Ich verstand nichts. Absolut nichts. Obwohl beide, wie ich, Russisch sprachen. Bis zum heutigen Tag verstand ich fast alles, sogar auf Englisch. Ich hatte das Gefühl, als ob die Angst mich am ganzen Körper binden würde. Anekdot holte mich aus der Benommenheit. Er fragte plötzlich:

„Du, Fönschwatz! Wo wohnst du denn?“

Die sechs Augen richteten sich wieder auf mich. Ich schluckte und rasselte:

„In der Leiterstrasse. Hausnummer drei!“

Nach acht Wochen in einem schlicht eingerichtetem Flüchtlingsheim — einem Plattenbau im Zentrum von Magdeburg — bekamen wir eine Mietwohnung. Eine Dreizimmerwohnung. Und schon wieder in einem Plattenbau! Die Adresse lernte ich gleich auswendig.

Lyoha und Yurets gaben plötzlich die Berechnung des Würfelvolumens auf. Sie sprangen abrupt auf ihren Sitzen auf und schrien gleichzeitig:

„In der Leiterstrasse drei?! Was?! Wirrrklich?! Das ist aber eine Nummer! Das ist aber eine heisse Nummer! Kurrva! Verdammte Scheisse!“

Ich war noch mehr verwirrt. Anekdot erklärte es mir dann aber ruhig:

„Pass auf, Fönschwatz: In deinem Haus leben zwei geile Nutten. Zwei durchgefickte nuttige Votzen! Diese Miezen heissen Lena und Lera!“

Yurets beruhigte sich wieder und fuhr mit seinem Redefluss fort:

„Gestern haben Ljoha und ich die beide Votzen durchgefickt. Zusammen! So geil war das! Und wie wir sie durchgefickt haben… Meeegageil! Du, das kannst du dir gar nicht vorstellen! Wir haben bei ihnen das ganze Kindergeld verpisst! Das ganze Kindergeld — in einer Nacht! Du, Fönschwatz! In nur einer Nacht — alles verpisst! Wir kommen ja von der Neustadt — und los — sofort in die Leiterstrasse. Und dort wohnst du auch, du!.. Fönschwatz!“

Ich grinste. Ich zeigte ihm meine Zähne und sagte sachlich und kühl:

„Nun, gut… Okay, Yurets: Ich weiss schon Bescheid…“

Für einen Augenblick verspannten sich alle drei und verstummten. 

Nach einer Pause sagte Anekdot leise und verschwörerisch zu Yurets:

— „Siehst du, Bruder! Der Fönschwatz weiss schon Bescheid! 

— Also ist er definitiv ein Fönschwatz!“

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Prolog. Der Junge Leninist

Zum ersten Mal erfuhr ich über das Phänomen „Die Nutte“ aus der Zeitung „Der Junge Leninist“. Ich war acht Jahre alt und ging in die zweite Klasse der Grundschule in der UdSSR. Unsere Grundschullehrerin Vladislava Ignatyevna bestand darauf, dass die ganze Klasse die Zeitung „Der Junge Leninist“ las. 

Wir schrieben das Jahr 1990. Die Sowjetunion stand kurz vor dem Zusammenbruch und das Pionier-Bulletin „Der Junge Leninist“ war pädagogischer Natur und wurde für die Mittelschule herausgegeben. In unserer Grundschule waren wir noch keine Pioniere, sondern wir hiessen „Oktjabrjata“, Oktoberkinder. Gemeint waren damit die Kinder der Oktoberrevolution von 1917, die Vorstufe zu Pionieren. Der Pioniertitel sollte erst in der 5. Klasse der Mittelschule uns vergeben werden. Dazu kam es nie. Doch Vladislava Ignatyevna, die mir Zählen, Lesen und Schreiben beigebracht hatte, glaubte, dass diese Zeitung auch für Oktober- Kinder gut geeignet sei, da sie über „sehr grosse Entwicklungsfunktion“ verfüge.

Ein Artikel in der Zeitung „Der Junge Leninist“ wurde im postsowjetischen Ton verfasst und zielte darauf ab, „die junge Generation von guten, edlen und korrekten sowjetischen Werten zu überzeugen“. Dieser Artikel hiess „ Julia’s
moralischer Sturz“ und beschrieb eben den „moralischen Sturz“eines
jungen Mädchens, das eine „bewusste Bürgerin und ein Komsomol-Mitglied werden könnte“, wenn es nicht einen bestimmten jungen Mann, einen
„Spekulanten und Betrüger“
treffen würde, der sie „zur Ausschweifung
anstiftete, anstatt ins College zu gehen“
. Dieser junge Mann wurde von ihr als „gross, gutaussehend und sportlich“ beschrieben und im Artikel stand, dass er „viele Freunde hatte“ und dass er „auch die ganze Stadt kannte“, in der diese Geschichte spielte. Er gab Julia die Idee „in kürzester Zeit hohe Einnahmen, ohne sichtbare Anstrengungen zu erwirtschaften“. Die Heldin glaubte ihm und unternahm diese Arbeit. Dann kam die Vergeltungsstunde in Form der Ablehnung durch ihre Familie und beste Freundin. Die Leute „betrachteten Julia als Schande. Das Mädchen geriet in Verzweiflung, landete im Spital und blieb für immer einsam“. Der Rest der Vergeltung und eine schreckliche Bestrafung wurden detailliert geschildert.

Vladislava Ignatyevna bestand darauf, dass wir in der Zeitung „Der Junge
Leninist“
, wenn möglich, alles von vorne bis hinten lesen, aber auch immer darüber reflektieren, was wir lesen. Deshalb dachte ich immer nach dem Lesen fleissig darüber nach. Der Grund für die Nachdenklichkeit war, dass ich im Alter von acht Jahren überhaupt nicht verstand, was genau als „moralischer Sturz“ mit der anschliessenden Einsamkeit dieses Mädchens gemeint war, und auf welche Weise sie dieses ganze Geld „ohne sichtbaren Anstrengungen und in kürzester Zeit“ verdiente.

Beim Abendessen — wir hatten wie immer Bratkartoffeln zum Abendessen — fragte Papa, warum ich so nachdenklich wirke. Ich antwortete, dass ich über einen Artikel nachdenke, den ich in der Zeitung „Der Junge Leninist“ gelesen hatte, aber ich verstand es nicht. Mama fragte etwas vorsichtig, worum es denn genau in diesem Artikel gehe und was genau nicht klar sei. Ich sagte, dass es in dem Artikel um den „moralischen Sturz eines Mädchens namens Julia“ ging, und dass ich im Grunde genommen alles verstand, aber eines mir gar nicht klar wurde: Wie konnte diese Julia so schnell und einfach so viel Geld verdienen? Was genau hat sie denn getan? Und für welchen ihren moralischen Sturz“ wurde sie bezahlt?

Es herrschte Stille. Plötzlich lachte Papa laut auf, stand vom Tisch auf und nahm sich etwas mehr Bratkartoffeln. Mama schien — im Gegenteil — erstarrt zu sein. Ihr verblüffter und verängstigter Gesichtsausdruck machte mir Angst. Anscheinend hatte sie das Gefühl, dass mit mir etwas nicht stimmte.

Mama schwieg und es verwirrte mich. Papa stand wieder vom Tisch auf und sagte aus irgendeinem Grund, dass dies alles eine gute Gelegenheit sei sto gramm, Einhundert Gramm, zu trinken. Er ging ins Wohnzimmer, brachte eine Flasche Cognac und goss sich einen Haufen ein. Mein Papa trank Alkohol sehr selten, im Gegensatz zu den Gewohnheiten meines Heimatlandes. Mama hingegen schwieg weiter und wurde mit der Zeit immer düsterer. So wurde mir klar, dass ein „moralischer Sturz“ etwas sehr schlechtes sein könnte, aber gleichzeitig ein riesiges Geheimnis. Etwas, was man im Familienkreis nicht gerne am Tisch bespricht.

Ich erinnere mich, dass ich immer wieder die selbe Frage stellte: Wie genau hat dieses Mädchen denn ihr Geld verdient? Immer und immer wieder. Ich
erhielt jedoch nie eine Antwort. Papa versuchte es auszulachen und Mama versuchte das Thema zu wechseln. Einmal sagte Mama:

„Du musst nicht alles glauben, was heute in der Zeitung steht. Vieles ist einfach frei erfunden, um ein kaputtes Land irgendwie zusammen zu halten.“ 

Ich gab nicht auf. Seit meiner Kindheit war ich extrem neugierig und wollte alles bis zum Ende wissen und verstehen, auch wenn es frei erfunden war. Schliesslich sagte Papa, ziemlich gereizt:

„Frage doch Vladislava Ignatyevna! Sie hat ja darauf bestanden, dass ihr diese blöde Zeitung von Anfang bis zum Ende liest! „Der Junge Leninist!“ Alles nur Schein, kein Sein! In diesem Land gibt es doch keine junge Leninisten! Die Menschen hier sind alle gleich verwirrt! Und gleich verloren!“

Er goss sich noch etwas Cognac und wiederholte:

„Wenn es dich wirklich interessiert, frage doch Vladislava! Und nicht uns!“ Mama sagte aufgeregt:

„Oh, nein! Nein, nein! Frage Vladislava lieber nichts! Auf keinen Fall! Es ist nicht nötig!“ 

Durch diese emotionale Reaktion klärte sich, dass es wirklich besser ist Vladislava nicht zu fragen.

Als dann Gäste zu uns kamen — normalerweise die Freunde von Papa, da Mama fast keine Freunde hatte und sich für unsere kleine Wohnung schämte — erzählte Papa ihnen jedes Mal diese Geschichte, wie ein Witz, in etwa so:

„Stellt euch das nur vor! Der Kleine las einen Artikel in der Zeitung, über den „moralischen Sturz“ eines Mädchens, Julias. Dann erzählte er uns beim Abendessen, dass er alles verstand, ausser, wie Julia so schnell so viel Geld verdiente!“

Papa lachte übertrieben herzlich. Er würgte fast vor Lachen, so dass die Gäste sich unfreiwillig mit seiner Begeisterung ansteckten und zu lachen anfingen. Ich fühlte mich die ganze Zeit wie ein Vollidiot. Ich dachte, dass Erwachsene über meine Dummheit und Unwissenheit lachten. Das dauerte eine ganze Weile, bis Papa diesen merkwürdigen Vorfall ganz vergass. Mama war hingegen grimmig, wobei sie gleichzeitig lächelte, aber nur kurz und ziemlich traurig. Es war ihr irgendwie peinlich. Aber niemand sagte mir etwas über das Wesen dieses Phänomens, „moralischer Sturz“. Ich, der Kleine, verblieb in völliger Unwissenheit und fühlte mich in Bezug auf dieses Phänomen als völlig daneben.

Erst drei Jahre später, im Jahr 1993, als es die Sowjetunion nicht mehr gab, erfuhr ich versehentlich, was es mit diesem Mädchen für eine Bewandtnis auf sich hatte. Mein Nachbar Andrej erwähnte einmal in Verbindung mit einem anderen, einem sehr schönen Mädchen und einer ausgezeichneten Schülerin aus unserer Schule, das Wort „die Nutte“

„Diese Nutte scheint abends sich zu prostituieren“, sagte Andrej und fuhr fort: 

„Vor dem neuen Hotel „Ukraine“. Gegen US-Dollars. Das fremde Geld.“

Selbst dann verstand ich nicht wirklich, was Andrej meinte, und was sie tat. Aber er erklärte es mir dann schon sehr genau und ziemlich ausführlich. Ich war 11 Jahre alt. Dann erinnerte ich mich an den „Jungen Leninist“ und an den „grossen und gut aussehenden Typen, den Sportler“, der „viele Freunde hatte und die ganze Stadt kannte“, undan den „moralischen Sturz“. Diese schöne Schülerin gefiel mir schon lange sehr sehr gut. Ich war sogar heimlich in sie verliebt, obwohl ich nie mit ihr gesprochen hatte. Das Phänomen die Nutte färbte somit für mich in mehr als nur positive Töne.

Aber in meinem Buch geht es nicht um die positive oder die negative Töne. 

Mein Buch ist weder moralisch noch unmoralisch.

In meinem Buch geht es um die Nutten.

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Die Nutten

Das „Nuttenprojekt“ untersucht die Diversität der Biographien von Prostituierten.

Das Buch „Die Nutten“ besteht aus 24 Porträts, wobei es sich bei allen Models um echte Frauen handelt: zufällige Bekannte, Kolleginnen, Freundinnen und Ehefrauen des Autors. Die Portraits sind im Rohform auf Russisch bereits geschrieben, ein Manuskript von 172 Seiten liegt vor. Der Begriff „Nutte“ wird sehr weit gefasst: von der Strassennutte zur High Class Escort Lady, von einer tantrischen Masseurin zur Nymphomanin, vom Elite-Model zum Gangbang-Girl. 

Alle im Buch beschriebenen Frauen haben ihre eigenen Biografien, spezielle Schicksale, ganz persönliche Motive und Werte, die durchaus respektiert werden müssen.

Das Buch enthält einen Prolog, der den Erzähler im Alter von acht Jahren beschreibt, als er der Thematik der Prostitution in Form einer fiktiven Figur in einer sowjetischen Zeitung zum ersten Mal begegnete. Es gibt einen Epilog, in dem er sich als reifer Mann die Frage stellt, ob es vermeidbar gewesen wäre, diesen Frauen ihre Rolle als Nutten zu zuschreiben, und was genau die Ideologie des Neoliberalismus und des falschen „Feminismus“ heute dieser Rollenzuschreibung entgegensetzen könnten? 

Am Ende stellt sich die Frage nach den Grenzen des Begriffs „Nutte“. Diese Fragen implizieren neue Fragen — nach der Definition der „Arbeit“ und nach der Möglichkeit einer klaren Unterscheidung zwischen „Geschäft“ und „Privatleben“.

Gibt es zum Beispiel für den Mann einen Unterschied zwischen einer Frau, die jeden Abend Männer in einer Bar verführt, um dann mit ihnen in einem Vier-Sterne-Hotelzimmer, das diese Männer bezahlen, kostenlos Sex zu haben, und der Frau, die ungefähr soviel Geld für Sex verlangt, wie ein Zimmer in einem Vier-Sterne-Hotel kostet, aber die gesamte Aktion in ihrer Wohnung stattfinden lässt?

Alle Geschichten basieren auf realen Ereignissen. Darüber hinaus spiegeln die 24 Porträts den Autor selbst als „männliche Hauptnutte“ wider. Wenn der Autor also Porträts von Prostituierten schreibt, reproduziert er ein Selbstporträt.

Als intermediales, interdisziplinäres und internationales Kunstprojekt verweist der Roman „Die Nutten“ über die üblichen ethischen, diskursiven und semantischen Kategorien hinaus. Die künstlerische Arbeit wird auf drei Ebenen realisiert: textuell, visuell und auf der Ebene der Gerüche. Darüber hinaus ist geplant, das Projekt sowohl in einem „einfachen“ wie auch in einem „exklusiven“ Format umzusetzen. Ein einfaches Format (Auflage von x tausend Exemplaren) enthält ausschliesslich den Text. Das exklusive Format enthält einen einzigartigen handgeschriebenen Text in scharlachroter Tinte auf dünnem Transparentpapier und 25 einzigartige Illustrationen für jedes Kapitel. Das exklusive Format enthält ausserdem 25 verschiedene von einer Parfum-Designerin kreierte Designdüfte, die als „duftende Porträts“ fungieren.

Ziel des Projektes ist ein differenzierter Umgang mit Prostituierten als Individuen. Im Idealfall erkennen der Leser, der Betrachter und der Riecher in allen Porträts, dass hinter jeder Frau, die im kollektiven Bewusstsein wie eine Hure behandelt wird, ein einzigartiges menschliches Schicksal steckt — mit seinen Höhen und Tiefen und spezifischen Merkmalen, worin gerade auch ein einzigartiges menschliches Leben abgebildet ist.

Die mit Tinte äusserst gewissenhaft und mit vielen kleinen Details gezeichneten Porträts oder „Mikrogramme“ eines russischen Künstlers verfolgen dasselbe Ziel wie die Aromaöle, die auf jede der 24 Nutten als einzigartige Komposition zugeschnitten werden: sie verstärken die Wahrnehmung ihrer besonderen Persönlichkeiten. Aber es gibt auch ein gemeinsames Element, das in allen 25 Designparfums enthalten ist — dies ist ein Samentropfen des Autors Elias Kirsche.

Jedes dieser duftenden Porträts soll in einer Originalflasche präsentiert werden, in die der Besucher oder der Betrachter einen speziellen Tester in Form eines Horns absenken kann. 

Die Präsentation der Porträts findet im Dunkeln statt. Es ist jedoch geplant, Illustrationen, handschriftliche Texte und Duftporträts in Flaschen mit rotem Licht von 24 Spot-Lampen beleuchten zu lassen.

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Das Geheimspiel

Nach dem Mittagessen ist im Kindergarten immer Siesta. Während der Siesta kann und will er nicht schlafen, weil er sich von drei Erzieherinnen beobachtet fühlt. Er muss aber schlafen, ähnlich wie er das Weissbrot essen muss

„Wie kann man nur mitten am Tag, wenn es hell ist, in einem Raum mit 39 anderen Kindern unter Kontrolle einschlafen?“, fragt er sich als eine Erzieherin ihm falsch und zu laut ein Schlaflied zu singen versucht. Während der Siesta tut er nur so, als ob er schläft. Tatsächlich langweilt er sich. Um die Schlafzeit totzuschlagen, zieht er heimlich unter der Decke seine Unterhose aus und spielt mit seinem Organ ein Spiel. Manchmal schaut er dabei das Gesicht von Lenin an, das über seinem Bett hängt. Oder er fragt sich, was Prinz William gerade tut. Sein Organ wird grösser und juckt angenehm. Dieses Spiel ist sein Geheimspiel. Niemand weiss etwas davon. Nur er weiss es. 

Sein Tagesablauf ist immer gleich und wird vom Spielen bestimmt: Zuerst die Spielzeit mit anderen Kinder draussen. Zu dieser Zeit steht er still vor dem Drahtzaun und beobachtet neidisch durch karierte Drähte „freie“ Passanten. Danach – die Spielstunden drinnen, die er entweder nicht versteht oder wo er nicht gut ist. Danach – das Geheimspiel mit seinem Organ, unter der Decke. Dazwischen – die Essenszeiten, während dessen er das Essen, das ihm nicht schmeckt, möglichst zu schlucken versucht, ohne zu kauen. Bis heute ist es ihm immer gut gelungen, während er so tat, als ob er schlief, sein Geheimspiel zu spielen, ohne dass er von den Erzieherinnen jemals entdeckt wurde. Da er sich im Kindergarten fremd fühlt, ist sein Geheimspiel die einzige Tröstung.

Heute ist alles anders. Nachdem er unter der Drohung des Chefkoches das Weissbrot mit der Erbsensuppe gegessen hat, spürt er starke Bauchschmerzen. Er ignoriert sie und versucht, indem er so tut, als ob er schläft, sich auf sein Geheimspiel zu konzentrieren. Es gelingt ihm aber nicht, weil zu den Bauchschmerzen plötzlich noch Stuhldrang dazu kommt. Er muss, und zwar – sofort. Er springt auf und läuft in Richtung Toilette, ohne zu überlegen, ohne die Unterhose anzuziehen. Nackt. Eine der Erzieherinnen bemerkt es, steht auf und gibt einen lauten Schrei vor sich.

„Aaah!!! Illiaaah!“

„Wahrscheinlich hat sie ein Kind noch nie nackt gesehen…“, denkt er, während er noch schneller weiter läuft.

Alle anderen Kinder werden sofort wach. Bevor aber jemand zu handeln beginnt, verschwindet er in einer Toilettenkabine. Er verriegelt die Tür hinter sich. Er hat es geschafft.

Kaum erledigt er sein Geschäft, klopft eine Erzieherin an der Tür. Er sitzt still, atmet nicht und bewegt sich nicht.„Mach so-fort auf!“, schreit die Erzieherin. Das ist die gleiche, die schon am Anfang geschrien hat.

 Er sitzt still, atmet nicht und bewegt sich nicht. Er schaut auf die Tür. Die Tür ist aus Plastik, dünn und weiss.

„Mach so-fort auf!!“

Die Stimme der Erzieherin wird noch lauter, und noch dringender.

„Mach so-fort auf, habe ich gesagt!!!“

Nachdem sie das Schloss anschlägt, mit der deutlichen Absicht, es aufzubrechen, antwortet er:

„E, E, Entschuldigen Sie… Ich bin aber noch nicht fe, fe, fertig!“

„Das ist mir egal!!“, schreit die Erzieherin und wird hysterisch.

„Du darfst nicht einfach nackt durch die Gegend rumlaufen!!! Das ist bei uns striktens verboten!!! Haben deine Eltern es dir nicht beigebracht!!!“

Er versucht, sich zu erinnern. Er kann sich nicht daran erinnern. Doch diese Frage bedarf eine Antwort, möglichst schnell:

„Doch… nein…“

„Nein?!! Das kann gar nicht wahr sein!!! Mach so-fort die Tür auf und zieh so-fort deine Unterhose an!! Sonst werde ich die Tür aufbrechen!!! Und den Kindergartenleiter holen!! Dann bestrafen wir dich!!!“

Bestrafen.

Und tatsächlich: Er hört hinter der Tür die Stimmen. Die Stimmen von zwei anderen Erzieherinnen. Und die Stimmen der anderen Kinder. 

Er steht auf, öffnet vorsichtig das Schloss und schaut durch einen kleinen Spalt hindurch. Er sieht die Erzieherin. Sie steht da, mit seiner Unterhose in der Hand. Hinter ihr stehen noch zwei andere Erzieherinnen. Hinter ihnen die Kinder. 39 Kinder. Hinter ihnen hängt ein Lenin-Portrait. Ganz alleine.

Die Erzieherin streckt ihm seine Unterhose durch den Spalt.

„Ziehe die Unterhose an!!! So-fort!! Dann darfst du herauskommen!!!“

Die anderen 39 Kinder lachen.
Ab sofort ist er ein Verbannter.
Ein Allerweltsnarr.
Ein ganz fremder.

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Die Gesellschaftskunde

In der Gesellschaftskunde lernen alle Kinder, wie man Weissbrot produziert und warum es in der russischen Sprache das Sprichwort „Brot ist allen Dingen das Haupt“ gibt. Weil Brot für das menschliche Leben halt sehr wichtig ist. Weil man jeden Tag Weissbrot isst. Nein, weil man jeden Tag Weissbrot essen muss. Vor allem Kinder! Alle Kinder müssen jeden Tag Weissbrot essen. Aber bevor das Weissbrot zum Weissbrot wird, hat es einen langen Weg vor sich. Kinder können sich das noch gar nicht vorstellen, weil Kinder Weissbrot nur in seiner alltäglichen Erscheinungsform kennen. Als Weissbrot auf dem Regal im Lebensmittelgeschäft. Wo es jeder für nur zweiundzwanzig Kopeken einkaufen kann. Die kleinen Kinder haben einfach noch gar keine Ahnung, wie lang der Weg tatsächlich ist… Und diesen Weg erklärt sie, die Erzieherin, den Kindern anhand von Bildern. 

Noch bevor die Erzieherin ihre Bilder holt, fühlt er sich schuldig. Schuldig dafür, dass er als Kind keine Ahnung hat, was für einen langen Weg das Weissbrot durchläuft, bevor es zum fertigen Weissbrot wird. Er fühlt sich schuldig, dass er und seine Eltern das Weissbrot im Geschäft so günstig einkaufen. Aber auch dafür, dass er das Weissbrot, dieses teure Gut, täglich isst. Gleichzeitig will er das Weissbrot nicht essen. Nicht wirklich. 

Aber, er muss es essen. Er isst täglich Weissbrot, obwohl er es nicht will, weil er es muss. Und dann fühlt er sich dafür schuldig, dass er es isst.

Mit seinen sieben Jahren versucht er zu begreifen, was „wollen“, „müssen“ und „Schuld“ bedeuten. Und wie diese drei zusammen hängen.
Er begreift es nicht. Die klangvolle fröhliche Stimme der Erzieherin lenkt ihn ab und holt ihn zurück.

Die Erzieherin zeigt den Kindern grelle farbige Bilder, die den langen Weg vom Weizen zum fertigen günstigen Weissbrot für 22 Kopeken beschreiben. Sie zeigt das Bild mit einem Weizenfeld. Und das Bild mit vielen Frauen und Traktoren auf dem Weizenfeld. Alle diese Frauen und Traktoren… – sie alle arbeiten dafür, dass das Weissbrot zum Weissbrot wird, erklärt die Erzieherin. Die Jungs freuen sich, wenn sie viele Traktoren sehen. Sie äussern ihre Freude ganz offen. Sie zeigen mit ihren Zeigefingern auf die Traktoren im Bild. Sie werden laut. Fröhlich laut. Nach dem Gesellschaftskundeunterricht, wenn wieder Spielzeit ist, wird es unter den Jungs einen grossen Streit um den Traktor geben. Um den Spielzeugtraktor. Denn einen Spielzeugtraktor gibt es im Kindergarten nur ein Mal.

Die Erzieherin beruhigt die Jungs, indem sie mit ihrem langen Zeigestab auf den massiven Holztisch schlägt. Es wird sehr laut und gleich wieder sehr still. Dann zeigt sie den Kindern das Bild einer Fabrik mit vielen grossen grauen Maschinen, die Weissbrot produzieren. Und noch eins, mit vielen jungen Männern, die in der Fabrik arbeiten. Es folgt noch ein weiteres solches Bild. Und dann noch eins. Und noch eins. Die Bilder sehen sehr ähnlich aus und zeigen, wie lang der Weg ist. Die Erzieherin erklärt den Kindern monoton, aber ausführlich, die Funktion der Maschinen. Des Fliessbands. Des Backofens. Er kann die Maschinen schlecht voneinander unterscheiden. Es folgt das Bild mit einem LKW, der viele Weissbrote in ein Lebensmittelgeschäft transportiert. Am Steuer des LKWs sitzt ein junger Mann. Er freut sich und winkt den Kindern mit der Hand aus dem Fenster zu. Die Jungs freuen sich, wenn sie den jungen Mann sehen. Sie winken ihm engagiert zurück, sie beneiden ihn. Wenn sie gross sind, wollen sie auch Weissbrot ins Geschäft transportieren.

Die Erzieherin betont, dass auch im Feld, an der Maschine oder am Fliessband zu arbeiten schön und sicher interessant sein kann. Dass „erst die Arbeit von allen Menschen, die Arbeit von Männern und Frauen, den langen Weg zum fertigen günstigen Weissbrot für nur 22 Kopeken ins Geschäft ermöglicht“. Zum Schluss zeigt sie ein Lebensmittelgeschäft und eine lange Menschenschlange vor der Theke. Es ist eine Einkaufsschlange. Alle diese Menschen wollen frisches Weissbrot einkaufen. Hinter der Theke steht eine junge Frau. Die Verkäuferin. Über der Frau hängt ein Lenin-Porträt, wie bei den Kindern im Klassenzimmer. Lenin lächelt die Menschen in der Einkaufsschlange an.

Die Erzieherin sagt, dass jetzt Mittagszeit ist. Und, dass es heute zur Erbsensuppe ein besonders frisches und warmes Weissbrot gibt. Die Erzieherin sagt laut: 

„Guten Appetit!“

Und die Kinder, antworten im Chor: 

„Danke!“.

Als er am Tisch vor der dampfenden Erbsensuppe und einem Stück Weissbrot sitzt, kehrt er zu seiner Überlegung zurück, warum er das Weissbrot jetzt essen muss, obwohl er keinen Hunger verspürt. Obwohl das Weissbrot in Wirklichkeit so teuer, so kostbar und so schwer zu produzieren ist. Alle anderen Kinder sind schon lange fertig mit ihrem Essen. Und je tiefer er ins Grübeln versinkt, je länger er darüber nachdenkt, desto mehr vergeht ihm die Lust aufs Weissbrot. Als der Nachtisch serviert wird, kommt die Erzieherin wieder vorbei und versucht ihn energisch zum Essen zu animieren: 

„Die Suppe kannst du lassen. Aber iss doch wenigstens das Brot! Der Koch hat sich heute doch besonders viel Mühe gegeben!“ 

Er verweigert ihren Befehl und versucht verstohlen, einen Kompromiss zu finden, indem er langsam und widerwillig die kalte Erbsensuppe probiert. Er sagt, dass er kein Weissbrot will. Die Erzieherin versteht ihn nicht. Sie wird wütend. Sie läuft in Richtung Küche. Sie holt aus der Küche den Koch, einen groben, dicken, schwarzhaarigen Mann, der stark nach Schweiss und Knoblauch riecht. Alle Kinder im Kindergarten haben Angst vor dem Koch. Als er plötzlich in seinem weissen Kittel laut eintritt, verschwinden alle Kinder aus dem Raum. Der Koch hält eine riesige Schöpfkelle in der Hand. Die Schöpfkelle ist aus Stahl und glänzt in der Sonne.

Der Koch bedroht ihn mit seiner Schöpfkelle. Er sagt, er wird dem obersten Kindergartenleiter erzählen, „dass es hier im Kindergarten ein spezielles, boshaftes, gemeines Kind gibt, das anders als alle anderen Kinder ist! Das Kind, das das kostbare Weissbrot verweigert!“. Das Weissbrot, das er, der oberste Koch hier, extra für Kinder gebacken hat.

Nun muss er essen. Es hat funktioniert. Mit der Schöpfkelle und der Drohung, dass er sich bald vor dem obersten Kindergartenleiter zu rechtfertigen hat, erzeugt der Koch in ihm Angst. Er isst das Weissbrot, obwohl er es nicht will, obwohl er einen Klumpen im Hals verspürt. Er isst das kostbare Weissbrot und weint. Und er kann es sich nicht erklären, warum er dabei plötzlich weint. Erst als eine Kinderfrau, die den Tisch bedient, merkt, dass er weint, holt sie das Brot und die Suppe von ihm weg. Immerhin hat er eine Hälfte geschafft.

„Danke!“, sagt er zu ihr.

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Die Kunststunde

Im Kunstunterricht im Kindergarten ist er nicht gut.

„Er hält den Pinsel falsch, in der falschen Hand, und benutzt immer wieder falsche Farben…“ sagt die Erzieherin.

„Er malt auch immer wieder falsche Sachen. Nicht das, was alle anderen Kinder malen. Nicht das, was auf der Tafel steht. Kurz – nicht das, was ein Kind malen muss.“ 

„Er ist halt ein spezielles Kind…“ sagt Ana zu der Erzieherin. 

Die Erzieherin schweigt. Sie schaut zur Seite.

Heute malen alle vierzig Kinder ein Bauernmädchen. Das Bauernmädchen muss lange goldene Haare, einen Zopf und blaue Augen haben. Die Erzieherin hat es gerade auf der Tafel gemalt. Das Mädchen an der Tafel trägt ein langes grünes Kleid. Ihre Beine und Füsse sieht man unter dem Kleid nicht. Vierzig Kinder malen fleissig das gleiche Bauernmädchen ab. Sein Bauernmädchen hat plötzlich schwarzes offenes Haar und grüne Augen. Es trägt ein kurzes rotes Kleid. Und es hat Beine und Füsse. Man sieht im Bild ganz klar, dass sein Mädchen Beine und Füsse hat. Und es trägt sogar Schuhe. Stöckelschuhe. Rote Stöckelschuhe. Er hat sich im letzten Moment für diese roten Stöckelschuhe entschieden.

Die Erzieherin geht durch den Raum. Sie wirft einen kurzen Blick auf die Ergebnisse der anderen Kindern. Sie lächelt, schaut zufrieden und bleibt an seinem Tisch stehen. Die Erzieherin: 

„Wer ist denn das?! Ist das denn ein Bauernmädchen?“

Er war nie auf einem Bauernhof. Er hat in seinem bisherigen Leben weder Bauern noch Bauernmädchen gesehen. Er hat Natalia, ein Mädchen aus der Gruppe, gemalt. So, wie sie ist, wenn sie mit Julia spielt. Mit grossen Augen, im Wind flatternden Haaren. Mit einem grossen Mund. Gross, weil sie lacht. Nun… Nun ist er ziemlich verlegen. Er darf ja nicht sagen, dass es Natalia ist, wenn sie mit Julia spielt. Natalia, Julia und andere Kinder – sie werden ihn gleich wegen seiner Freundschaft mit einem Mädchen auslachen. Darum sagt er einfach leise: 

„Nein…“

Und die Erzieherin sagt laut, ohne zu überlegen: 

„Nein?!“

Und dann sagt sie, noch lauter: 

„Es ist kein Bauernmädchen! Es ist eine Pinselei!“

Die Erzieherin konstatiert eine Tatsache. Sie bleibt bei ihm stehen. Sie blickt ihn von oben herab an. Noch weiter oben, über der Tafel, hängt das Lenin-Porträt. Lenin schaut von oben auf die Kinder herab. Lenin lächelt ihn an. Er sieht Lenins Gesicht ganz oben, das Gesicht der Erzieherin über sich. Das Gesicht von Natalia unten, in seinem Bild. Alle drei Gesichter erscheinen ihm flach. Alle drei sind gemalt. Auch das Gesicht der Erzieherin ist flach. Es kommt ihm surreal und wie gemalt vor. 

„Es ist kein Bauernmädchen. Es ist eine Pinselei.“ 

Er kann wohl nichts dagegen sagen.
Alle Kinder gehen aus dem Raum.

Pause. 

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Der Missbrauch

Eine philosophische Autofiktion

Der philosophische Roman „Der Missbrauch“ dokumentiert authentische Erinnerungen eines Flüchtlings aus der Sicht eines neutralen Erzählers, geboren kurz vor dem Zusammenbruchs der Sowjetunion, bis zu seiner Flucht nach Europa im Jahr 1998. Die vielschichtige und abenteuerreiche Lebensgeschichte besteht aus zusammenhängenden Fragmenten einer soziopolitisch gefärbten Autofiktion. Sie bildet den ersten Teil eines vierteiligen Projekts und beinhaltet persönliche, familiäre, interkulturelle und sexuelle Auseinandersetzungen des Jungen mit der Welt, wobei sein immer düsterer werdendes inneres Leben diese Auseinandersetzung noch zusätzlich erschwert. Von aussen und von ihnen gleichzeitig überfordert, flüchtet der Junge schliesslich äusserlich nach Deutschland und innerlich in seine utopisch-erotische Phantasiewelt.

Die Romandramaturgie entfaltet sich in einem Szenenwechsel zwischen der grausamen und elenden Realität und den surrealen Wunschbildern. Der Autor erzählt vom schizophrenen Kind mit einem kargen Wortschatz in kurzen Sätzen im Präsens. „Der Missbrauch“ kann deshalb an „Das grosse Heft“ von Ágota Kristóf erinnern, die auch keine Muttersprachlerin ist. Gleichzeitig ist im Text die robert-walsersche Ästhetik vorhanden, und die  tragikomische Selbstironie von Woody Allen: „Ich will eigentlich nur Ficken und Schreiben!“ notiert der dreizehnjährige Junge in seinem geheimen Tagebuch. Ihm gelingt aber vorerst weder das eine noch das andere: Zahlreiche Dogmen, endlose soziale Vorurteile und die Engstirnigkeit der dubiösen Führerfiguren (fresssüchtiger Staatssekretär, neurasthenischer Psychiater, egomaner Wunderheiler und blinder Geschichtenlehrer) hindern ihn ständig an jeder Form der Selbstfindung und der Entfaltung. 

In einigen Fragmenten dieser äusseren und inneren Exilgeschichte werden die bekannten kollektiven Ereignisse aus der Geschichte der UdSSR mit pseudo-naiven kindlichen Auge interpretiert: die Atomexplosion in Tschernobyl. Das Ende des Kalten Krieges. In den anderen Kapiteln konzentriert sich der Autor auf persönliche Dingen, die ein ehrliches, authentisches Bild der Weltanschauung und der Werte in der Sowjetunion kurz vor und nach ihrer Zersplitterung bieten: Zum Beispiel erzählt er, wie die Kinder in einem ukrainischen Kindergarten im Jahr 1986 ein Bauernmädchen malen. Oder wie kaltherzig den Sechsklässlern die Theorie des „Sozialdarwinismus“ vermittelt wird.

Anhand der individuellen Geschichte des Protagonisten wird der Umgang mit den beiden grössten houellbecqschen Differenzierungssystemen der Post-Postmoderne, dem Sex und dem Geld, im Kontext der ost- und westeuropäischen kollektiver Kulturgeschichte deutlich. Diese beiden Tabus gelten neben der persönlichen Geschichte als Oberthema des Romans. 

Der Autor beschäftigt sich aber auch mit anderen Tabu-Themen – der Flucht, dem Tod. 

Während der „gewöhnliche“ Leser permanent einen sexuellen Missbrauch erwartet, zeigt sich einem „anspruchsvollen“ Leser die ganze Lebensgeschichte immer mehr als ein prolongierter Missbrauch. Am Schluss erscheint das Leben in der Sowjetunion selbst, mit seiner zur Anpassung zwingenden Organisation, der Staatsdoktrin, der Politik, der Schule und der Familie als der eigentliche Täter.

Wobei der kleine junge Mensch ihnen allen zum Opfer fällt. 

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SEXYLAND. von Elias Kirsche

SEXYLAND. Von Elias Kirsche

„Manchen erscheint die Welt gesittet:
Sie erscheint gesittet den gesitteten Menschen,
denn ihre Augen sind kastriert.
Deshalb haben sie Angst vor Schamlosigkeit.
Sie verspüren keine Aufregung,
wenn sie einen Hahnenschrei hören,
oder wenn der Sternenhimmel aufgeht.“

Georges Bataille, „Die innere Erfahrung“


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Einen echten Mann kann man sogar erkennen,

wenn er nackt ist.“

Stanislaw Jerzy Lec – Aphoristiker



Ach, liebe Leute! Heute, im Jahr 2045, mit meinen 74 Jahren, sind meine Erinnerungen an die Zeit, als ich in mir zum ersten Mal die Berufung zum Gigolo verspürte, immer noch sehr frisch. Bereits mit 12 Jahren war ich mir bewusst, dass ich ein Erotomane bin. Es war im Sommer 1983, ich verbrachte die Schulferien in einem abgefuckten Ferienlager auf der Krim – es war übrigens ein Lager für Teenager mit besonderen Begabungen. Mein Schamhaar – es war dicht und hatte eine komische rötliche Tönung – fing gerade an zu wachsen. Ich war schon immer sehr lernbegierig; nach dem Frühstück lieh ich in der kleinen lokalen Bibliothek eine Enzyklopädie der Symbole aus. Als Kind hatte ich eine Schwäche für Symbole aller Art. Ich glaubte, dass sie alle eine tiefe Bedeutung haben. Im Lexikon stand, dass das Wort „Sein“, oder „Zain“, זַ֫יִן, in der jüdischen Sprache nicht nur der siebte Buchstabe und nicht nur die Zahl „7“, sondern nichts weniger als der Schwanz bedeutet. Das war keinesfalls ein Zufall: Die Enzyklopädie gab darüber Auskunft, dass die Herkunft der Buchstaben sich zu einem Wort zurückverfolgen lässt, das „die Waffe“ bedeutet.

Das Symbol für „Sein“ war ein Zeichen, das ein Schwert abbildete; und seine arithmetische Entsprechung, Gematrie, die Zahl 7, stand für die geistige Dimension des irdischen Daseins. Mein Tischnachbar, ein arroganter Klugscheisser wie ich auch, las über die Schulter mit. Er erstarrte; im Buch stand, dass das „Sein“ in der Kabbala mit ganz grossen Begriffen verbunden ist, deren Quelle „ein anerkanntes Heiligtum“ bedeutet. Der Junge war ein armer Kerl von ca. 1.50 Meter; sein Kiefer fiel herunter, im buchstäblichen Sinne. Die Spucke träufelte. In der gleichen Enzyklopädie stand auch noch, dass der jüdische Buchstabe ז am Anfang eines Wortes die arithmetische Entsprechung des „Zains“ auf die Zahl „7000“vergrössert. Die Einheiten waren dort nicht präzisiert, aber sie spielten für meine unreife Psyche keine Rolle; auch wenn es nur Millimeter waren, war das ein riesiger Schwanz. Ich musste mich zusammenreissen, als ich spürte, wie in meiner eigenen Hose etwas hart wurde, was bereits mehr als 15 Zentimeter zählte. Später nahm mein Gesicht wieder einen gelassenen Eindruck an, und ich las, dass der „Zain“, zusammen mit dem Apostroph, “ז‘ in der jüdischen Sprache die Abkürzung „das männliche Geschlecht“ bedeutet. Also, Maskulin, von זכר – Männlein, männlich. Bereits damals wusste ich, welches Organ mich durch unsere Welt, die fast nur noch aus Geldgier, Doppelmoral und Heuchelei bestand, führen würde… In Anlehnung an diese Episode wurde am gleichen Abend in einer Gruppe von Jungs mit einem braven Mädchen ein erwachsenes Spiel gespielt. Es hiess: „Öffne für uns deinen Spalt!“ und es stand in keinem Widerspruch zum „Teenager-mit-besonderen-Begabungen“-Label: Vorher raubten wir, kleinere Jungs, bei der anliegenden Metallfabrik heimlich die nagelneuen Kugellager und bekamen dafür von den älteren Jungs „Provisionen“ – Markenpapirossa Belomor Kanal, ohne Filter. Gleich danach wurde ein braves Mädchen mit diesen Papirossa, mit Kaugummis, Zuckerwatte und Jorsch, ein Cocktail aus 4/5 Bier und 1/5 Wodka, bestochen; euch interessiert wahrscheinlich, was wir dabei spürten: Ich spürte vor allem eine enorme Lust, wobei das Wort „Geilheit“ eigentlich besser klingt, jedenfalls ehrlicher; ich spürte aber auch Schüchternheit, Scham und Ohnmacht. Und das brave Mädchen? Sie spürte wahrscheinlich nur noch die Geilheit, ohne jenen schamhaften Beigeschmacks; jedenfalls war in ihren Puppenaugen nichts anderes zu lesen. Ah, Hand aufs Herz: Wenn wir heute mit uns aufrichtig sein wollen, müssen wir anerkennen, dass wir bei diesen Spielen an der Schwelle zur Jugend nur noch triebgesteuert waren… Ich übernahm bei solchen Spielen bald die Regie und feierte damit mein Debüt in der vielseitigen erotischen Branche, in der sich meine ganze berufliche Laufbahn konstituieren sollte. Das Bestechungsritual mit anschliessendem Aufgeilen verlief reibungslos, wenn genug Jorsch und genug Kugellager im Spiel waren; die Älteren spielten dann unter sich einige zutiefst intellektuelle Spiele: Das „Pimmel-in-den-Spalt-Spiel“, oder das „Pimmel-in-das-Poloch-Spiel“. Unser jugendlicher Tauschhandel war ein absoluter Erfolg: Es war ein monotoner Kreisverkehr aus geiler Raubaktion, Drogenprovision, kleiner Korruption und Strassenpornos, durch den der längste Abschnitt meines Lebens gekennzeichnet war. Nicht nur meines Lebens übrigens, sondern des Lebens von mehreren Generationen der Mitbürger auf einer Oberfläche, die mindestens ein Sechstel der Erdkugel ausmachte. So verabschiedete ich mich bald von meiner Jungfräulichkeit und entdeckte gleichzeitig einige meiner besonderen Begabungen.

Nach dem Fachabitur machte ich eine Lehre als Bademeister; es folgten drei stinklangweilige Arbeitsjahre, in denen ich immer verzweifelter und immer schlauer wurde; unter diesen Bedingungen erwachte in mir natürlich der Unternehmergeist. Er erlangte eine Dimension, die nicht nur mich selbst, sondern auch Aussenstehende überraschte. Ich fing an, mich zu prostituieren; zuerst in einem sehr engen privaten Rahmen, indem ich eigentlich heterosexuellen männlichen Besuchern des Hallenbads in der Umkleidekabine heimlich einen wichste oder blies; später indem ich mich Schritt für Schritt an die „Erotikszene“ im allgemeinen Sinne wandte. Zu dieser Zeit (es war 1991, Hochsaison der Perestroika!) zog ich von der Krim nach Wien um und sah in der Rolle einer ganz typischen Ostblocknutte, die nach der Arbeit etwas Taschengeld generieren will und mit ihrem südländischen Look eine verführerische homoerotische Kurortausstrahlung verbreitete, ziemlich überzeugend aus.  

Kurz gesagt, ich machte das Beste aus meinem Leben, was daraus zu machen war; von meinen Krim-Freunden bekam ich dafür den Spitznamen „Putana“. Eine Nutte oder ein weiblicher Dämon, der Krishna seine vergiftete Brust reichte, ein dunkler Vermittler zwischen Menschen und Göttern. Ich arbeitete weiterhin drei Tage in der Woche im Hallenbad, nahm aber auch gelegentlich Dates mit Kunden und Kundinnen über etablierte Escort-Agenturen wahr, vorausgesetzt die Kundinnen und Kunden waren sauber, ganz gesund und zahlungskräftig. Ich wies meine Klienten immer darauf hin, dass ich absolut seriös sei und über ein hohes Einfühlungsvermögen verfüge, ich sagte es aber in einem bescheidenen Tonfall. Dabei vergass ich nie hinzuzufügen, dass ich bloss ein Begleiter sei, dass der Sex immer auf gegenseitigem Einverständnis beruhe, wobei das letzte Wort, ob ja oder nein, bei mir liege, ich liess mich keinesfalls ausnutzen. Der Kunde sollte etwas eingeschüchtert werden, aber nicht zu stark. Kurz, ich war wirklich geschäftstüchtig; meine Jugend und die „Seriosität“ sowie mein Sinnes- und Einfühlungsvermögen waren ziemlich hochgestapelt; im Rotlichtmilieu war das aber immer gang und gäbe.

Damit meine ich nicht, dass meine erotischen Dienste nicht einfühlsam und hochqualitativ waren, das waren sie! Ich machte tatsächlich das Beste aus meinem Leben, was daraus zu machen war, ich durfte es wirklich auskosten; ich hatte nur ständig das Gefühl, dass der Sex heute absolut oberflächlich, einfältig und vollkommen sinnentleert geworden war, und dass uns am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts fast nichts mehr auszukosten blieb: Wir hatten alles, was die Lust anbelangt, optimiert, rationalisiert und outgesourct, wir hatten alles stark verkürzt und vereinfacht, unsere Verhaltensmuster aufgedeckt, unsere Konditionierungen gebrochen, unsere Blockaden aufgelöst, alle Verbote und Tabus über Bord geworfen; da blieb gar nichts mehr zu entdecken, auch im Bereich der „hochspirituellen“ Erotik nicht mehr…
In wirtschaftlicher Hinsicht gab es „altreiche“ und viele „neureiche“ Klientinnen und kaum etwas dazwischen – „Mittelklasse“ war ein heruntergekommener Begriff, in der erotischen Szene konnte man ihn nur noch sarkastisch verwenden. Es gab natürlich weiterhin diverse Möglichkeiten, das grösste Kapital sofort zu verpuffen, das – ja. In der sexuellen Hierarchie gab es Kunden, die mit mir sofort einen Steifen bekamen bzw. Kundinnen, die extrem schnell feucht wurden, und die, die es gar nicht mehr hinbekamen: Ein äusserst primitives Verhalten , das bloss einige formelle Optionen offen liess (BDSM, Fetisch, Gruppensex…) und sich völlig aufrichtig mit Begriffen wie „Protzerei“, „Ausschweifung“, „narzisstischer Grössenwahn“ abstempeln liess, mit denen die grossen Männer wie Kant, Schopenhauer und Nietzsche bereits im 19. Jahrhundert aufgeräumt haben.

Selbstverständlich gab es immer noch „ganz normale Leute“, die „sexuell normal tickten“, zu kurz gekommene Familienväter und frustrierte Hausfrauen zum Beispiel, die tagsüber sehr viel arbeiteten oder mit ihren Kindern beschäftigt waren und darum am Abend für die Sache zu müde waren; sie alle berührten durchaus mein Herz und riefen in einigen Fibern meiner Seele sogar Mitgefühl hervor (doch ich war in erster Linie eine Nutte, ein Dienst-Leister!).
Es waren Leute, die zu ihrer Jugendzeit kaum Erotik ausstrahlten, als reife Personen für das andere Geschlecht nicht attraktiv erschienen und im Alter nicht wirklich reich waren, eher arm, aber trotzdem aus tiefster Überzeugung heraus Jugend, Erotik, Verführung, Reichtum, Sinnlichkeit, Lust und Liebe als ewige, allgegenwärtige Werte akzeptierten; Menschen, die gewissermassen stets als Säulen der Erde galten. Diese waren jedoch nicht in der Lage (ich erlaube mir, das als Rechtfertigung zu erwähnen!), mich für meine Dienste entsprechend zu entlohnen. Dennoch bot ich ihnen manchmal Schnupperdates mit 50 % Rabatt an oder kostenlose Stunden, damit ich ein Stück Abwechslung in meinem Berufsalltag geniessen und nach aussen hin nicht wie ein Ausbeuter oder Abzocker, sondern wie ein guter Mensch wirken konnte; das zählte nicht nur in der grossen Politik, sondern überall und seit kurzer Zeit sogar im Rotlichtmilieu als politisch-korrekter Ton. Das Heuchlerischste dabei war, dass ich ständig als ein Fachmann wahrgenommen wurde; zwar nicht ganz freiwillig und auch nicht ganz offiziell, aber trotzdem ein Fachmann. Hier zum Beispiel ein Satz, den ich im Verlauf meiner Karriere immer wieder zu hören bekam, wenn ich mich bei pompösen internen Geschäftsanlässen als „Putana“ vorstellte: „Die Nutte… Das ist doch schliesslich nur ein Berufsstand. Wie jeder andere auch.“
Obwohl sowohl ich als auch meine Opponenten ganz genau wussten, dass das nicht stimmt, nickten wir beide verständnisvoll. Ich bekam von den Autoren dieses tollen Spruches oft sogar Date-Anfragen; zwar wurden nach der Öffnung der Grenzen Europas rumänische, ungarische, nordafrikanische und südamerikanische Nutten ein stetig anziehender Trend, doch meine tollen Dienste besassen das Markenzeichen einer typisch russischen Raffinesse: Sie waren äusserlich luxuriös und edel gestaltet (rote Haute-Couture-Outfits, Fünf-Sterne-Hotels) und innerlich einfühlsam und exklusiv genug („kosmischer Sex“, „alte aztekische Rituale“), darum konnte ich meinen Erfolg halten. Das Beste an der Arbeit einer Prostituierten und überhaupt an der nuttigen Haltung zur Welt ist, dass eine Frau (oder heute äusserst selten auch ein Mann) sich fast straflos wie eine Schlampe verhalten darf und dazu noch die Nase vergolden kann, wobei das Geschäft sich mit dem Privaten verbinden lässt (vorausgesetzt, man hat keine Familie), das ganze sogar mit schweigendem Einverständnis der breiten Öffentlichkeit, oder zumindest mit ihrer Enthaltung.  

Meine sogenannte Fachprofessionalität war in Wirklichkeit eine Sache der Interpretation: Einige sanfte Berührungen am Gesicht oder hinter den Ohren bei der Lady sowie kräftige Schwanzgriffe und Abtasten der Eier beim Gentleman, aber vor allem Achselhöhlenmassage mit Straussenfedern hatten mir den Titel eines Verführungsmeisters und später sogar die Reputation eines Sex-Gurus verschafft. Wie bitte?! Ich, der Sex-Guru? Ab und zu trieb ich Sex nicht nur fürs Geld, und einigen besonders groben und dummen dickheutigen Männern versuchte ich gelegentlich einige Massagegriffe beizubringen, damit sie bei ihren Ehestuten nicht sofort in Verdacht kämen; dazu nahm ich manchmal halb-absichtlich eine pädagogische Position ein und erklärte einer Stammkundin, wie ein geiles Fellatio funktioniert. Darüber hinaus hatte ich eine dunkle Haut und war sportlich gebaut, das verschaffte mir natürlich einige Extrapunkte. Der Grund, warum einige Klienten auf diesen Sex-Guru-Begriff kamen, waren höchstwahrscheinlich meine Spirituelle Seminare, genauer gesagt die erotischen Workshops, die ich ein Mal pro Monat organisierte. Ich verstand nicht ganz, wie es dazu kam, dass ich mit den Jahren immer mehr wie ein Inder aussah: Mein Vater war halbdeutscher-halbjüdischer Abstammung und meine Mutter, falls sie mich nicht absichtlich irreführen wollte, Spanierin. Ich musste annehmen, dass meine Mutter meinen wirklichen, leiblichen Vater vor mir geheim hielt. Es kann sein, dass mich tatsächlich einer namens „Lingam“ gezeugt hatte. Aber lassen wir das Herkunftsthema besser sein: Ich hatte immer wieder Inder als Kunden – Juden sowieso – und nicht nur aus den USA oder aus Israel. Ich halte es für wichtig, wie man lebt und wo man stirbt; die Frage der Geburt dagegen geht mich nichts an.

In der vielseitigen Landschaft erotischer Angebote erwiesen sich meine Erfahrungen aus dem Ferienlager für Teenies mit besonderen Begabungen durchaus als nützlich, vor allem im Marketing-Segment. Die Frauen verstehen sehr wenig vom Kommerz, darum schätzen sie oft bei Männern diese Fähigkeit; die Gelegenheiten, mein Gerät in eine der dafür gut geeigneten (oder auch weniger gut geeigneten) Löcher einzustecken, habe ich während meiner Laufbahn nicht vermisst. Ich muss dazu sagen, dass ich von diversen erotischen Abenteuern mit der Zeit immer mehr erregt war: Damen, die sich einen Meister, erotischen Masseur oder Gigolo bestellen, sind in der Regel nicht mehr ganz frisch, sie nähern sich ihrem sechsten oder gar siebten Jahrzehnt, und es wird ihnen bewusst, dass ihnen nicht mehr so viel Zeit für Zärtlichkeiten übrig bleibt. Sie versuchen somit, noch etwas nachzuholen. Aber mich erregten eben die MILFs, und zwar immer: Ich ahnte, dass ich in diesem Business noch schneller als sie selbst alt werde, berufsbedingt sozusagen, weil zu viel geiler Sex nicht nur träge macht, sondern eben auch alt – darüber wissen die Insider gut Bescheid. Als selbst Betroffener durfte ich ihre Trauer mit einem Beigeschmack der Dekadenz – ungewollt, weil es wirklich äusserst traurig war – mit ihnen teilen. Sie erfuhren es bereits oder würden es bald erfahren: Ihr Körper verliert stark an Wert; ich durfte ihnen also nur noch versichern, dass wir in demselben Boot sassen und somit Gleichgesinnte waren, und ihnen damit unwillkürlich ein hoffnungsloses Spiegelbild ihres eigenen Selbst vor Augen führen… Ach, meine lieben Ladys! Keine Vollkommenheit stand uns bevor, sondern bloss ein Verwelken; die erotische Begegnung, die uns erwartete (oder bald zu ihrem logischen Ende ging), würde kein Aufblühen markieren, sondern ein Ausblühen, vollgefüllt mit tragischen, enttäuschenden, im buchstäblichen Sinne katastrophalen Gefühlen und Erkenntnissen, die zuerst nur sehr leise ihre Präsenz andeuteten, mit der Zeit jedoch immer lauter und lauter würden… Ach, das alles war überhaupt nicht belebend, überhaupt nicht. „Mit sechsundsechzig Jahren, da fängt das Leben an“, meinte Udo Jürgens. Es war ihm nicht bewusst, dass es bei uns, den Ostblocknutten, mit sechsunddreissig oder bereits mit sechsundzwanzig endet.  

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Jetzt, zu dieser verhängnisvollsten Stunde der Welt, verspüre ich nur noch eine Lust – ganz nackt im Regen zu spazieren. Mein Urgrossvater aus dem vorletzten Jahrhundert, der eigensinnige Gigolo, hat hier in der Umgebung von Basel die Villa Nostalgie für sich erbaut, die sich genau an der Stelle befand, wo aktuell der offizielle Standort des Campus 3 der Feministischen Universität von Sexyland registriert ist. Wie seltsam es erscheinen mag, befand sich damals hier ein FKK-Gelände, das dem gemeinnützigen Verein
„Die neue Zeit“ gehörte. Archivdokumente lassen keine Zweifel darüber offen.
Der Campingplatz wurde endgültig beseitigt, wie auch die Möglichkeit in der Öffentlichkeit nackt zu sein. Freigegeben sind darüber nur noch einige Geschäftsunterlagen, aber sie ermöglichen es uns nicht, die kindliche Unschuld zu verstehen, die einige unserer Vorfahren empfunden haben, wenn sie nach der Arbeit mit ihren Velos oder zu Fuss hierher kamen, ihre Kleider ablegten und ihren nackten Körper der Sonne zuwendeten. Auch die Wahrnehmung des frischen Regens, des Wassers auf der Haut sowie Begriffe wie „Freude“ oder „Lebenslust“ können wir nicht mehr begreifen, sowie die erotische Ekstase oder diese geheimnisvolle Besinnung, die Kollegen, Freunde und Partnerinnen meines Urgrossvaters die Neugier genannt haben. 

Damals, als die Männer noch Freundinnen, Ehefrauen und Musen hatten, kamen sie mit ihren Frauen mittels geheimnisvoller Rituale zusammen, die sie „Flirt“ oder „Verführung“ nannten, wobei der Neugier dabei eine wichtige Rolle zukam. Heute kennen wir dafür nur Begriffe aus dem zoologischen oder technischen Jargon, Verben wie „beschnüffeln“ oder „beschnuppern“. Die ehrbare Mutter erwähnt in ihrem Offenen Brief an die Männer der ersten bis dritten Kaste im Abschnitt über die Handlungen, die unerwünscht sind, einige solche Begriffe. Hier ist dieser Abschnitt:

Unerwünscht sind Handlungen, die die Ehre der Frauen in ihrem Frausein grob verletzten, wie z. B. Frauen beanspruchen, bedrohen, befummeln, beherrschen, beleidigen, beschnüffeln oder beschnuppern. Alle Testosteronausbrüche gilt es zu kontrollieren, zu zähmen, zu unterbinden oder zu unterdrücken. Nichtbefolgung hat eine per sofort wirksame Strafe zur Folge: Wer den elementaren Verhaltenskodex nicht ehrt bzw. ihn nicht verinnerlicht, wird von Regentinnen dringend neu gestartet und im Anschluss mit Verzicht auf alle Updates umprogrammiert!

Männer!  Nicht abweichen von diesem edlen, vortrefflichen Weg!

Danke für Ihr Verständnis.

Sexyland, 17.11.2107
; Es gilt die Zivile Frauenverordnung SL Kap. 4. Abs. 3. Art. 21. Beachten Sie bitte Verordnung Nr. 51 über die Archaismen bzw. die Hausordnung!

Nach dem Dritten Weltkrieg haben wir den Pfad der Neugier verlassen, ohne dass es uns gelungen wäre, ihn zu ersetzen. Dadurch haben wir nur einen von vielen Trieben weiterverfolgt – den Todestrieb. Als die Prostitution zuerst verboten, jedoch bereits in drei Jahren wieder eingeführt worden war, und zwar als Flatrate-Angebot, bundesweit, fing das Untergangszeitalter des Erotik an. Die Prostitution galt schon immer als der älteste Beruf, jedoch wurde der menschliche Körper vorher nie nur noch als Lustkapital verstanden. Zwar betrachtete Jean Baudrillard am Ende des 20. Jh. den Körper als Investitionstool bzw. als Werkzeug, jedoch müsste er sich notwendigerweise im Grab umdrehen, wenn er sehen könnte, welche Massstäbe seine Theorie angenommen hat.


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„Finden Sie meinen Job unmoralisch?

Dann fragen Sie sich bitte ganz ehrlich:

Wie moralisch ist eigentlich ihrer?“
Alexander Gerhardinger,
 
Betreiber des grössten Bordells Wiens.





Als ob es gestern wäre, erinnere ich mich heute noch an den Tag, als ich das Wort „Nutte“ zum ersten Mal hörte; es war im Jahr 1982, als wir noch auf der Krim wohnten, in einem typisch-sowjetischen Plattenbau. Weisse Platten, die über 300 genau gleiche Wohnungen bildeten, wurden mit den Jahren dank mehrerer Schichten von Smog, Staub und Kohlendioxid immer dunkler, von Hellgrau zu Dunkelgrau und Blauschwarz, bis ganz Schwarz.

Wie alle anderen Wohnungen auch war unsere Wohnung klein und hellhörig; zwei Zimmer, jede circa 10 Quadratmeter gross, vom Boden bis zur Decke knapp zwei Meter. Wir wohnten ganz oben, im 9. Stockwerk, und unter uns wohnte eine reife Dame, die täglich von Gruppen stinkender alkoholisierter Männer Besuch bekam.
Als vier Genossen in grauen Kostümen mit Achselklappen der Miliz sie an einem Abend aufsuchten, sagte ein kleiner Junge aus der Nachbarschaft: „Schau, Sena! Die Aschenmänner sammeln den Tribut bei der geilen Nutte!“

Am gleichen Abend erklärte mir mein Vater, dass diese Lady eine illegale, jedoch sehr erfolgreiche Prostituierte ist. Es folgte eine Erklärung, was „Prostituierte“ bedeutete, allerdings eine ziemlich verschwommene. Mir war es bis zum zwölften Lebensjahr nicht ganz klar, was die schrillenden Geräusche bedeuteten, die immer und immer wieder von notgeilen Männchen und Weibchen stammten. Auch wenn alle diese Tierchen meine eigenen Eltern zu ähnlichen Handlungen verführten. 

Eine sowjetische Frau, eine „Patriotin“, wurde einmal von einem US-Radiosender zum Alltag in der Sowjetunion interviewt. Mit ihrer Antwort auf die Frage, wie es in der UdSSR mit der Sexualität steht, wurde sie Autorin eines historischen Spruchs:


„Bei uns in der Sowjetunion gibt es keinen Sex…
Aber es gibt die Liebe!“

Das war offensichtlich verkehrt: Es gab wenig Liebe in der UdSSR, aber es gab den Sex, höchstwahrscheinlich sogar mehr als zum Beispiel in Deutschland; die Bundesrepublik war damals noch voll mit dem Wiederaufbau und dem Marschall-Plan beschäftigt. Der Sex wurde nur anders ausgelebt; was sollten die Leute sonst treiben?! In der Sowjetunion gab es keinen Marschall-Plan, und der Wiederaufbau galt eher als Nebenbeschäftigung.
Es war logisch, dass es eine Verausgabung gab, die auch noch als verfemt galt: Die verzweifelte Lust, Geilheit genannt, war ein Ventil, durch das alle verschollenen Hoffnungen einer grossen Siegermacht verdunsteten.
 

Es vergingen neuen Jahren seit meiner spontanen Flucht in den Westen, welche mit der Arbeit und mit monotonen, langweiligen aber geilen Affären vollgefüllt war, bevor ich Lilian kennenlernte. Im Millennium-Jahr 2000 war ich neunundzwanzig, sie war dreissig. Ich liess mich zu dieser Zeit in Berlin nieder und besass ein kleines diskretes Studio in Wilmersdorf, in einem damals inoffiziellen Hotel für Swinger und Homosexuelle. Ich hatte zwei bis drei Kunden pro Tag und es gelang mir, eine Million Deutsche Mark anzusparen.

Ich meine, echt anzusparen, nach Abzug der Mietkosten und der Steuern und des Life-Styles, den ich führte; insgesamt habe ich in diesen neuen Jahren fast noch eine Million Deutsche Mark für meine Lebenshaltungskosten ausgegeben. Ich lebte nobel für die damalige Zeit, aber nicht sehr nobel. Irgendein Hauptprotagonist von Dostojewski, der so eine Summe besass, würde sie in einem Casino verspielen oder verschenken, oder sie einfach ins Feuer werfen und verbrennen, mindestens traf dies auf einige seiner weiblichen Figuren zu (dabei waren sie nicht einmal Nutten).
Aber ich war keine Dostojewski-Figur: Ich ging bewusst und sogar sparsam mit der Kohle um, schliesslich war ich zu einem Viertel Jude und lebte bereits lange genug im deutschsprachigen Raum, um diese grosse Tugend namens Sparsamkeit entwickeln zu können. Ich verspürte bereits zu dieser Zeit frühe Anzeichen der Müdigkeit, und mir war klar, dass mein Haupterwerbswerkzeug, der Körper, mir bald nicht mehr dienen können würde, mindestens nicht im gleichen Ausmass. In meinen ersten guten Geschäftsjahren nutzte ich ab und zu das Geld, um gewisse Status- oder Luxussymbole zu erwerben, zum Beispiel besass ich eine Schwäche für edle Schuhe, elegante Uhren und Seidenhalstücher. Ich hatte auch nichts gegen die alten Weine und überlegte mir, ob ich nicht eine Yacht oder eine Luxuswohnung in Barcelona kaufen sollte. Darin war ich ein ganz typischer Vertreter meiner Generation. Man könnte endlos die Frage diskutieren, ob die Menschen in den früheren Jahrhunderten glücklicher waren als wir oder nicht; man konnte das Verschwinden der Religionen oder die Schwierigkeiten, sich zu verlieben thematisieren, die Vor- und Nachteile dieser Entwicklung gegeneinander abwägen; man konnte das Aufkommen der Demokratie, den Verlust des Sinnes für das Heilige, den Zerfall der sozialen Bande anführen. Ich musste mich auch fragen, ob die Computer, das Internet und die Suchtmaschinen, die zu dieser Zeit sich völlig aufdrehten und mit jedem Tag immer mehr Macht gewannen, nicht das Leben hier und jetzt erstaunlich schnell verzehrten und absorbierten, was dazu führte, dass wir uns von der „Realität“ immer mehr distanzierten, sie gar fürchteten. Man konnte aber nicht bestreiten, dass das neue Jahrtausend in Sachen wie des Konsums von Sex-Wellness alles übertreffen würde, was es bisher gab: In dieser Domäne wird es ihresgleichen sehr lange suchen müssen; nirgendwo und niemals existierten auf dem Globus Metzgereien, die sich, was die Vielfalt und die Fleischmenge anbelangt, mit einer moderner Pornoseite messen liessen; ebenfalls, was die Kopulationsarten betraf. Ich hatte selbst von einigen exotischen erotischen Angeboten profitiert, in erster Linie im Tantra- und im BDSM-Bereich; ich fühlte mich aber allmählich übersättigt und sogar überfordert davon, sodass ich mich schliesslich für eine Weile aus der Sex-Szene gänzlich zurückzog; anderseits verspürte ich auch während dieses Rückzugs permanent Lust, sogar beim Essen und beim Schlafen, – und das war trostlos und hoffnungslos.

Zum Zeitpunkt als ich Lilian kennenlernte, begegnete ich in der einen oder anderen Form circa 2000 Frauen und 5000 Männern. Wenn es bei den meisten Ladys nach einer Session zum Sex, ich meine, zur Penetration kam, begrenzten sich meine Treffen mit Männern aufs Petting, auf die gemeinsame Selbstbefriedigung und am Anfang noch auf den Oralverkehr, wobei ich im letzten Fall meistens passiv blieb. Es ist erstaunlich, wie viele Männer einen zwanghaften Wunsch verspürten, einem anderen Mann einen zu blasen, und wie viele waren bereit, mich dafür gut zu bezahlen, vorausgesetzt, ich blieb sauber und diskret. Was mich anbelangt, so erkannte ich schon früh, dass ich auf Frauen stehe, und wenn ich doch einen Prallen in den Mund nahm, dann tat ich es fast immer ziemlich widerwillig; aber, Hand aufs Herz, wer tut schon in seinem Beruf etwas fürs Geld zu 100 % freiwillig?! Und wenn ein Priester, ein Arzt oder ein Autor es nicht tut, dann macht das eine Putana auch nicht zu 100 % gerne! Wie dem auch sei, vielleicht war ich schon etwas bisexuell: Eine schöne gestraffte Latte in der Hand zu halten, bereitete mir immer Spass (obwohl ich niemanden kenne, dem es keinen Spass bereitet), aber schwul war ich nicht:
Der männliche Körper liess mich kalt, ich konnte keine emotionale Beziehung zu einem Mann aufbauen, und wenn ich doch ein paar Mal meinen Arsch für einen Rüden herhielt, dann tat ich es mehr aus Neugier und weniger wegen eines fetten Betrags, jedoch nie lustvoll. Es tat mir ziemlich weh, ich fürchtete mich vor allen Krankheiten, und im Verlauf der Karriere wurde mir auch zunehmend bewusst, dass ich kein passiver, sondern ein aktiver Stecher bin.

Ein Protagonist des Marquis de Sade würde in dieser Phase beginnen nachzudenken, ob er mit Kindern oder mit Tieren vögeln soll, oder ob er sich besser dem Urin- oder Kotfetisch ernsthaft zuwenden sollte. Ich dagegen verspürte eine Abneigung gegenüber Zoophilie und hatte noch nie mit einer Minderjährigen gevögelt, hatte auch nur selten solche Phantasien. Ich hatte nur ein einziges Mal eine Affäre mit einer siebzehnjährigen Jungfrau, die aber wie eine vierzehnjährige aussah; es war schon geil, eine Art „Unschuld“ im Zusammenhang mit der Lust auf frisches Fleisch zu spüren, und mein Auge war vom Anblick ihrer jugendlichen Perfektion sehr fasziniert. Abgesehen davon übte sie keinen besonderen Eindruck auf mich aus, so dass ich mich von ihr nach 2-3 mittelmässigen Treffen stillschweigend verabschiedete. 

Lilian lernte ich in einem kleinen Belle-Epoque-Hotel in der Nähe von Cap D’age kennen, das man ohne Übertreibung idyllisch nennen konnte. Dort fand ein „Tantraseminar für Fortgeschrittene“ statt, der „Healing Touch“ hiess und zu dem auch Lilian sich angemeldet hatte. Als ich dort ankam, war ich erstaunt, wie verzweifelt und träge die meisten Teilnehmerinnen aussahen: Augenringe, faltige Haut, zu mager oder ziemlich voll, Hängetitten und Ärsche, die sie stolz präsentierten, nicht ohne eines vorher kalkulierten Lächelns… Es fehlte nichts.


„Ja, aber sie brauchen auch Liebe und Zuwendung…“ – sagte die Seminarleiterin tröstend und fuhr fort: „Es ist doch schön, dass auch so viele reife Früchte sich noch für die erotische Heilung interessieren…“

Obwohl Menschen, die schon am Ende ihrer 20ern eine vierstellige Zahl von Sexualpartnern vorweisen konnten, tatsächlich selten an die ewige Liebe glauben, heisst es noch lange nicht, dass solche nicht in der Lage sind, sich zu verlieben, sogar auf den ersten Blick. „Sich ver-lieben“ bedeutet ja nichts anderes als (ziemlich verdreht, ich gebe es zu) der erotischen Anziehung zu folgen; bereits nach wenigen Stunden, als ich Lilian ansprach, spürte ich, dass es mindestens eine langfristige Affäre sein würde, wenn nicht eine ernsthafte Geschichte; sie spürte es ebenfalls. Nach einem Smalltalk mit Standardfragen: Wie ich heisse? Woher ich komme? Was ich mache? – schien sie vorerst gar keine Fragen mehr zu haben. Darum fragte ich sie nach ihrer beruflichen Routine. Sie arbeitete damals für eine grosse IT-Kette.

„Was machen denn die Informatikerinnen die ganze Zeit?!“
Ich sagte es etwas motzend:
„Die Männer wichsen stundenlang zu Pornos… Und die Frauen?“
„Na, ja… Ich besorge für meine Firma in der ersten Linie mehr Aufträge. Gut bezahlte Aufträge. Ich kann es nicht zuletzt, weil ich sehr viele Programmiersprachen beherrsche. Es ist wie mehrere Fremdsprachen zu sprechen, und darum in der Lage zu sein, zu dolmetschen. Wie auch immer, die Arbeit begrenzt sich auf die Vermittlung.“
 

Weil Lilian sich nicht provozieren liess, drohte das Gespräch sich bald zu erschöpfen:
„Können wir uns vielleicht anstatt der verbalen der körperlichen Kommunikation widmen?“ – fragte sie.
„Schliesslich heisst das Seminar ‚Healing-Touch‘. Ich muss auf diesem Gebiet noch üben…“

Wie oft bei ernsthaften Affären hat mir Lilian schon am ersten Abend einen geblasen. Sie war eine Brünette asiatischer Herkunft: mittelgross, ein paar Kilos zu viel, weibliche Rundungen. An dem Abend trug sie ein kurzes rotes Kleid von Prada und sehr elegante vergoldete High Heels. Sie war geschminkt ohne Fehl und Tadel, jedes Haar – wie dahingestellt. Ihr Parfum roch edel und sexy. Ihre Augen funkelten. Diese Frau besass zweifellos eine unglaubliche erotische Ausstrahlung. Ich musste mich gut beherrschen, um nicht gleich über sie herzufallen.


„Du tust einiges, um die Männer in den Wahnsinn zu treiben.“
„Ja. Das kommt vor. Aber es ist ist nicht so schwer.“
„Sind die Informatikerinnen keine Snobs, die sich fahrlässig kleiden?“

„Nein, das ist ein Vorurteil. Klar, leben wir in einem ästhetisch verblödeten Zeitalter, in dem in Kleidung- und Stilfragen ein Kult der Achtlosigkeit herrscht. Das, was zählt, sind praktische Aspekte und der Preis. Manchmal die Marke. Doch das ist nicht immer und überall so: Auf dem relativ hohen Niveau, auf dem ich arbeite, kleiden sich die Damen durchaus elegant. Wusstest du das nicht?“
„Nein. Die Ausnahmen bestätigen die Regel.“

„Und wie sie sie bestätigen!“ Lilian lachte. Ich lachte auch.

Während ich mich an Lilian erinnere, kommt mir in den Sinn, wie ehrlich und unverblümt wir über alles gesprochen haben, in erster Linie über Dinge, die eine moderne Frau ausmachen, und die sie deshalb entweder ausbaucht oder verdrängt, da sie Bedenken hat, nicht modern genug zu wirken, oder eben viel zu modern für einen Mann; diese Angst entspricht ihrer Angst vor der Einsamkeit. Dabei ist es eine berechtigte Angst, denn die meisten Männer wollen, eben, keine moderne Frau.

„Es ist Quatsch, dass ein Mann mir einen Orgasmus verschaffen soll!“, hatte Lilian schon am ersten Abend mir offenbart, ihre bestrumpften Beine damenhaft überschlagend: „In meinem Fall ist es offensichtlich noch niemandem gelungen!“ Sie hatte wohl recht: Der weibliche Orgasmus blieb für immer ein Mysterium, obwohl er von zombierten feministischen „Sexualtherapeuten“ für einen Mann, der immer up to date sein wollte, eine Pflicht geworden ist…

„Ein Mann muss heute im Bett im Kopf behalten,“ fuhr sie fort, „dass jede Frau eine Klitoris besitzt. Jedenfalls steht das in all diesen populären Sex-Lexika. Da wir früher noch zu den dunklen Zeiten des Patriarchats durch die Penetration ständig missbraucht wurden, müsst ihr Männer von nun an das jahrtausendelang Versäumte nachholen und im Sinne einer… Entschuldigung?
– oder eines Schadenersatzes? – der aber niemals ausreichen wird! – uns stundenlang und unbedingt bis zum Schluss! – die Perle einreiben. Als ob diese schmächtige, armselige Wichserei einen unmittelbaren Beweis für den endgültigen Triumph der Gleichberechtigung liefert! Dem aber noch nicht genug: Auch wir, moderne Frauen, sind von nun an verpflichtet, immer zu kommen, weil ihr Männer angeblich immer kommt und immer gekommen seid! Und wenn wir doch nicht kommen, dann sind wir verklemmt oder krank. Seitdem Frauen es wissen, oder es erst begreifen? – dass sie seit jeher bloss zu einem Sexualobjekt herabgewürdigt wurden, müssen sie durch dieses klitorale Wiesel von euch als Subjekte wahrgenommen werden, als ob dieser Subjektstatus so etwas Sakrales und ganz Würdiges wäre, was nur durch die in uns integrierte Klitoris erreicht werden kann! Was für ein Blödsinn!“ 


Ihre Stimme war voller tragischer und giftiger Ironie. Ich nickte. Es war bereits sieben Uhr abends. Nach dem Abendessen war im Seminarprogramm eine indische Vereinigung geplant, und ich fühlte mich ruhig und gelassen, eigentlich ganz entspannt, als ich mich ohne einen Grund umschaute: Wir befanden uns in einer wunderschönen Suite: Spiegel, authentische Jugendstil-Möbel, Malereien, Skulpturen… Der Boden und die Sessel aus Mahagoni-Holz, vergoldete Leisten… Erst jetzt begriff ich, dass sie sich dem Interieur entsprechend verkleidete, dass ihr Look ideal zur ganzen Einrichtung passte. Sie bot mir einen Rémy Martin X.O. an und wir liessen uns auf der Terrasse mit weissen Chrysanthemen nieder. Draussen war Frühherbst. Einige Blumen waren vom Verwelken bereits berührt. Lilian brach das Eis ab:

„Darf ich dir etwas mehr von mir erzählen?“
– „Selbstverständlich!“
„Gestern bin ich 30 geworden. Ich habe einiges erreicht: Als ich noch 19 war, wurde ich von meiner Chefin in internationales IT- Management eingeführt. Mit 20 beschäftigte ich mich mit Business Relations, Business Administration, Business Studies und anderem Business-Zeug. Später war ich Unternehmensberaterin und machte Fortbildungen in dieselben Richtung. Heute verfüge ich über ein sogenanntes Unique Knowledge und bin als Senior Consultant eines internationalen Top-Konzerns tätig. Ich verdiene gut…“

„Wie viel?“

“Mein Stundensatz beträgt aktuell 350 US-Dollar. Netto natürlich“
„Ja, das ist nicht schlecht. Fast so viel, wie ich aktuell verdiene.“
„Logisch. Du gibst ja viel mehr als ich von dir preis. Du kommst extrem nah mit Menschen zusammen und kannst fast gar nicht ausweichen. Es ist ganz normal, dass du gut bezahlt wirst.“

„Na ja… Ich kann schon ausweichen…“

Ihr Blick schweifte durch die Suite:

„Wie dem auch sei, ich kann mir einiges leisten. Dich zum Beispiel.“ 

Ich ahnte, warum sie mir das alles erzählt. Sie sprach weiter, über ihre Unmöglichkeit, eine Familie zu gründen. Kinder zu haben. Lilian konnte nicht anders als gleich alles auf den Tisch zu werfen. Ich verspürte Mitleid mit ihr, schaute aber instinktiv mehr unter ihren Minirock als in ihre Augen. Ich stellte fest, dass sie keinen Slip trug. Sie spürte meinen Blick, fing ihn ab und wechselte das Thema:


„Im Bereich der Beziehung siehts aber düster aus. Ich wuchs in armen Verhältnissen in China auf und wurde als Kind von meiner Mutter und meinen vielen Verwandten sexuell missbraucht. Meine Psychoanalytikerin meint, dass ich darum im Job so viel anstrebe: eine Art Rache, Deklaration meiner Souveränität um jeden Preis. Wahrscheinlich hat sie recht. Wie dem auch sei, ich bin sehr vielen Männern nahe gekommen. Und du?“

Ob ich vielen Männern nahe gekommen bin?

„Einigen.“ – hörte ich meine eigene Stimme.

„Aber Deine Beziehungen dauern auch nicht lange?“

„Manche Lebensmittel halten im Kühlschrank etwas länger… Das ist normal.“

„Eben. Darum probiere ich es auf diese Art…“

Sie stockte. Ich nutzte die Gelegenheit, um sie zu fragen, was sie mit mir denn vorhat. Daraufhin begann sie zu erzählen, wie langweilig der Sex mit ihrem jetzigen Freund sei. Er sei ein älterer Herr, ein Jurist aus Zürich. Wegen ihrer Arbeit reist sie sehr viel und sieht ihn selten. Wenn sie sich sehen, kommt er zu schnell, schläft gleich ein. Sie vermisst die Sinnlichkeit, die Zärtlichkeit.
„Frauen, die Tantraseminare oder irgendeinen anderen Workshop besuchen… Die sich mit der Lust und mit dem Geist befassen, sind in der ersten Linie auf der Suche nach Achtsamkeit; sie wollen be-achtet und gesehen werden, sie brauchen die Aufmerksamkeit und sehen sonst keinen Sinn im Leben; die Verbindung der Sexualität mit der Spiritualität zielt ebenfalls darauf ab; jemand, der einen Aufmerksamkeitsmangel verspürt, sehnt sich natürlich nach einer erotischen Erkenntnis. Er sehnt sich danach, weil er sie nicht hat. Das hat schon Platon Sokrates in den Mund gelegt, und das ist ein Grund, warum ältere Frauen heute immer noch in die Kirche gehen, und ältere Männer in den Puff, obwohl Letztere meistens nicht mehr können: Es ist eine soziale Funktion. Das ist eine altbackene Binsenwahrheit, die die Unterhaltungsindustrie schon sehr lange nutzt. Wichtig ist, dass es dabei keine echte Nähe, gar keine wirkliche Be-Achtung gibt. Ohne den Körper kann es sie auch gar nicht geben!“

Ich überlegte eine Weile; ich fragte mich, ob ich ihr meinen persönlichen Fall erklären sollte. Es war nicht so wichtig, und ich hatte keine grosse Lust darauf verspürt – ich fühlte mich vielmehr zerstreut und verloren.

„Das stimmt alles voll und ganz…“ antwortete ich.
Lilian stand auf, zündete eine Zigarette an. Die Stille wurde schwer aushaltbar. Ich ergriff doch das Wort:


„Viel mehr als Spass und als Geld… interessiert auch mich die praktische Erkenntnis. Die Selbsterkenntnis. Früher dachte ich, dass ich ein grosser Romantiker bin. Später – eher ein kleiner Zyniker. Aber heute sind die Erotik und die Verführung für mich vor allem Forschungsprojekte. Neben der Lust verspürte ich immer einen Forschungsdrang. Wobei ich in erster Linie mich selbst dabei ergründete. Wahrscheinlich bin ich einfach ein misslungener Philosoph…“

Sie zuckte mit den Achseln, machte grosse Augen; uns wurde allmählich kühl; eine leichte nördliche Brise bewegte die Gardinen, die Blumen, Lilians Kleid, unter der ihre Brustwarzen härter wurden und sich abzeichneten. Auch in meiner Hose wurde es enger. Ich spürte einen klaren Impuls, sie zu berühren, vor allem um mich selber mindestens für einige Augenblicke zu vergessen. Sie fing meinen Wunsch auf, setzte sich breitbeinig auf meinen Schoss, schaute mir in die Augen, ohne mich zu küssen. Dann packte sie meinen Schwanz aus und – zack-zack – mit ein paar justierten Bewegungen war ich in ihr. Ich senkte den Blick und fixierte ihren glatten Schamhügel, ihre langen Schamlippen. Ich fühlte mich herrlich; unserem leidenschaftlichen Stöhnen und lautem Atmen beteten die Vögel nach. Erst als es dunkel wurde, gönnte ich mir einen Abschluss, füllte sie aus.


„Wahrscheinlich stimmt es…“ – sagte sie.
„Was stimmt?“
„Dass du ein misslungener Philosoph bist…“ – sie kehrte zum alten Thema zurück und sprach mir Komplimente aus: „Sonst könntest du nicht so viele Jahre deinen Beruf ausüben und gleichzeitig noch in Form bleiben. Du bist einer, der seine Arbeit konsequent macht. Ich war überrascht, dass es in der Branche so etwas gibt: sinnlich, professionell und offen. Ich ahnte, dass es bei dir etwas Mehrwert geben könnte, wenigstens ein Stück mehr Reflexion. Es kann sein, dass du einfach der letzte Vertreter reflektierter Nutten bist…“
„Ach, komm!“, ich unterbrach sie. „Schon der Marquis de Sade nannte die Nutten ‚die einzigen wirklichen philosophischen Wesen‘. Da sie seit Jahrtausenden sich fürs Geld hingeben, um diese Lebensweisheit zu erlangen, nämlich, um am eigenen Leib zu erfahren, wie es nun mit der Liebe und dem Geld wirklich steht. Das sollte das Wort Philo-Sophie, die Liebe zur Weisheit, ursprünglich bedeuten. Allerdings, heute geben auch die Nutten nicht so viel.“
„Trotzdem denke ich, dass du die letzte philosophische Nutte bist! Die moderne Welt ist eine sehr gekünstelte Sache. Die Philosophen haben darin schon sehr bald kaum mehr Platz, die erotischen – sowieso. Geld und Sex, die zwei allgegenwärtige Kräfte, werden mit der Zeit noch mehr Bedeutung gewinnen. Für deine Liebe zur Weisheit wird es schon sehr bald keine Nische mehr geben…“

„Du übertreibst, Lilian… Du tust mit mir schön… Und du romantisierst meinen Beruf !“ antwortete ich. Nach dem Orgasmus wurde ich in der Regel besonders traurig. Oder besonders nüchtern.
 

Nach einer Pause schaute ich Lilian in die Augen. Ich spürte, wie ich unten wieder steif werde. Ihr Geständnis rührte mich doch, und die neue Erektion war eine natürliche Folge dieser Berührung. Sie antwortete mit einem funkelndem Blick, schob den Saum ihres Cocktailkleids hoch und zeigte mir ihre blanke Spalte. Diese Geste, voraussehbar und trotzdem prickelnd, verstärkte zusätzlich meine Erregung. Ich konnte Lilian wieder nehmen, sie setzte ihre Lippen bereits für einen Kuss an. Aber dieses Mal gab ich der Versuchung nicht nach. Die Schwere ihrer Lebensgeschichte mittragend, die meiner Geschichte doch so ähnlich war, sah ich in ihrem linken Auge, wie es den Raum und mein eigenes Spiegelbild reflektierte. Ich bat sie, noch mehr von sich zu erzählen.

„Das wichtigste weiss du schon. Ich bin bei einer Tochterfirma von Amazon, einem amerikanischen Online-Versandhändler tätig. Vorher arbeitete ich für Apple und für Ebay. Meine erste Chefin, eine notgeile, aber schlaue Tussi, führte mich mit Neunzehn in dieses Business ein. Bereits nach zwei Jahren verkaufte sie ihre Firma, die ich erfolgreich aus der Krise führte, und war davon. Anfang der 90er begann überall diese ‚Umstrukturierung‘, die ‚Gleichstellung‘, der ‚Genderschnickschnack‘. Natürlich passierte das alles nur äusserlich. Ich sehe das so: Unsren Männern wurde es allmählich langweilig in der Führung; und darum entschieden irgendwann die ‚progressivsten‘ von ihnen, ich meine, die kleinsten Langweiler, ein paar ihrer Ex-Geliebten hereinzuholen…“


„Eine Errungenschaft des Feminismus…“, kommentierte ich.

„Ja, genau. Immer schön ‚Cherchez la femme!‘. Die IT-Branche wollte sich schon immer als äusserst zeitgemäss darstellen, darum begann sie früh damit. Was mich anbelangt, so wusste ich meine sexy Ausstrahlung schon sehr früh für die Karriere einzusetzen. Für einen Mann ist es immer noch eine sehr seltene Fähigkeit, und eigentlich kann er sie nur sehr begrenzt anwenden, ausser an Alpha-Männchen, die schwul sind; aber bei uns Frauen ist es ja überall Gang und Gäbe. Wir sind da schon sehr im Vorteil! Und es ist noch gut, dass die wenigsten, die es tun, in ihrem Beruf etwas taugen, und noch weniger sind wirklich intelligent, von ihrem Durchhaltevermögen und Verantwortungsbewusstsein – keine Rede. Was die IT-Branche betrift, so wurde sie ja von sehr verklemmten asexuellen Klugscheissern gegründet, weiterentwickelt und nach oben geführt. Jemand, der Sex gerne hat und ihn haben kann, wird sich nicht freiwillig mit solcher Materie auseinandersetzen. Diese Snobs waren Gehirnwichser. Oder pervers. Oder beides. Eine kluge Lady hatte da totale Freiheit. Sie konnte diese Neunmalklugen ohne Ende biegen. Wie sie es wollte…“

Ich war erstaunt über diese Frau und über ihre Wortwahl.
War ihr Monolog pure Aufrichtigkeit? Oder purer Zynismus?
Im Grunde genommen war es egal, wie die Antwort ausfiel.
Weil ich plötzlich unsere Zukunft erahnte.

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Die grauen Betonblöcke bilden eine dicke Wand, und aus dem Lustknast der Männer gibt es keinen Ausweg. Es ist zehn Uhr morgens. Die zwei niedrigsten Männerkasten, einfache Arbeiter und Geschäftsführer, leisten zu dieser Zeit ihre Dienste. Dafür werden sie mit Sexas bezahlt.Aus dem Fenster des Café Prélude, in dem ich gerne frühstücke, sehe ich nur noch armierten Beton und schlagfestes Glas. Sehr weit weg, im Hintergrund eine glanzlose, dickflüssige, graue Oberfläche, die wir immer noch „Fluss“ nennen und die noch vor 50 Jahren „Vater Rhein“ hiess. Vor allem ältliche Kurtisanen aus der Kaste der Puffmütter schreiten vorbei, aber auch einfache Nutten und alte Nährmütter, die es schon immer gab; ihr Haar ist kurz geschnitten und die Haut mit braunen Flecken versehen. Sie tragen dunkelviolette Plastikhosen. Die Nutten tragen grüne Hosen, die Priesterinnen – hellblaue, die Regentinnen – türkis. Ich erinnere mich an ein Zitat aus einem alten Film: „Wenn es in einer Gesellschaft keine Farbdifferenzierung der Hosen gibt, hat diese Gesellschaft keinen Zweck. Und wenn es keinen Zweck gibt, gibt es auch keine Zukunft…“ Nutten und Puffmütter tragen in der Regel ihre Pets mit: Elektrohunde. Polyäthylenpicachus. Diverse synthetische Pekinesen, die von Staubflocken befallen sind. Bei jeder Vibration, die von diesen Wesen ausgeht, knurren sie in ihrer Gaunersprache wie Aasgier in einem Käfig. Es ist bei uns offiziell verboten, dass Vertreterinnen niedriger Kasten Leibkinder gebären. Nach und nach verlieren sie ihre mütterlichen Instinkte, kompensieren sie durch virtuelle Pets, werden immer rauer und immer voraussagbarer. Ihre soziale Funktion wird durch wenige Standardeinstellungen definiert: Notgeilheit. Hündinblick. Paarungsappell. Ich nehme mein Iphone 110, rufe den WhatsPuff auf, lasse den Raum nach intelligenteren Nutten scannen; eine von ihnen „kennt sich professionell mit einer breiten Palette von Schwanzgriffen aus“, eine andere verspricht mir „einen prolongierten kosmischen Orgasmus“. Die dritte spreizt unter dem Tisch langsam ihre Beine. Setzt ihre Upskirt-Photos mit entsprechendem Geruch ins Zentrum. Sie will damit meine Aufmerksamkeit festhalten. Vergeblich! Auch dieses Spiel, das seit der Geburt der Welt zwischen Mann und Frau sich abspielte, kann seit 2022 mittels Mikroprozessoren simuliert und gesteuert werden. Mein Blick spiegelt minimale Neugier wider: Ist diese Dame der neueste Silikonroboter? Oder nur eine alte Geklonte?

Ich schliesse den WhatsPuff. Die Profile von Nutten löschen sich aus, geraten aus der Sicht. Das Display wird durchleuchtet, eine neue Message von Mistress Cathérine:


Sena_1971 hatte recht:

Die Sinnlichkeit gebar den Sinn.

Und zur gleichen Zeit

Kam sie als Rettung der Welt. 

Slov.net/Ms_Catherine/Lebensbericht_Sena_1971.txt

Die Lust ist spürbar. Sie wird stärker, durchströmt mich. Ich ejakuliere, ohne mich zu berühren. Mir wird bewusst, was mein Urgrossvater fühlte, wenn er verliebt war. Ich verstehe den Mann.

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Mein neuer Workshop für Frauen, Männer und Paare namens „Wie nutze ich den EROS erfolgreich in meinem Beruf ?“ war der Gipfelpunkt meiner Sex-Guru-Tätigkeit, von der Teilnehmerinnen-Zahl her.
Ich verliess den zweiwertigen Bereich und bin in den dreiwertigen eingetreten: circa 130 angehende EROS-Energie-Karrieristinnen waren anwesend. Mein Umsatz belief sich auf 33.000 DM in drei Tagen, danach konnte ich mir drei Monate Luxusurlaub gönnen. Ich habe einiges an Zeit und auch an Geld in Werbung investiert und einiges riskiert, aber die Investitionen haben sich gelohnt, zweifellos; die Sich-für-den-EROS-interessierenden angehenden Business-Ladys kamen nun zu meinen Veranstaltungen und hatten ihren Kolleginnen von mir erzählt, die ebenfalls kamen, und zwar in Scharen. Sie alle wollten wissen, wie es mit der Libido steht, wie man damit noch mehr Geld, Ruhm und Macht generieren kann. Das Eros-Prinzip als solches, die Erotik, interessierte sie bestenfalls nur unterbewusst; diese Damen waren nicht mehr in der Lage, ihre Posten zu verlassen, doch ihre biologischen Uhren begannen immer lauter und schneller zu ticken; die meisten von ihnen waren über 45 und nicht mehr zeugungsfähig. Es war ihnen klar, dass ihr Familienplan nun definitiv scheitern wird, sie konnten vielleicht immer noch Kinder mit genetischen Fehlern in die Welt setzen; waren sie deshalb unglücklich? Ich weiss es nicht. Ich hielt es nie für möglich, ganz glücklich zu sein. Aber ich war auch kein richtiger Karrierist. 

Lilian besuchte mich nach dem Workshop in Berlin, blieb einige Tage und versuchte, mein Geschäftskonzept zu optimieren: „Du musst einfach noch mehr ins Marketing investieren.“ – riet sie mir: „Hol dir doch eine professionelle PR-Fachfrau und bau dein Sex-Guru-Image konsequenter, Schritt für Schritt, auf.“

„Das tue ich ja bereits“, sagte ich: „bald kommt ein Artikel über mich in der Berliner Zeitung…“

„Das ist nicht genug; du sollst möglichst grossflächig vorgehen. Deutschlandweit. Oder sogar international. Und du sollst den Damen noch mehr deinen Sex-Guru-Lifestyle zeigen. Zeig ruhig, dass du Geld hast, und dass du es mühelos ausgibst.“

Ich wusste nicht, wie ich es zeigen sollte, so dass auch ich etwas davon hatte. Dicke Autos hasste ich, und für ein Luxus-Studio in City-Nähe war mir mein Geld doch zu schade. Ein edles Pferd wäre noch eine echt coole Option gewesen, eine rassige Stute; aber ich konnte nicht reiten. Ausserdem gab es in Westberlin kaum einen Ort, wo ich es nicht unter Anblick von zu vielen Augen dürfte. Nach langem Überlegen kaufte ich mir eine nagelneue Yacht, eine norwegische SAGA 26 HT, die im Yachtmagazin als ein Tip-Top-Cruiser für Klassik-Liebhaber mit Potenzial beworben war, ein 8 Meter langes und 2.5-Tonnen schweres Aggregat mit grossem Cockpit und Langfahrtbootkonzept, mit einem Einbaudieselmotor mit Welle, mit 88 PS – für die damalige Zeit eine solide Motorstärke. Das Design war selbstverständlich in Weinrot, um die Farbe der Lust zu betonen; dazu gab es eine elegante Rundpolstergruppe in hautfarbiger Lederoptik, das sich innerhalb von zwei Minuten in ein riesiges Doppelbett verwandeln liess. Ich konnte also nicht nur entlang der Spree flanieren, sondern, falls ich eine potentielle Kundin traf, mit ihr sofort ein Date ausführen. Das neue Angebot namens „Hintern versohlen auf der Spree!“ (oder auf der Havel) besass, als Sadomaso „in“ wurde, natürlich einen ganz besonderen Reiz, und so schlug ich zwei Fliegen mit einer Kappe – verschaffte mir ein Dandy-Image und erhöhte meinen Monatscashflow rasant. Den Preis von 99.999 DM betrachtete ich als pures Schnäppchen; im Notfall dürfte ich auf der Yacht übernachten, sparte also die Kohle, die ich sonst für die Hotels ausgab. Zwei Monate später erschien mein Foto im Cockpit im Playboy, dazu ein Bericht auf drei Seiten über Sinn und Zweck eines BDSM-Rituals. Die Investition hatte sich also gelohnt. 

Mein Cruiser-Look war gleichzeitig ein Anlass, um einen kleinen, aber feinen Werbespot zu drehen. Ich konnte ihn nicht nur auf der Webseite zeigen; mein allererster Werbespot hiess „Sei frei! Beherrsche die Kunst der Lust!“. Er hatte diesen halbesoterischen-halbprophetischen Touch, den Frauen und Männer ab 45 schätzen und der meinen Ruf verstärkte; auch gab mir Lilian den Tipp, einen kurzen Aufklärungsmonolog einzubauen, der vor allem jungen Männern helfen sollte, bei ihren Freundinnen schnell und mühelos die Klitoris zu finden; das war eine echte Offenbarung, die mir auch noch junges Gemüse als Kundschaft sicherte. Wir drehten also einen künstlich-lustvollen Spot, ein Genre, das es, ich muss es eingestehen, in der Geschichte der Werbespots noch nie gab, mit englischen, deutschen, französischen und russischen Untertiteln – ich war ja bereits ein echter Berliner, ein Multi-Kulti-Typ. Die Models waren ganz normale ostdeutsche Studentinnen, Zuchtstutentypen, und gedreht wurde im Tiergarten, vor dem Zoo. Der Spot ist megageil geworden, wenn auch zu intellektuell. Ich meine zu kopflastig, aber die Zuschauer waren erregt, mindestens die Männer. Gleich im Anschluss, als der Spot nachts auf Pro Sieben lief, zwischen der Kondom- und der Telefonsexwerbung, wurde ich zu einer populären Talk-Show eingeladen, zusammen mit einer Strassennutte: „Um Kontrast zu schaffen,“ hat der Moderator mir erklärt, zwischen dem sogenannten High-Class- und dem sogenannten Low-Level-Rotlichtgewerbe. In der Show selbst nannte er mich Top-Playboy des Millenniums. Es lief also alles perfekt, non plus ultra. Eine Freundin von Lilian, die mich an den TV-Kanal vermittelte, wurde schnell spitz und bekam schon beim Interview ein nasses Höschen; ich muss bekennen, dass ich nicht drum herum kam, sie nach der Show zu bumsen, und zwar vor Lilians Augen. Aber ich tat es langsam, einfühlsam, ästhetisch und korrekt, nicht notdürftig und gar nicht aggressiv, wie ein Top-Playboy eben.


Die ein Stück zensierte Version meines Werbespots wurde ein halbes Jahr später ins Programm des Cool-Trailer-Festivals aufgenommen; noch später gewann sie auf der Erotik-Messe den Titel Best Marketing Tool of the Industry. Spätestens dann wurde mein Kundenfluss gewaltig und ununterbrochen. Ich stellte eine Assistentin ein, eine hübsche Polin, die Branchen-Insiderin war; schliesslich folgte ich dem Rat von Lilian und konzentrierte mich auf das Business, mit dem ich mich nun bestens auskannte.

Einige Monate später entschieden Lilian und ich, eine richtige Beziehung zu versuchen; selbstverständlich (oder notwendigerweise) musste es der Versuch einer Fernbeziehung sein. Wir wohnten in verschiedenen Ländern und Lilian war permanent auf Reisen, berufsbedingt, sie war eine globale Nomadin. Sie wechselte den Kontinent zwei Mal pro Woche, manchmal drei Mal, und ich war mir bereits damals ganz sicher, dass diese Art von Verbindung von Privatleben und Beruf uns nicht gut tat. Lilian war es gewohnt, den Montag in Singapur zu verbringen, Dienstag und Mittwoch in Berlin oder in Zürich, Donnerstag und Freitag in New York und das Wochenende wieder in Zürich; und das hiess noch eine reguläre Woche bei ihr. Ab und zu, in der Regel am Samstagabend, als sie durchgeschwitzt aus dem Flugzeug ausstieg und ich sie unter dem Schild „Arrival“ fest umarmte, spürte ich, wie stark ihr Herzschlag war, und wie erregt sie war, ich meine, wie sehr sie mich vermisst hatte, als ob sie im Begriff war, ihren Job aufzugeben. Aber schon im Taxi auf dem Weg zu mir war mir wieder klar, dass ihr erogener Körper für eine geile Nummer zu müde war, und dass sie schon morgen spät abends wieder nach Singapur fliegen wird, um am Montag morgens pünktlich anzufangen. Auch wenn ich bereit war, mich von meiner Praxis zu verabschieden, um zu ihr in die Schweiz zu ziehen, änderte dies nichts an unserer Situation. Vielleicht darum kamen zu dieser Zeit die Fernbeziehungen immer mehr in Mode; sie waren nie eine rein private Entscheidung, sondern fast immer eine berufsbedingte. Das bedeutete, auf Deutsch übersetzt, vor allem durch Geldgier motiviert; jede der frisch gebackenen Business-Woman hätte vor Ort eine 50 %-Stelle antreten können, falls ihr ihre Beziehung wirklich wichtiger gewesen wäre. Und verdammt nochmal: Ich als Mann war bereit, mein Geschäft aufzugeben, wenn es nur irgendetwas an unserer Situation änderte. Aber es hätte nichts geändert und darum änderte ich auch nichts, es war einfach nicht mehr möglich, etwas zu ändern. Ich sah, dass sie offensichtlich den Ehrenkodex der Spezies International Business Consultants nicht verraten konnte; im Grunde genommen war es der Kodex der Kaste einfache Kaufleute, die alle keinesfalls bereit waren, ihr Stück Kuchen zu missen. Kaum jemand von ihnen blieb länger als zwei Jahre an einem Ort wohnhaft, was zwingend dazu führte, dass man einander sehr selten sah. Bei dieser Gier war auch kein Mitleid zu erwarten. Und Kinder waren bei so einem Life-Style auch keine Frage.

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Ich nehme einen tiefen Atemzug, öffne die Augen und lese die Message von Mistress Cathérine noch einmal. Obwohl ich den Titel „ Professor der erotischen Kultur “ trage, und der letzte bin, der mit dem Thema vertraut ist, sehe ich die Gegenwart schwarz. Wenn ich die alte Welt vergötterte, dann vor allem, weil es in der Antike eine erotische Lebenskunst gab. Es gibt heute noch verlässliche Quellen, die eine solche Lebenskunst belegen, sowie authentische Zeugnisse der erotischen Kultur, obwohl drei Weltkriege sie anbrachen und die ehrbare Mutter und Co alles unternommen haben, um sie zu vernichten.

Hier und da hegte man die Hoffnung, zur „Sinnlichkeit, die den Sinn gebar“, zurück zu kehren, aber die Tatsache, dass die Epoche der Postmoderne die Zärtlichkeit für unvereinbar mit der Erotik erklärte, tötete diese Hoffnung auf dem Halm und machte eine sinnvolle Sinnlichkeit sowie eine entsprechende Lebenskunst unmöglich. Noch im Jahr 2005 wurde eine Schrift veröffentlicht, deren Name ich aus Diskretionsgründen hier nicht nennen darf, die behauptete, dass „der Widerspruch zwischen Erotik und Zärtlichkeit eine der übelsten Schweinereien unserer Epoche ist, eines der Dinge, die eine Zivilisation unerbitterlich zum Tod verurteilt…“ Diese Schrift war prophetisch. Und die erotische Lebenskunst ist tot. Sie musste sterben, und das Kopfkino der Feminokratie darf weiter laufen.     

Die Stimmung ums Ex-Dreiländereck „Deutschland-Österreich-Schweiz“ ist düster. Bei den wenigsten Männern läuft kein Porno im Kopf. Das Kopfkino liefert die Grundlagen für die Stabilität eines feminokratischen Kastensystems. Und auch wenn am Anfang noch Stimmen gegen das Matriarchat hörbar waren, hat das Porno-Stereo sie zum Schweigen gebracht. Heute ist der männliche Part der Bevölkerung von Sexyland ein einheitlicher Organismus. Ein riesiger passiver Staatszombie. Ein Zugochse, der die Kontrolle über die eigenen Triebe an die Kühe gänzlich abgegeben hat. 


Das Verhalten der einzelnen Kasten entspricht einem Muster: Unsere Männer arbeiten möglichst viel, um möglichst viel Sex zu kaufen, und die Mannweiber horten immer mehr Sexakapital an. In einigen Kantonen wird über 96 % des von Männern erwirtschafteten Einkommens für Sexdienstleistungen ausgegeben. Dabei steigt die Diskrepanz zwischen Kopfkino und realem Sex rasant: Die meisten Männer wissen nicht mehr, ob sie mit einem realen Körper oder mit einem Gespenst aus der Pornowelt kopulieren.

Es begann mit dem Aufkommen der Pornoindustrie am Ende des 20. Jahrhunderts. Damals wurden viele bisher verbotene Sexphantasien „Realität“. Die virtuelle Realität. Die neue Generation der Männer glaubte aber daran, für sie war Porno-Stereo real. Sie glaubten an ein virtuelles Placebo und lebten immer mehr in einer Phantasiewelt, in einem virtuellen Porno-Reich. Ihr Körper, ihr Geist und ihre Seele wurden zum Porno-Stereo in Endlosschleife. Es ging nicht anders, weil die neue Elite von Mannweiber, aber auch die Alpha-Männchen, die Porno-Könige, es auszunutzen wussten. Der Verfall der ursprünglichen erotischen Lebenskunst, die Körper, Geist und Seele gleichzeitig und gleichwertig in einem sinnlich-sinnvollen Dasein vereinigte, zu einem Kopfkino, das monoton im Gehirn ablief, legte den Grundstein für unsere Feminokratie. 

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Es gibt bei jeder Person eine Grenze, wie viel Erfolg, Ruhm und Reichtum sie ertragen kann. Wenn diese Grenze überschritten wird, wird man impotent. Seit Lilian und ich eine Beziehung hatten, wurde sie immer frigider. Für sie als Chefin, die ihre erotische Ausstrahlung „bewusst“ für ihre Karrierezwecke einsetzte, war es frustrierend, plötzlich wegen einer privaten Geschichte im Beruf ohnmächtig zu werden, wollte sie doch noch erfolgreicher, noch aktiver und stärker werden als sie es bereits war. 

„Immer nur ‚Citius, Altius, Fortius!?‘ – Das geht nicht!“ sagte ich zu ihr. „Schliesslich sind du und ich ja nicht bei den Olympischen Spielen!“ 

Es war im Monat Mai, 2003. Ich flog zu Lilian nach Zürich. Wir gingen auf eine Wanderung, den See entlang. Einige Wasservögel begannen gerade, sich zu paaren, die anderen passten schon auf ihre Nachkommen auf. Lilian war nicht sehr sauer, nur etwas traurig: Aber, aber, als Senior- und Business-Women soll sie doch wenn nicht vorankommen, dann wenigstens ihre Wettbewerbsfähigkeit, den Status quo, behalten können! Und das hiess – immer überall bereit zu sein und ihre Kraft zu fordern. „Ich weiss nicht, was die Frage ist, aber die Antwort ist mit Sicherheit „SEX““, hatte Woody Allen gesagt. Das stimmt. Aber wenn man sich die menschliche Existenz als einen Lustvektor denkt, zeigt sie in Richtung Impotenz. Einige schaffen es, bis ins hohe Alter ihre Kraft zu erhalten; doch diese Menschen schaffen nicht so viel und sind auch nicht so geldgeil. Und wie will schon eine Frau es als exzessive Workoholikerin tun? 

„Vielleicht musst du dir doch einen Urlaub gönnen? Und vielleicht solltest du doch von mir schwanger werden?“ – bot ich Lilian an:
„Ich habe gelesen, dass die weiblicher Lust erst mit der Schwangerschaft eine neue, viel tiefere Dimension erlangt. Keine Ahnung, ob das stimmt, aber es lohnt sich, es auszuprobieren.“

„Du willst mich nur schwängern, um mich ohne Kondom zu vögeln.“ – war die Antwort. „Ich kann mir zur Zeit einfach keine Schwangerschaft leisten…“ 

Sie sah, wie traurig ich die Stirn runzelte und fuhr fort:
„Mit dem ‚leisten‘ meine ich es nicht nur finanziell, sondern überhaupt. Moralisch, und so… Ich meine, ich muss mich als Frau vor allem beruflich verwirklichen…“
Ich unterbrach sie: 

„Wer sagt dir das denn?“

„Das sagt mir natürlich niemand. Aber ich spüre es.“

Auf meine Vermutung hin, dass sie es sich vielleicht nur einbildet, weil sie sich von den Medien und politisch manipulieren lässt, reagierte Lilian mit einer Grimasse, die starke Aversion ausdrückte; ich wusste nicht, ob sie mich als Person, meine Kinderfrage oder die Selbstreflexion im Kern meinte. 

Seit diesem Tag trafen wir uns seltener, aber immerhin ein Mal im Quartal. Dafür ging es meinem Geschäft weiterhin

blendend. Ich drehte noch mehr Werbespots mit coolen Titeln wie z. B.: „Eigentlich wollen wir nur vögeln. Aber warum?“ Oder: „Alle Wege führen in die Liebe. Alle Wege führen ins Nichts“ – es sollte eine Mischung geben aus hemmungslosem Sex, einer romantischen Beziehung und einer breit zugänglichen Spiritualität, die junge Kundinnen anzog, und das hat immer noch funktioniert, kein Zweifel. Ich selbst hingegen fühlte mich immer mehr übersättigt und gelangweilt; doch in der Freizeit erkundete ich, anstatt mich anderen Hobbys zuzuwenden, noch gründlicher das Erotik-Milleau: Es ist eine Beschäftigung, die man, wie Surfen, endlos betreiben kann. Ich wurde immer mehr bi-neugierig und begeisterte mich immer mehr für Pärchen, ohne eine klare Grenze zwischen den Geschlechtern zu ziehen.
Wie bereits der Onkel von Caligula es formulierte: „Ich bevorzuge weder Nymphen noch Satyrn. Zur Erhaltung der Gesundheit braucht es beide.“ 

Eines Tages ging ich in einen schwulen Saunaclub, in dem am Mittwoch eine Bi-Party stattfand – er befand sich in dem entsprechenden Viertel von Berlin und erregte Spannung mit seinem Namen: „Schnauzbart“. Im Umkleideraum sah ich ein junges Paar, das eine für mich unverständliche Sprache sprach. Es konnte Ungarisch gewesen sein, oder Serbisch, oder Kroatisch. Das Mädchen war kleinkatzenartig – zierlich, dünn und schlank; ich fand sie wirklich enigmatisch und verführerisch, obwohl ich von ihrer Sprache kaum ein Wort verstand. Sie waren das einzige Pärchen hier, und der Rest waren Männer, junge und alte, und Männer mittleren Alters. Fast alle von ihnen waren notschwul; es hiess, weder freiwillig noch angeboren schwul, sondern schwul aus Not, weil sie keine Frau rumkriegten. Ich schätzte, dass von allen anwesenden „schwulen“ diese Notschwulen über 97 %, bildeten.
Das brachte mich auf einige Gedanken über die „freie Wahl“ der sexuellen Orientierung dieser Männer: „Natürlich würden sie es niemals zugeben,“ – dachte ich, „dass sie schwul aus Not sind! Nein, sie würden allein schon aus Scham um jeden Preis ihre vermeintliche Selbstbestimmung verteidigen und ihre Unfähigkeit oder das Fiasko, was die Verführung anbelangt, möglichst verstecken.“
Aber: Wenn ich mit solchen Männern sprach, gewann ich fast immer diesen typisch notschwulen Eindruck. Nur bei wenigen spürte ich eine natürliche homoerotische Veranlagung, und der Rest verdrängte mehr oder weniger die Tatsache, dass sie zwar auf Frauen stehen, doch nicht mehr in der Lage sind, eine ins Bett zu locken. Das lag zum Teil an den mangelnden männlichen Eigenschaften, das gab ich zu. Jedoch vielmehr lag es an der sogenannten „Emanzipation“ der Frauen, die in diesem Entartungsprozess selbst männlich und meistens völlig unerreichbar geworden sind, zum grossen Teil aber für die Männer nicht mehr begehrenswert aussahen. Als Mann musste man in den 2000er fast einem Ideal nahe kommen, um so eine selbstgenügsame „Feministin“ zu verführen; man brauchte alles: Individualität, Mut, Charme. Gute Herkunft. Gute Ausbildung. Sogar eine schöne und zu ihr passende Stimme. Und das alles – abgesehen von Zeit und Geld, zwei sowieso notwendige Hauptvoraussetzungen, die aber fast nie zusammenkamen, denn entweder hat ein Mann Zeit, oder er hat Geld, und nie beides. Und der ganze Aufwand – nur um ein grobes arrogantes Mannweib zu bumsen?! 

„Nein, danke!“, dachte irgendwann ein schlauer Mann: „Dann schlafe ich lieber mit einem Mann, denn um einen Mann zu verführen, braucht es in der Regel ganz und gar nichts – es geht unter Männern sehr schnell: zack-zack – und gleich zur Sache…“ Irgendwann lohnte es sich also nicht mehr, sich extrem anzustrengen, um mit einem nur noch symbolisch weiblichen Wesen zu verkehren. Im Club „Schnauzbart“, zum Beispiel, waren sehr viele Männchen notgeil unterwegs. Sie spielten unterbrochen mit ihren steifen Schwänzen und signalisierten den anderen anwesenden Männchen auf diese Art ihre sofortige Fickbereitschaft.


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In den Jahren 1968-1972 führte der amerikanische Ethnologe und Verhaltensforscher John Calhoun einige Experimente an Mäusen durch, die für alle späteren Sexualwissenschaftler, auch noch für die heutigen im Sexyland, von grossem Interesse sein können. Sein berühmtestes Experiment namens „Universum 25“ führte er zusammen mit dem „Nationalen Institut für psychische Gesundheit“ durch. Calhoun baute für Mäuse ein Paradies unter Laborbedingungen. Es wurde ein
2 x 2 x 1,5 m Raum gebaut, den die Versuchsmäuse nicht verlassen konnten. Dort wurde eine stabile Komforttemperatur von +20 C° aufrechterhalten. Es gab genügend Nahrung und Wasser und ausreichend Nester für die Weibchen. Jede Woche wurde der Bau gereinigt. Alle Sicherheitsmassnahmen wurden getroffen: Raubtiere waren ausgeschlossen, Infektionen ebenfalls. Alle Versuchsmäuse wurden von ausgebildeten Tierärzten kontrolliert, ihr Gesundheitszustand wurde überwacht. Die Versorgungssysteme waren so durchdacht, dass 9500 Mäuse gleichzeitig bequem gefüttert und 6144 Mäuse mit Wasser versorgt werden konnten. Die Mäuse hatten mehr als genug Raum. Die ersten Probleme mit den Unterkünften wären erst bei einer Population von über 3840 Mäuse entstanden. Jedoch wurde diese Anzahl Mäuse in dem Bau niemals erreicht.

Das Experiment startete mit vier Pärchen gesunder Mäuse. Sie brauchten wenig Zeit, um sich umzusehen und zu verstehen, dass sie im Paradies für Mäuse gelandet waren. Sie begannen, sich zu vermehren. Die erste Phase der Anpassung nannte Calhoun Phase A.
Die zweite, Phase B, begann mit der Geburt der ersten Jungen. 

Das war die Phase des exponentiellen Populationswachstums – die Anzahl der Mäuse verdoppelte sich alle 55 Tage. Ab dem Tag 315 verlangsamte sich das Wachstumstempo. Nun verdoppelte sich die Anzahl nur alle 145 Tage. Dies markierte den Eintritt in die dritte Phase, Phase C. Zu diesem Zeitpunkt lebten im Bau ca. 600 Mäuse. Es bildete sich eine Hierarchie und ein gewisses soziales Leben. 

Und es war viel weniger Platz vorhanden als früher.

Dann bildete sich die Kategorie der „Aussenseiter“, die ins Zentrum des Baus vertrieben wurden. Sie wurden öfters Opfer von Aggressionen. Einen „Aussenseiter“ erkannte man in der Regel am zerbissenen Schwanz, herausgerissenem Fell und Blutspuren am Körper. Vorrangig waren das junge Tiere, die keine soziale Rolle in der Mäusehierarchie für sich finden konnten. Dieses Problem entstand, weil diese Mäuse unter idealen Bedingungen sehr lange lebten. Die alternden Mäuse machten für die jungen keinen Platz frei. Deswegen richtete sich ihre Aggression gegen die Jungen, die im Bau geboren wurden. Nach ihrer Vertreibung zerbrachen die Männchen psychisch, zeigten keine Aggression mehr, beschützten nicht mehr ihre schwangeren Weibchen und weigerten sich, jegliche soziale Rolle zu übernehmen. Obwohl sie von Zeit zu Zeit andere „Aussenseiter“ oder auch beliebige andere Mäuse anfielen.

Die schwangeren Weibchen wurden immer nervöser, denn: Bei der steigenden Passivität ihrer Männchen waren sie immer weniger gegen die zufälligen Attacken anderer Männchen geschützt. In der Folge zeigten die Weibchen immer mehr ihre eigene Aggressivität und kämpften öfter, um ihre Nachkommen zu beschützen. Ihre Aggression richtete sich paradoxerweise nicht nur gegen die Fremden. Nicht weniger aggressiv waren sie gegenüber ihren eigenen Kinder. Oft töteten die Weibchen sogar ihre Kinder und siedelten in die oberen Nester des Baus über, wurden zu aggressiven Einsiedlern und verzichteten immer öfter auf weitere Vermehrung. In der Folge fiel die Geburtsrate ganz wesentlich, und die Todesrate unter den Jungtieren stieg schnell an.

Bald begann die letzte Phase der Existenz des künstlichen Mäuseparadieses, Phase D oder Todesphase. Zum Symbol dieser Phase wurde die Erscheinung einer neuen Kategorie der Mäuse, die die Bezeichnung „Schönlinge“ bekam. Das waren Männchen, die ein für ihre Art untypisches Verhalten demonstrierten, die sich weigerten, für das Territorium zu kämpfen, um für die Weibchen zu werben. Sie zeigten keinerlei Interesse an Paarungen und neigten zu einem passiven Lebensstil. Schönlinge assen, tranken, schliefen und putzten ihr Fell. Konflikte und Erfüllung jeglicher sozialen Funktionen vermieden sie. Diesen Namen bekamen sie, weil, im Unterschied zu den anderen Paradiesbewohnern, an ihren Körpern keinerlei Kampfspuren und auch keine Narben zu sehen waren.
Ihr Narzissmus und ihre Selbstbewunderung wurden legendär.
Der Forscher war überrascht vom fehlenden Trieb der Schönlinge zur Paarung und Vermehrung. Als die letzte Geburtenwelle im Bau aufkam, wurden die Schönlinge und die Weibchen-Einsiedler, die die Paarung verweigerten und in die oberen Nester flüchteten, zur Mehrheit.

Das mittlere Alter einer Maus in der letzten Phase der Existenz des Mäuseparadieses betrug 776 Tage, was um 200 Tage die obere Grenze des reproduktiven Alters überschritt. Die Todesrate unter den Jungtieren betrug 100 %. Die Anzahl der Schwangerschaften war unwesentlich und betrug bald 0 %. Die aussterbenden Mäuse praktizierten aktiv Homosexualität: Es war ein deviantes und unerklärbar aggressives Verhalten, während die Ressourcen immer noch unbegrenzt vorhanden waren. Sehr bald verbreitete sich Kannibalismus, bei gleichzeitigem Überfluss an Nahrungsmitteln! 

Die Weibchen weigerten sich, die Nachkommen zu erziehen und töteten sie. Die Mäuse starben rasant aus. Am 1780. Tag seit dem Beginn des Experiments starb der letzte Bewohner des „Mäuseparadieses“.

John Calhoun mit seinem Kollegen Dr. H. Marden führte eine Reihe von Experimenten im dritten Stadium der Todesphase durch. Einige kleine Mäusegruppen wurden aus dem Bau entnommen und wieder in ideale Bedingungen umgesiedelt, aber in die Situation, als die Bevölkerungsdichte noch niedrig und der Freiraum noch uneingeschränkt vorhanden waren. Es gab keine Überbevölkerung und keine Aggression unter den Artgenossen. Für die „Schönlinge“ und Einsiedler-Weibchen wurden die Bedingungen wieder hergestellt, unter denen die ersten vier Mäusepaare sich exponentiell vermehrten und die soziale Struktur schufen. Aber: Zur grossen Überraschung der Forscher änderten die „Schönlinge“ und die Einsiedler-Weibchen ihr Verhalten nicht. Sie verweigerten weiterhin die Paarung und erfüllten keinerlei soziale Funktionen, die mit der Reproduktion zusammenhingen. In der Folge gab es keine Schwangerschaften. Die Mäuse starben eines natürlichen Todes. Solche Ergebnisse wurden in allen umgesiedelten Gruppen festgestellt. Alle Versuchsmäuse starben schnell, während sie sich in idealen Bedingungen befanden.

Als die Ergebnisse des Experiments vorlagen, formulierte John Calhoun seine „Theorie der zwei Tode“. „Der erste Tod“ war der Tod des Geistes. Wenn die Neugeborene keine Plätze mehr in der sozialen Hierarchie des Mäuseparadieses finden konnten, stellte sich ein Mangel an sozialen Rollen unter den idealen Bedingungen ein, mit uneingeschränkten Ressourcen. So entstand eine starke Konfrontation zwischen den Erwachsenen und den Jungen, und die Aggression stieg. Die steigende Populationen-Anzahl, die höhere Bevölkerungsdichte und die höhere Rate körperlicher Kontakte führte zur Entstehung eines Mäusetypus, der nur eines primitiven Verhaltens fähig war. Eine Maus ist ein einfacher Organismus.
Die kompliziertesten Verhaltensmuster für sie sind: das Werben um das Weibchen, die Vermehrung und die Sorge um die Nachkommen. Auch der Schutz des Territoriums und der Kinder, die Teilnahme an sozialen Gruppen. Alle psychisch zusammengebrochenen Mäuse verzichteten auf alles oben Genanntes. Calhoun nannte diesen Verzicht auf die komplexen Verhaltensmuster „erster Tod“ oder „Tod des Geistes“. Nach dem ersten Tod war der physische Tod, „der zweite Tod“, unvermeidbar. Er folgte bereits nach kurzer Zeit.

Sie fragen sich vielleicht, warum sein Experiment „Universum 25“ hiess?
Das ist ganz einfach: Es war der 25te Versuch des Forschers, ein Paradies für Mäuse zu erschaffen. Sie alle endeten mit dem Tod aller Versuchstiere. Somit wurden die letzten Zweifel bezüglich der Zukunft eines Mäuseparadieses beseitigt.




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