Essays

Essays von Elias Kirsche

Die tabulose Wissenschaft: zur Geschichte von sexuellen Tabus (2011)

… oder warum Freud und Foucault heute aktuell bleiben.

„Die Tabuverbote entbehren jeder Begründung, sie sind unbekannter Herkunft; für uns unverständlich, erscheinen sie jenen selbstverständlich, die unter ihrer Herrschaft leben“
(Sigmund Freud „Totem und Tabu“)

Es ist nicht einfach über sexuelle Tabus zu sprechen. Wie Psychiater und Psychotherapeut Dr. Samuel Widmer in seinem Interview einer möglichen Zeitung berichtet, entziehen sich Tabus einer vernünftigen wissenschaftlichen Analyse: „Wenn man sich mit Tabuthemen beschäftigt, wird man offenbar immer wieder falsch verstanden. Man zieht die Projektionen und Ängste anderer Menschen auf sich und gerät bald in Teufels Küche […] Ich kann mir dies nur dadurch erklären, dass Tabuthemen eben tabu sind und deshalb in den Köpfen der meisten Menschen sofort die wildesten Fantasien und Befürchtungen lostreten, wenn sie nur angesprochen werden.“[1. „Sex, Tabus und Transzendenz“, http://www.samuel-widmer.ch/html/index.php?id=104 aus: Widmer, Samuel: Des Kaisers Nacktheit – des Kaisers Dummheit / Von Freundschaften und Feindschaften / Über Berufskollegen, die Medien, Fachschaften, Freunde und Mitbürger / Ein Protokoll über das Anderssein / Dr.med. P.Samuel Widmer Nicolet / Basic Editions 2003]

Der Begriff Tabu stammt aus dem Sprachraum Polynesiens und ist aus dem Wort tapu abgeleitet. Tabu als Begriff fand Anfang des 20. Jahrhunderts weitgehend Eingang in die deutsche Sprache – und zwar sowohl als Adjektiv (etwas ist tabu) als auch als Substantiv (etwas ist ein Tabu). Als Eigenschaftswort bezeichnet tabu einen Zustand, der mit unverletzlich, heilig, unberührbar beschrieben werden kann: Tabuisierte Dinge – so die religiöse Vorstellung der Polynesier – müssten streng gemieden werden, da sie gefährliche Kräfte besäßen. Auf den Tonga-Inseln bedeutet tabu oder tapu ursprünglich unter Verbot stehend, nicht erlaubt. In seinem heutigen Gebrauch heißt das Wort auf Tonga heilig, geheiligt, aber durchaus auch in dem Sinn von eingeschränkt oder durch Sitte und Gesetz geschützt, Beispielsweise wird die Hauptinsel des Königreiches Tonga Tongatapu genannt, was hier eher heiliger Süden bedeutet als verbotener Süden. Dabei bleiben Tabus als Verhaltensregeln unausgesprochen oder werden allenfalls durch indirekte Thematisierung (z. B. Ironie) oder beredtes Schweigen angedeutet: Insofern ist das mit Tabu Belegte jeglicher rationalen Begründung und Kritik entzogen. [2. http://de.wikipedia.org/wiki/Tabu]

Tabus nehmen in der Geschichte der Sexualität eine besondere Stellung ein. Zwar verändern sich sexuelle Normen, Regeln, Gesetze und Verbote im Verlauf der Zeit und Kultur sehr stark, doch immer wieder handelt es sich um eine sehr feste Konditionierung auf der individuellen und kollektiven Ebene. Die Veränderungen sind oft äußerlich und betreffen innere, tief im individuellen und kollektiven Bewusstsein verwurzelte, psychologische Reaktionen auf Reize, die sexuelle Phantasien ansprechen, kaum. An dieser Stelle ist zu merken, dass wenn wir im Folgendem über die Notwendigkeit der Dekonstruktion von sexuellen Tabuverboten sprechen, dann meinen wir es positiv und konstruktiv, und zwar nicht als Abschaffung von Tabus im Sinne der natürlichen ethischen Regeln und Gesetzen, das zum Chaos und Schaden führen wird. Es sind nicht solche Tabus wie etwa Vergewaltigung gemeint, bei denen sexuelle Handlungen gegen den Willen des Subjekts ausgeführt werden und deshalb offensichtlich und tatsächlich schaden, sondern all die sexuelle Aktivitäten, die durchaus freiwillig und einvernehmlich stattfinden, die aber rein aus moralischer Sicht als „schlecht“ gelten und im Bewusstsein der meisten als schädlich erscheinen, doch nicht notwendig schädlich sind, wie z.B. Inzest unter volljährigen Personen, Sex ausserhalb der Ehe, Exhibitionismus, Sadomasochismus oder Prostitution.

Sexuelle Tabus entstehen innerhalb einer Kultur einerseits durch die Unterdrückung bestimmter Sexualimpulsen und Handlungen von aussen, andererseits durch innere psychische Verdrängungsmechanismen. Sie verfestigen sich in moralischen Normen und Verboten, die in religiösen Vorschriften und in juristischen Gesetzen ihren Ausdruck finden. Indem Literatur, Medien und Kunst darüber reflektieren, nehmen sie eine eigene Stellung dazu ein. Manchmal werden Tabus mittels Literatur, Kunst und Medien weiter verfestigt, manchmal aber auch dekonstruiert. So kommt es zu der Tabuisierung / Enttabuisierung von bestimmten sexuellen Dingen, Themen oder Handlungen, wie etwa Sex ausserhalb der Ehe in der (monogamen) bürgerlichen Kultur. In den Quellen der s.g. alternativen „Contra-Kulturen“ oder Subkulturen (wie etwa Esoterik, BDSM, Polyamorie-Gemeinschaften oder Sekten) werden dagegen Tabubrüche proklamiert, indem den Gesetzen / Verboten nicht gefolgt wird, z.B. allein aus Protesthaltung. So werden Tabu-Diskurse in der Kultur geschaffen, konstruiert und konstituiert. Psychologie und Philosophie, Recht und Politik, Religion und Wissenschaft gehen hier Hand in Hand.

Geschichte der Sexualität als Tabugeschichte

Im Folgenden möchte ich also den Fragen der Geschichte von sexuellen Tabus nachgehen, wie und warum sie funktionier(t)en, was den psychologischen Mechanismus ihrer Durchsetzung ausmacht, aber vor allem wie solche Tabus dekonstruiert werden können und müssen. Im Gegensatz zur Tabu- und Normenverfestigung bzw. zum Kampf dagegen, aber auch zum endlosen Sprechen über sie, möchte ich einen alternativen Weg vorschlagen, auf dem psychoanalytische Diskursanalyse als Praxis von sexuellen Aufklärung die wichtigste Rolle spielt und für den bewussten und verantwortlichen Umgang mit der Sexualität sorgt.

Sexuelle Tabus möchte ich dabei als in der Regel aufgezwungene, allgemeine psychische Verbote betrachten, die kulturell übernommen und vererbt werden. Sie sind Herrschafts- und Machtinstrumente, die für die Stabilität des individuellen und kollektiven Systems sorgen und die Steuerung des Menschen und der Masse erleichtern. Tabus sind sakrosankt und ubiquitär; je nach Ort und Zeit variieren sie, um die Interessen der Herrschaftsklassen besser zu verteidigen und vor allem um (ihre eigene) Sicherheit zu gewährleisten. Wichtig ist dabei, dass die Tabus durch Subjekte oder Gesellschaften in der Regel unbewusst übernommen und generationenlang weitergegeben werden, was eine ehrliche und gründliche Auseinandersetzung mit dem verbotenen Gegenstand verhindert. Dies findet historisch orts- und epochenübergreifend statt, dazu kann man reichlich Beispiele nennen. Auch die gängigen politischen Ideologien, Religionen und Kulte haben zum größten Teil Sexualität begrenzt und instrumentalisiert. Dabei handelte es sich fast nie um einen wirklichen Geist oder Freiheit der sexueller Kraft. Spirituelle Schulen und Philosophien, die Menschen vorurteilsfrei über Sexualität aufklärten, und wo der Sexus positiv zum Zweck der individuellen geistigen Entwicklung und Befreiung eingesetzt wurde, sind eine seltene Ausnahme geblieben. Dennoch findet man Beispiele dafür vor allem in den Quellen der fremden Kulturen und Subkulturen: z.B. in einigen alten Texten des tantrischen Vajrayana-Buddhismus, in der neo-tantrischen Szene oder auch als Utopien in der Literatur (z.B. bei Aldaus Huxley´s Insel). Diesen alternativen Konzepten der Sexualität scheint es notwendig auf die Spur zu kommen. Vorerst muss man aber versuchen sexuelle Tabus zu dekonstruieren, die in der westlichen Kultur sehr fest verankert sind und eine Jahrtausend lange Tradition haben.

Die Geschichte der Sexualität wird damit sowohl zu einer Tabugeschichte im Sinn der Konstruktion und der Verfestigung von sexuellen Normen und Tabus, als auch zu einer Geschichte des permanenten, gewaltsamen oder revolutionären Tabubruchs. Nur sehr selten findet in der Kulturgeschichte bewusste Dekonstruktion von sexuellen Tabus statt, und fast nie eine ehrliche und konsequente sexuelle Aufklärung. Als Folge distanzieren sich auch heute noch die meisten Menschen und Kulturen von der Idee der freien Sexualität. Es herrschen immer noch die Prinzipien der christlich-puritanischen Ethik und der bürgerlichen Leistungsgesellschaft Max Webers. Die andere Gruppe wiederum, scheint vom Sex abhängig und besessen zu sein (Hedonismus, sexuell orientierte Kulturen und Subkulturen). Heutzutage spricht man sogar vom Phänomen Sexsucht.

Die Geschichte von sexuellen Tabus bleibt damit eine politische und oft ideologische Manipulationsgeschichte (ganz im Sinn von Foucault!), die aus unendlichen und immer wieder gescheiterten Versuchen besteht, die Sexualität zu normieren bzw. ihr bestimmte feste Regeln aufzuerlegen oder Gesetze zu erlassen, die die s.g. konservative Koalition für wahr und aktuell hält. Ob wir uns die Bücher über Selbstbefriedigung des 19. Jhd. oder die Ehegesetze der Antike, oder auch die christliche Vorschriften des Mittelalters anschauen, überall finden wir diesen Drang die Sexualität zu normieren und zu unterdrücken. Anderseits ist sexuelle Tabugeschichte die Geschichte des ständigen Versuchs seitens der s.g. liberalen Opposition gegen diese Normen, Regeln und Gesetze zu verstoßen (ganz im Sinn von Sade!), was aber auch immer nur zum Scheitern im Sinn der Erkenntnis über Tabus oder daraus gewonnener Einsicht verurteilt ist. Die Geschichte der Sexualität Foucaults ist eine diskursive Geschichte, die uns vom Sprechen und Schreiben über Sexualität erzählt. Die Psychoanalyse erklärt uns, wie sie auf tieferen Ebenen funktioniert. In der Geschichte, und auch in der Wissenschaft gab es aber kaum Versuche oder Möglichkeiten die Menschen über Sexualtabu soweit aufzuklären, dass sie eine freie und unabhängige Sexualität leben und sich in diesem Sexualleben persönlich individuell entfalten. Mit anderen Worten, es gab kaum eine wirklich integrative, körperliche und geistige sexuelle Ausbildung oder Aufklärung, die das Ziel hatte zur positiven Erkenntnis über die Sexualität, zur Ganzheit zu führen oder wenigstens die praktische und geistige Funktionen des Begehrens, der körperlicher Liebe zu entdecken, die nicht nur zum Glück und Freiheit, sondern auch zum Aufstieg, Kulturschöpfung und Evolution (vielleicht im Sinn von platonischen Eros-Begriff) geführt hat. Meine Arbeit will versuchen solche Möglichkeiten zu entdecken, wobei es klar ist, dass so ein mutiger Versuch vom heutigen Leser mehr als idealistische Utopie und weniger als konstruktive Methode verstanden, definiert und interpretiert wird.

Sexuelle Tabus in Geistes- und Kulturwissenschaften

Anderseits scheint die Wissenschaft im Allgemeinen und die Kulturwissenschaften im Besonderen ein geeignetes Mittel zu sein, um mit Hilfe der Quellen- und Diskursanalyse die Mechanismen zu verstehen, die Tabus dekonstruieren. So kann man in erster Linie mit Hilfe der kultur-wissenschaftlichen Quellenanalyse diese Mechanismen beschreiben und erörtern, um sexuellen Tabus kulturhistorisch zu verstehen. Denn: Wenn sich die Quellen einer Kultur sexuelle Tabus dieser Kultur widerspiegeln, dann kann eine kulturhistorische Analyse dieser Quellen sexuelle Tabus (wieder) erkennen und dekonstruieren.

Man kann aber auch versuchen die (kultur)wissenschaftliche Texte selbst heran zu ziehen, um sie zu analysieren und zu interpretieren. Freuds „Das Unbehagen in der Kultur“ oder Foucaults „Geschichte der Sexualität“ scheinen dazu gut geeignet zu sein. Diese Autoren, die in ihren Werken einen nahen Bezug zum Verständnis der Sexualität in der Kulturwissenschaften herstellen, haben Tabus auf ihre eigene Weise präsentiert. Damit ist der Versuch, Tabus psychologisch und philosophisch zu erklären nicht neu. Dennoch, indem man diese Autoren selbst einer kulturhistorischen und philosophischen Analyse unterzieht, leistet man einen anderen, reflexiven und aktuellen Beitrag zum Thema.

Wie sieht aber das Verhältnis von sexuellen Tabus und Wissenschaft an sich aus? Wird die Wissenschaft von Tabus geprägt? Kann eine solche Wissenschaft echt oder gar objektiv sein?

Wenn es um Erkenntnisse in den Naturwissenschaften und in der Technik geht, dann spielen psychische Strukturen des Wissenschaftlers durchaus wenig Rolle, denn die Ideen und Errungenschaften müssen dort streng mathematisch belegt werden. Doch in Kultur- und Geisteswissenschaften, und vor allem in der Psychologie und Philosophie, ist es von grosser Bedeutung, wie frei im Denken und in der Psyche der Wissenschaftler selbst ist. Denn die subjektive innere Einstellungen zur Sexualität, die in jedem Wissenschaftler als Person inne wohnen, finden mehr oder weniger direkten Zugang in die Forschung. Vor allem bei den ethischen und moralischen Fragen ist dieser Zusammenhang unmittelbar. In den Geisteswissenschaften reflektiert die Person selbst über die Quellen, und damit spiegeln sich persönliche innere Verbote und Tabus zumindest indirekt, aber unausweichlich in den Forschungsergebnissen wider.

Von der Macht der öffentlichen Moral zur tabulosen Wissenschaft

An dieser Stelle ist ein Beispiel aus dem akademischen Umfeld vielleicht angemessen. Zu Zeiten der griechischen Antike (die ja für die europäische Kultur massgebend ist und ihr grösste, fundamentalste Erkenntnisse gebracht hat!) galt eine homosexuelle Beziehung zwischen dem Schüler und dem Lehrer nicht nur als normal, sondern sie wurde öffentlich gelebt und war sogar die notwendige Voraussetzung für die Erkenntnis seitens des Schülers und für das Glück seitens des Lehrers. Im platonischen Dialog Symposion lesen wir über den Eros als Gott der Liebe, die vor allem in der Rede von Pausanias durch körperliche, und zwar homosexuelle Komponente definiert ist; die Liebe zwischen Schüler und Lehrer, wenn sie wahr und ehrlich gelebt wird, führt bei dem Schüler zur Erkenntnis, zur Weisheit und Tugend. [3. Platon, Symposion, 675, 671]

Heutzutage ist eine körperliche (ganz zu schweigen homosexuelle) Beziehung zwischen Schülern und Lehrern ein Tabu. Schüler und Lehrer berühren sich nicht Mal! Wenn ein Philosophieprofessor eine sexuelle Beziehung zum Student lebt, wird sie meistens als Missbrauch abgestempelt. Und auch wenn der Professor nicht rechtlich bestraft wird, z.B. falls der Student auf freiwilliges Eingehen der Beziehung besteht, werden beide bestimmt mehr oder weniger öffentlich von Kollegen und anderen Studenten verurteilt.

Im Raum schwebt dann einerseits die Frage, ob in unserer Kultur dieser imaginärer Professor dann ohne vertrieben zu werden noch frei über ethischen und moralischen Fragen überhaupt forschen darf und kann, und andererseits, ob das Kollegium in seinen ebenfalls moralischen Forschungsarbeiten nach dem Vorfall als objektiv oder ehrlich von moralisch unabhängigen Beobachter (wenn es ein solcher gibt!) gesehen werden kann. Ganz zu schweigen ist vom Schicksal des Studenten: was für ein Erkenntnis erlangt er durch die Situation? Wird er sich der öffentlichen Moral unterwerfen und betrachtet sich als missbraucht, als Opfer der Manipulation? Oder protestiert er gegen Moral und wird zum Sündenbock? So oder so ist seine Karriere damit beendet, vom Rest seines Lebens keine Rede. Exil und Verbannung, Gewissensbisse, Schuld, Qual und innere Konflikte sind ihm damit garantiert. Fazit: wenn die Sexualität tabuisiert wird bzw. unbewusst frei gelebt wird bzw. plötzlich sehr wichtig wird, wie es in unserer Kultur der Fall zu sein scheint, ist damit in der Regel ein Problem und ein Schaden verbunden. Ob dann ein unabhängiges Erkenntnis innerhalb der Geisteswissenschaften auf dem Feld der Ethik und der Moral geben kann, bleibt höchst fragwürdig.

Daher muss die Geisteswissenschaft, aber vor allem Psychologie und Philosophie tabulos sein, wenn sie den Anspruch auf Freiheit, Unabhängigkeit und Objektivität der Forschung aufrecht erhalten will. Unter tabulos versteht man nicht Unzucht oder Libertinage, und auch nicht Willkür und Missbrauch, sondern ganz banal das Denken und die gesprochene Moral, in der alles Platz haben darf, solange es bewusst und einvernehmlich geschieht.

Wie erreicht man aber diesen Zustand? Müssen alle Wissenschaftler und Studenten sich selbst und einander einer Psychoanalyse oder einer Tabudekonstruktionstherapie unterziehen?

Freud trifft Foucault: Psychoanalytische Diskursanalyse als integrales Tabu-Dekonstruktionstool

Das wäre an sich gar nicht so schlecht, wenn jeder bei sich selbst schaut, bleibt aber natürlich utopisch. Was man real-wissenschaftlich versuchen kann, ist die wissenschaftliche Diskurse zu analysieren, und zwar nach psychoanalytischer Art und Weise. Wenn sexuelle Tabus, Blockaden und Verbote sich in den Forschungsarbeiten widerspiegeln, dann kann der freie Beobachter und Analytiker diese Spiegelungen wieder erkennen und feststellen, an welchen Stellen etwas persönliches oder auch als kollektive Konvention bzw. Glauben oder Vorurteil in die Wissenschaft projiziert wird. Den Mechanismus der Dogmenproduktion kennen wir heute gut genug um etwa mittelalterliche Moral re- und dekonstruieren zu können, aber noch nicht gut genug um es mit der Moral der klassischen, viktorianischen oder (post)modernen Zeit zu wagen. Was aber Freud und Foucault als Pan-sexualisten versucht haben, ist die Mechanik der kulturellen Verfestigung eines bestimmten Denkens zu verstehen und historisch zu rekonstruieren, die an sich eine Mechanik der Tabu-Produktion ist. Dieser Methode möchte ich auf die Spur kommen und genug Mut finden um nicht die Personen an sich, sondern die Diskurse einer Psychoanalyse zu unterziehen.

Diskursanalyse und Psychoanalyse können darin vereinigt werden. Integral-wissenschaftlich gesagt, kommt es nur auf die äussere und innere Zone [4. Den Begriff habe ich von Ken Wilber übernommen: es geht um die innere und äussere Sicht auf den oberen rechten Quadranten, der für die Sicht der zweiten Person steht und innerhalb dessen integrale Theorie die Wissenschaft platziert (als Sicht der zweiten Person auf die erste). Ausführlich dazu siehe AQAL-Modell.] an: die Psychoanalyse nach Freud versucht die innere Welt zu erklären, die Diskursanalyse nach Foucault die äussere, und zwar als Manifestation oder Ausdruck der inneren Welt. Damit erahnt man mit der psychoanalytischen Diskursanalyse nicht nur eine integrale Sicht auf sexuelle Tabus, sondern versteht ihre Geschichte aus der inneren und äusseren Welt des Subjekts und der Kultur.

Was ist denn Kultur-Wissenschaft? Welche Methoden benutzt sie, um das Werden und Vergehen der Kultur zu beschreiben und zu erklären? Wie steht es heute mit der Dichotomie Natur-Kultur und mit der Kulturgeschichte überhaupt? Sind Kultur und Zivilisation Synonyme oder Symptome im Bezug auf die Natur? Sind es Kategorien oder Entitäten? Und wie hängen diese mit sexuellen Tabus zusammen?
Alles umfassende, wissenschaftstheoretische Fragen, auf die es keine eindeutigen Antworten gibt.

Christian Kassung, Professor der Kulturwissenschaften an der Humboldt Universität Berlin sagt: „Kulturwissenschaft verfügt nicht über eine (oder mehrere) Methoden, in deren reiner Anwendung sich das Studium erschöpft. Vielmehr muss sie sich ihre Gegenstände allererst suchen und erschaffen, z.B. durch Verfremdung, Assoziation oder Analogiebildung.“ Es ist also wichtig anhand eines interdisziplinären Wissens und des Studiums von Quellen unterschiedlicher Art einen eigenen Zugang zur Kultur überhaupt und zum Gegenstand der Forschung zu finden. Ohne in die Abgründe des intellektuellen Snobismus abzuschweifen oder im Dickicht der wissenschaftstheoretischen Ansätze hängen zu bleiben, möchte ich versuchen, durch einen historischen und systematischen Zugang zu ausgewählten Quellen die Konstruktion und Dekonstruktion der sexuellen Tabus diskurstheoretisch-psychoanalytisch zu erörtern.

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Rita Marhaug mit «Territorial»

Elias Kirsche schreibt im Auftrag von International Performance Art Giswil nach der Performance «Territorial» von Rita Marhaug am Samstag 10.9.2016.

Ein weibliches Wesen in einem kurzen Kleid, Nylonstrumpfhosen, High Heels und Ledermaske (alles in Hautfarbe) sitzt starr in einer Betongrube. Das Kleid ist durchsichtig und scheinbar selbstgenäht, die Maske bedeckt das ganze Gesicht. Es gibt Löcher für die Nase und für die Augen. Das Wesen beginnt sich zuckend, jedoch plastisch, zu bewegen. Über ein Brett klettert es aus der Grube heraus. Es geht immer wieder in die Hocke, so dass man ihm direkt unter den Rock schauen kann. Angekommen auf der Ebene der Erde, beginnt das Wesen sich in Richtung Turbinenhalle zu bewegen. Dabei lockt es das Publikum mit eindeutig einladenden Gesten ihm zu folgen. Auf dem Weg zieht es die Maske aus. Nun sieht man eine kurzhaarige Blondine. Im Gehen drückt sie immer wieder ihre Oberschenkel zusammen, geht auffällig in die Hocke. Damit gibt sie den Zuschauern zu verstehen, dass sie dringend pinkeln muss. Je mehr sie sich der Turbinenhalle nähert, desto schwieriger scheint es ihr den Urin zu halten. Sie setzt sich immer wieder hin und drückt ihre Beine noch mehr zusammen. Irgendwann zieht sie die High Heels aus, wirft sie weg und läuft barfuss weiter. Auf der Wiese beginnt sie demonstrativ die Strumpfhose auf zu reissen, ganz langsam, Stück für Stück. Es ist eine sexy Szene, die Blicke von herumstehenden Männern sind zwischen ihre Beine fixiert. Sie lässt die aufgerissene Strumpfhose neben ihren High Heels auf der Wiese liegen und betritt, den Drang zur Urination schwer beherrschend, die Turbinenhalle. Das Publikum folgt ihr.

In der Halle angekommen, stellt die Frau sich breitbeinig in die Mitte und zieht ihr ohnehin kurzes Kleid noch höher. Sie steht in der typischen Halbhocke und muss endlich urinieren. Es ist ein sehr geheimnisvoller und äusserst spannender «prolongierter» Moment, eine intensive Erwartungsstimmung ist spürbar: Wird sie nun pinkeln oder nicht? Die Augen der Zuschauer heften fest auf ihrer Figur, auf ihren Brustwarzen, ihrer halbgeöffneten Schamlippen. Sie verweilt ziemlich lange in dieser Position. Die Spannung steigt. Mein Blick schweift über die Gesichter der Zuschauer: sehr verschiedene, zum Teil gegensätzliche Eindrücke. Gesichter der Frauen spiegeln meistens Neugier wider, manche männliche Gesichter – Ekel, oder eine starke Lust. Es dauert und dauert und dauert. Aber die Künstlerin lässt es nicht laufen. Es kommt nichts raus. Irgendwann spuckt sie, anstatt ihre Blase vor uns zu entleeren. Ich verspüre eine Enttäuschung darüber.

Die Performance verwirklichte, und zwar eins zu eins, die heute unter Fetischisten stark verbreitete Phantasie: einer anonymen Frau, die pinkeln muss, unbemerkt zu folgen, um ihr schliesslich beim Urinieren heimlich zuzuschauen. Alle Positionen und Stellungen, die die Künstlerin einnahm, zeugten von der Rezeption dieser Phantasie. Auch ihre Kleidungsstücke erzählten darüber: die Maske, die die Anonymität betont, die High Heels, die die Beine länger machen, die Nylon-Strumpfhose, ein allgegenwärtiger Fetisch. Schliesslich, das durchsichtige Kleid in der Hautfarbe. Die Repetition der Phantasie gelang perfekt, noch viel authentischer als in entsprechenden Pornovideos. Leider – ohne der von einigen Anwesenden hoffnungsvoll erwarteten Kulmination.

www.performanceartbergen.no

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Tabugeschichte der Sexualität (2013)

Eros und Erkenntnis

Die Geschichte der Sexualität verweist auf eine paradoxe Terminologie. Wer diese verstehen will, muss nicht nur aufmerksam und intuitiv zwischen den Zeilen lesen können. Jemand, der nach einer Erkenntnis auf dem weiten Feld der Sexualität strebt, muss sich ganz der Ambivalenz der Sprache stellen, sich diese aneignen und im Bewusstsein dieser Ambivalenz langsam, äusserst vorsichtig, jedoch beharrlich in der Untersuchung vorankommen. Denn: Die lange, komplexe und widersprüchliche Geschichte der Sexualität entfaltet sich vor dem Hintergrund von Tabus. Sie ist durchdrungen von Verboten, Dogmen, Konditionierungen, Regeln, Normen und Gesetzen, denen die Sexualität selbst sich permanent entzieht. Nichts ist für die Beschreibungen der Sexualität charakteristischer als ihre Doppelgesichtigkeit und die sich daraus ergebende Doppelmoral. Nichts wird eigennütziger interpretiert, kaum etwas wird mit mehr Angst und Selbstsucht beladen. Heuchelei und Scheinheiligkeit der Menschen sind ständige Begleiter dieser Geschichte. Ihnen folgen schweigend Religion, Kirche, Politkorrektheit und Diskretion. Sie drohen mit der Todesstrafe jedem, der sie, die Sexualität, zu entlarven versucht. Nichtsdestotrotz wird sie permanent einem Verhör unterzogen, bei dem sie über ihre eigenständige Wirklichkeit ausgefragt wird. Die Menschen sind verpflichtet, sich verpflichtet zu fühlen zu beichten, um über ihre Sexualität die ganze Wahrheit offen zu legen. Eine Ausnahme bildet die unsichtbare Hand der Macht. Sie ist dazu prädestiniert zu überwachen, zu disziplinieren und zu bestrafen, jedoch um jeden Preis ihre eigene Wahrheit über die Sexualität geheim zu halten. Die beste Metapher für die Sexualmoral ist des Kaisers neues Kleid. Der nackte Kaiser gilt als ihr unsterbliches Sinnbild. Schwerlich konnte jemand über sie klarer, transparenter und einfacher berichten als Hans Christian Andersen es in seinem Kindermärchen für kluge Erwachsene getan hat.

Die Sexualität sucht seit Jahrhunderten nach absoluter Befreiung, wobei ihre gezielte Unterdrückung durch die unsichtbare Macht mindestens als umstritten gilt. Sie wird durchströmt von ethischen und moralischen Diskursen, die man zum grossen Bedauern immer wieder verwechselt. Überhaupt wird sie ständig mit dem Moralischen überladen, wobei eine echte Sexualethik meistens fehlt – und das, obwohl die Sexualität mit der Moral nichts zu tun hat und zugleich eine zutiefst ethische Angelegenheit ist. Die Geschichte der Sexualität kann als Geschichte von Vorurteilen und Irrtümern erzählt werden, deren Tragödie gerade darin besteht, dass die wenigen weisen Stimmen, die im Lauf der Zeit nur ganz selten laut werden, von der Mehrheit entweder nicht gehört oder missverstanden werden. Die Geschichte der Sexualität wird immer wieder als Kampf der Kultur(en) mit der Natur präsentiert, obwohl Sexualität eine völlig natürliche Sache ist, die es ohne Kultur nie geben könnte. Und das ganz abgesehen vom echten, innigsten menschlichen Streben, diese traurige Geschichte mehr als eine Geschichte der Liebe denn als eine des Kampfes zu gestalten.

Es gibt also gute Gründe die Kulturgeschichte der Sexualität als moralisierte Tabugeschichte aufzufassen. Die extreme Doppeldeutigkeit, die im Tabubegriff innewohnt („Tabu“ bedeutet zugleich „heilig“ und „unrein“) ist für das Phänomen der Sexualität ebenfalls eigentümlich und habituell. Das Tabu beschreibt den Sex. Die nackte, weit bekannte, fast schon banale Tatsache, dass unsere Geschlechtsorgane sowohl für das Erlangen grösstmöglicher Lust wie auch für Entleerungen gebraucht werden, spiegelt das Konzept der Ambivalenz der Sexualität nicht weniger deutlich als die Auffassung der Frau im Bewusstsein der meisten Männer als Hure und Heilige zugleich. Dass durch die Vereinigung von Mann und Frau neues Leben entstehen kann, macht die ganze Sache keinesfalls einfacher. Im Gegenteil: Die plötzliche Erscheinung einer dritten Person durch den Akt, der zugleich als heilig und als unrein gilt, macht alles noch viel paradoxer als es ohnehin schon ist.

Man muss also die Vorsicht, die Ordnung, die Konsequenz, aber auch die Sinnlichkeit, die ausgeprägte Intuition, die menschliche Reife und nicht zuletzt ein hohes Einfühlungsvermögen mitbringen, um auf dem Gebiet der Sexualität und der Ethik, um auf dem wackeligen Boden von Tabus und Moral forschen zu können, handelt es sich doch dabei um die ursprünglichsten, ewigen Fragen der menschlichen Natur und der Kultur. Gleichzeitig genügen etwas Nachdenken, Abstraktionsvermögen und Sensibilität für den Topos der Sexualität, um grosse und schreckliche sexuelle Tabus wie etwa Inzest, Analverkehr, Exhibitionismus oder Sex mit Tieren bloss als sprachliche Konstrukte zu entlarven. Die Einsicht in die Genese dieses Tabus bedarf einerseits eines ausgeprägten Intellekts in Verbindung mit einer grossen emotionalen Intelligenz, ist aber anderseits völlig selbstverständlich. Die angeborene Unschuld, Verspieltheit und Naivität eines Kindes reichen aus, um das Wesen moralischer Tabus zu verstehen, das in Worte besteht. Genau dieser Entlarvung von Sextabus als Sprachkonstruktionen, die, wie tragisch es auch ist, seit jeher die Kulturgeschichte der Sexualität bestimmen, möchte ich die vorliegenden Seiten widmen. […]

Aus dem Kapitel über Marquis de Sade

Nach Freuds so genannter pansexualistischen Auffassung der Welt8 ist es die Kultur, die oft in Form von weltlichen Sitten und der Religion dazu bestimmt ist, Sexualtriebe ins Unbewusste zu verdrängen. Dagegen wirken vor allem die Kräfte der Natur, aber manchmal auch bestimmte, dafür extra prädestinierte historische Persönlichkeiten. Die Person von Marquis de Sade kann in diesem Sinn kulturhistorisch als Ventil verstanden und aufgefasst werden. Durch sein Denken und Schaffen floss das durch Keuschheit- und Monogamiegebote jahrhundertelang gesammelte und ins Unbewusste verdrängte erotische Begehren wieder ins (Massen-)Bewusstsein über, und zwar in Form von moralisch überladener Pornografie oder Erotografie, die übrigens fleissig für die Renaissance des Sexdiskurses sorgte. An dieser Stelle scheint es nicht mehr so wichtig zu fragen, warum gerade Sade dafür bestimmt wurde9; vielmehr ist es die Frage seines Schicksals oder einfach des Zufalls. Interessanter erscheint in diesem Zusammenhang die gesetzmässige, jedoch in irgendeiner Weise auch fatale Tatsache zu sein, dass Gott, Kultur, Natur, wer auch immer, manchmal auf seltsame Weise einen Menschen auserwählen oder zufällig gebären, dessen Lebensaufgabe gerade darin besteht, alles in den Untergrund Verdrängte wieder aus dem Schatten ans Licht zu bringen. Es gibt, wenn hier eine Metapher erlaubt ist, scheinbar immer irgendein Kind, das laut schreit: „Der Kaiser ist nackt!“, es muss scheinbar so ein Kind geben. Die historische Aufgabe der kulturellen Evolution geht mittels dieses „Kindes“ in Erfüllung; seine seltsame „Mission“ geht aber Hand in Hand nicht nur mit einsamen Qualen und Märtyrertum, sondern auch mit wonnigen Eskapaden und endlosen Irrtümern solcher Menschen.

Gefühlsmässig ist es das Begehren, das sich nicht mehr halten lässt, im weitesten Sinn des Wortes „un-erträglich“, wie Schmerzen der Geburt, das diese Art von Philosophieren oder „Erotografieren“ bewirkt. Begehren, das man als Einziger spürt, was die anderen schon längst verdrängt, vertilgt haben. Einsames Begehren, gepaart mit Hochsensibilität, mit Verletzlichkeit oder mit Melancholie oder auch mit einem dämonischen Gemisch von beiden. Die dekadente Sentimentalität der Einsamkeit, die nicht mit anderen geteilt werden kann, verwandelt sich in Wut und Zorn auf die anderen. Wenn sie keinen Ausdruck finden, werden sie extrem, bis es zum Suizid, zum Verbrechen oder auch zur kreativen Schöpfung in Form von Kunst oder Literatur kommt. Man darf nur nicht pathetisch werden: Die innere Mechanik des Suizids, des Verbrechens oder auch der Kunst ist seit Freuds Psychoanalyse schon lange zur Alltäglichkeit, fast schon zur Banalität geworden.

Uns geht es an dieser Stelle um etwas, was Sade als Einziger fühlt und erkennt, was die anderen nicht einmal fühlen. Es ist verboten, öffentlich darüber zu sprechen, und fühlen darf man es nur begrenzt, entweder im engen Rahmen der monogamen Ehe oder am Rande der Legalität bei Kurtisanen und Prostituierten. Darum funktionieren die anderen nur; sie funktionieren nach Dogmen, Regeln und Gesetzen in einem System, das unabhängig von der politischen Lage einen sehr strengen sexuellen Kodex besitzt. Wegen des Ausmasses der Auflehnung, der Unzufriedenheit, des inneren Protestgefühls und des immer stärker werdenden äusseren Drucks gelingt es Sade nicht, seine Gedanken in eine adäquate wissenschaftliche Sprache zu fassen. Sein „Gegengewicht“ zur Prüderie ist zu gross, seine Wut auch: Sade geht einen für ihn fatalen Schritt zu weit: Er provoziert öffentlich, er wird sehr direkt und er moralisiert. Damit schaufelt er sich selbst sein Grab.


Aus „Tabugeschichte der Sexualität. Techniken des Umgangs mit der Lust im sexualethischen Diskurs“ – Magisterarbeit am Institut für Kulturwissenschaften an der Humboldt Universität Berlin, von Elias Kirsche

(c) 2013

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Umgang mit der Sexualität als Lebenskunst (2012)

Warum braucht es Sexualberatung ?

“ […]Das Kalkül beim bewussten Gebrauch der Lüste zielt darauf ab, sie im Maß zu halten und nicht auf einmal aufzuzehren. Die vorsätzliche Begrenzung der Lüste hält die Sehnsucht nach ihrem Genuss wach, denn Sehnsucht gilt nur einem Gut, das nicht beliebig verfügbar ist. Das richtige Maß ist dabei nicht von vornherein festgelegt, es kann gelegentlich auch der Exzess damit gemeint sein, etwa um sich allzu starr gewordener Gewohnheiten wieder zu entledigen; der Genuss gibt dem Leben neuen Antrieb. Vieles liegt an der wählerischen Haltung im Umgang mit den Lüsten, um selbst darüber zu befinden, welche Lust wann, wie lange, mit wem, in welcher Situation, in welchem Maße und bis zu welchem Punkt zu gebrauchen ist. Die Lebenskunst kann auch in einer Vervielfältigung der Lüste bestehen, um ihr Potenzial voll auszuschöpfen. […] “

(Wilhelm Schmid: aus der „Philosophie der Lebenskunst“
www.kultur-punkt.ch)

Je mehr Jahre ich auf dieser Erde verbringe und je genauer, gewissenhafter und tiefgründiger ich die Lust erforsche, desto mehr entfaltet sich für mich die Tatsache, dass (fast) alle Probleme, die ein Mensch als Person und soziales Wesen haben kann, direkt oder indirekt damit zusammenhängen, dass der Mensch keinen adäquaten, sinnvollen und zugleich glücklichen Umgang mit der Sexualität gefunden hat. Daraus ergibt sich für mich die große Wichtigkeit des Themas im persönlichen und sozialen Kontext. Aus dieser Sicht erscheint es mir erstaunlich, dass so wenige Menschen sich mit den Themengebieten Sexualität, Lust und Begehren wirklich tiefgründig, lebenslang oder ganzheitlich, auch vielleicht interdisziplinär, beschäftigt haben, obwohl das Problem eigentlich offensichtlich ist: überall in der Welt beobachten wir, welche Sorgen und globale Traumas aus dem falschen Umgang mit der Lust resultieren.

Man beobachtet unter anderem, wie wir Menschen immer wieder versuchen, die Sexualität zu normieren oder sie einer bestimmten Religion, Philosophie, Tendenz oder Tradition unterzuordnen. Anderseits führt ein beharrlicher Versuch oder ein Streben, die Lust um jeden Preis von einer Ideologie, Politik oder von einem Konzept oder Norm zu „befreien“, in der Regel zu noch viel „schlimmeren“ Ergebnissen. Vielleicht liegt es daran, dass die Freiheit als allgemein anerkannter Wert, ein s.g. intrinsischer (innerer) Wert, durch keinen Willensakt, auch nicht durch den äußeren Kampf gegen herrschende Prinzipien als extrinsischer (äußerer) Wert verwirklicht werden kann. Die von vielen bewussten Individuen angestrebte Freiheit der Sexualität kann nicht einfach aus sich selbst heraus, ich meine damit, aus der puren Lust heraus, erlangt werden.

Wie dem auch sei, die Überbevölkerung der Erde und daraus sich ergebenen Probleme, wie Hunger, Not, Elend, Krankheiten, etc. sind in vielen Ländern der Welt wenn nicht ein direktes, dann mehr oder weniger indirektes Ergebnis einer unbewussten, unkontrollierten Lust. Und das zu Zeiten, in denen Kontrazeptiva problemlos für alle Menschen zugänglich gemacht werden könnten.

In den s.g. Industrieländern dagegen werden den meisten Menschen von außen Arbeit, Familie und Wohlstand als angeblich asketischer(?) bürgerlicher Weg der Sublimierung oder der Transformation der Lust suggeriert, wobei echte erotische und körperliche Bedürfnisse in den Konsum(wahn) umgeleitet werden. Die aktuelle Ideologie in den meisten Industrieländern führt die Lust ins Unermessliche und steigert sie bis zum Unerträglichen, wobei sie sie absolut unbefriedigt lässt. Oft führt dies zu einem Zynismus oder zu einem Automatismus in der Lebensentfaltung und der Lebensgestaltung, indem das „Mensch Sein“ auf „ Funktionieren“ reduziert wird. Radikal darf man aus dieser Sicht die post-industrielle Gesellschaften und Kulturen als –„Roboter-Gesellschaften“ bezeichnen.

Tatsächlich führt eine konsequente Vermeidung und Unterdrückung der Lust zu einer sehr starken Konditionierung, zum Mangel an Lebenslust und Bewusstsein, zu einem Roboter-Dasein, in dem der ganze Lebensentwurf, diese anspruchsvolle, sakrale Kunst, die Lebenskunst, zur blossen Erfüllung von kurz- und langfristigen materiellen Zielen reduziert wird. Darum ist auch die Gier — ob nach Geld, nach Sicherheit, nach Stabilität oder nach politischer Macht — auch ein indirekt sexuelles Problem, denn auch sie resultiert aus der Vermeidung und Unterdrückung der Lust, meistens durch Religion, Moral und zum Teil durch die Kultur selbst, die auch Religion und Moral in sich trägt. Aus dieser (vielleicht etwas freudischen) Sicht erscheinen die bürgerliche Werte wie Arbeit und Familie als Werkzeuge, mit denen man zwar den Wohlstand, die Sicherheit, die Stabilität und die Überbevölkerung erreichen kann, doch nicht das eigentliche Glück! Somit stellen diese Werte nicht per se etwas wertvolles dar, sondern erscheinen vielmehr als negativ gefärbte Kompensationen einer Lust, die nicht gelebt werden darf.

Anderseits führt ein permanenter Protest, ein politischer Kampf gegen die Unterdrückung der Lust im Sinn von sexuellem Hedonismus und erotischer Ausschweifung konsequent entweder zur politischen Starrheit, Radikalität oder zur sexuellen Abhängigkeit, wie wir sie heute aus der Welt der neuen Medien (Internet-Pornografie, Boom des Cyber-Sex und Ähnliches) kennen. Einige sichere Statistik-Zahlen konnte man schon in den Jahren 2004-2007 vorweisen:

Über 30 Millionen Menschen haben in Deutschland Internetzugang, die Zahl der Pornographie-Süchtigen wird auf 1 Million geschätzt. 40 Prozent aller Internet-Angebote enthalten pornografische Inhalte. 74 Prozent aller Einnahmen im Internet werden mit Sex-Angeboten gemacht. Der Umsatz wird auf über eine Milliarde Dollar pro Jahr geschätzt.

Im Mai 2004 veröffentlichte Businessweek die Ergebnisse einer ComScore Netzwerkuntersuchung, worin 44 % der Beschäftigen von US-Firmen mit Internetzugang zugaben, im Monat März 2004 während der Arbeit auf Websites mit Sexinhalt zugegriffen zu haben, im Vergleich dazu taten das Heimbenutzer zu 40 % und 59 % an Universitäten. [1. Aus einer Studie von ComScore Networks on U.S. internet habits, zitiert aus Businessweek, 17.052004, gefunden im Disciple Journal, Ausgabe September / Oktober 2004 http://www.navpress.com/EPubs/DisplayArticle/1/1.143.14.html]

„Sex“, so die Marktforscher von Alexa Research, wird bei Google häufiger eingetippt als die Begriffe Games, Reise, Musik, Auto, Wetter, Gesundheit und Jobs zusammen. Zählt man die erotische Offline-Welt mit Pay-TV, Hotlines, Nacht-Clubs, Zeitschriften- und DVD-Verkäufen hinzu, setzte die Sex-Branche 2006 weltweit knapp 100 Milliarden US-Dollar um. Das ist mehr als die Technologie- und Internet-Konzerne Microsoft, Google, Yahoo, Apple, Ebay und Amazon zusammen.[2. Computermagazin CHIP, Andreas Hentschel, Oktober 2007 http://www.focus.de/digital/computer/chip-exklusiv/tid-7342/neue-technologien_aid_131830.html]

Eine Untersuchung fand heraus, dass 80 % der Besucher von Sexwebsites so viel Zeit mit dem Herunterladen von Erotika verwendeten, dass sie die Beziehungen des realen Lebens und ihre Jobs gefährdeten. „Bis zu dem Zeitpunkt, an dem sie Cybersex entdeckten, hatten die meisten dieser Leute keine Probleme mit Sexabhängigkeit“, gab der Autor der Untersuchung, Al Cooper an, ein Sexualtherapeut der San José Eheberatung und am Zentrum für Sexualtherapie in San José, Kalifornien, tätig. (3. www.msnbc.com, Linda Carroll, 27.07.2002) www.msnbc.msn.com/id/3078769/]

9 von 10 Kindern im Alter von 8 bis 16 Jahren haben online bereits Pornofilme gesehen – meist aus Versehen während sie ihre Hausaufgaben machten.[4. UK News Telegraph, NOP Research Group, 01.07.02 www.pureonline.com]

Wer sich für ausführliche Statistik zur Pornographie interessiert, kann sie hier nachlesen: http://www.nacktetatsachen.at/home/statistiken.html]

Auch psychische Krankheiten, Depression, Alkoholismus, Drogenkonsum und Suizid sind indirekte oder direkte Folgen eines unerfüllten Liebeslebens. Persönliche Beziehungsprobleme von Singles und Paaren resultieren aus unerfüllter, nicht genügender oder einfach falsch gelebter Sexualität. So sehen wir, dass wir als Menschen nicht nur im kollektiven, sondern auch im persönlichen Sein bis heute keinen adäquaten, für uns selbst stimmigen Umgang mit der Lust gefunden haben.

Eine ganz freie, natürliche, unbewusste und unkontrollierte Sexualität führt uns zurück zu den Tieren und zur Überbevölkerung bzw. zum Darwinismus (nur der Stärkste überlebt) – das ist das Modell, das wir aus den s.g. Dritten-Welt-Ländern kennen. Aber eine zu stark kontrollierte, kulturell normierte, konditionierte und „vorprogrammierte“ Sexualität, wie wir sie aus der christlichen Religion kennen (monogame Ehe als strenger Rahmen fürs Liebesleben), führt zum Gegenteil: zur Verdrängung, zur Unterdrückung der Lust und zu einem tollen Roboter-Dasein. Es ist schon lange kein Geheimnis mehr, dass die Sexualität in einer monogamen Ehe bald ausstirbt, und dass dieser Rahmen für beide Partner eine zu große, kaum zu schaffende Herausforderung darstellt. Die aktuelle Scheidungsrate belegt nur diese These. Wenn man aber gegen die Unterdrückung sofort zu kämpfen versucht, indem man aus Protest heraus die Lust sehr offen auslebt oder unzählige Sexualpartner hat, endet man vielleicht in Wollust, Libertinage, Ausschweifung, vielleicht aber auch in der Arbeitsvermeidung, Krankheit, Abhängigkeit, Untergang, Tod. Diese waren die weit verbreiteten Ängste von den Menschen, die Sexual- und Arbeitsmoral erfunden haben.

Viele Menschen, die sich als erwachsen und reif geben, denken heutzutage, für sich selbst einen guten Weg gefunden zu haben, indem sie ihrer Lust insgeheim mit anderen Personen oder im käuflichen Milleau nachgehen, jedoch nach außen um jeden Preis den heiligen Schein zu behalten versuchen. Es ist keine ehrliche und transparente Strategie, sondern eine schmutzige, gemeine und betrügerische Haltung, die zu Scheinheiligkeit, Heuchelei und Doppelmoral führt — Phänomene, die heutzutage überall — vor allem in der Wirtschaft und in der Politik — weit verbreitet sind. Und zwar, in ihrer schlimmsten Form, wie wir Scheinheiligkeit, Heuchelei und Doppelmoral in den eigentlich „fortschrittlichen“ Ländern der Welt kennen. Auf Dauer führt uns diese Strategie zum Niedergang, da sie nicht nur unfair ist, sondern auch auf dem Missbrauch von denen basiert, die ihre Lust – ob asketisch oder hedonistisch – aber dennoch ehrlich, offen und transparent ausleben. Diese heuchlerische Strategie, diese Entwicklung eines zweiten Gesichts, erweist sich als nicht plausibel und deshalb ausweglos, nicht nachhaltig, dem unvermeidlichen Untergang geweiht. Das meine ich nicht nur privat, in einer Beziehung oder Partnerschaft, sondern auch kollektiv, in der Wirtschaftswelt, in der der ganze „erotischer Sektor“ immer noch in einer „Halbwelt“ existiert, wobei zum Beispiel die Fake News öffentlich anerkannt werden. Das hat zur Folge, dass durch versteckte, oft geheim gehaltene Geschäfte, riesige Summen an Bar- und Steuergelder hinterzogen werden und spurlos verschwinden. Auf Dauer erscheint es nicht standhaft, das „Geschwür“ wird platzen.

Die fortgeschrittenen, bewusste Individuen schweigen heute am besten über ihr Sexleben, denn: ein offenes Bekenntnis zum Nichtfunktionieren der Monogamie wird sie entweder outen, oder sie zu Sündenböcken und „Ressentiments“ machen. Die Schattenseite davon ist, dass man so tut, als ob bei ihm, oder bei ihr, oder bei ihnen, mit der Sexualität alles in der besten Ordnung wäre. Und das entspricht ja auch nicht der eigentlichen Wahrheit ! Auch Stillschweigen kann deshalb nicht die richtige Haltung sein.

Was kann die Lösung sein?

Was kann die Lösung sein? Es gibt offenbar keinen Weg zurück zur Natur, –die Gesellschaft hat sich weiterentwickelt. Es macht keinen Sinn, dass wir alle wieder Tiere werden. Jedoch ist die Situation so wie sie eben ist (durch die Religion und die industrielle Kultur immer stärker dominierte und konditionierte Sexualität) auch nicht akzeptabel: man darf die Lust weder normieren noch verdrängen oder unterdrücken noch sie nur noch geheim ausleben noch sie vollständig in Arbeit (sprich Geld) sublimieren oder in die Konsumlust umleiten ! Alle diese Strategien oder Umgangstechniken erweisen sich auf Dauer für den Individuum, der mit seiner Lust einfach nur glücklich sein will, als ungeeignet. Auch ein ideologisch-politischer Kampf oder ein überzeugter Protest gegen sexuelle Normen hilft nicht. In diesem Fall verwickelt man sich in einen Kampf, der inzwischen dem Kampf von Don Quijotes gegen Windmühlen gleicht. Man kämpft dann als Einzelkämpfer oder als kleine Gruppe (z.B. die Queer-Bewegung) gegen ein schon lange fest etabliertes Normensystem, und man vergisst dabei eigentlich das, wofür man kämpft, — die Lust! Es ist interessant, dass gerade die Vertreter/innen von sogenannten „feministischen“, Gender- und Queer-Bewegungen, meistens die Frauen, noch viel weniger ihre Lust ausleben als die konservativen SVP, CDU oder ÖVP-Politiker. Man kämpft also dagegen. Aber man weiß selbst nicht mehr wirklich, gegen wen und wofür.

Die eigene Lust selbst suchen und finden !

Zu der Frage der Lösung: Erstens, glaube ich, dass es nutzlos ist, in unserer stark individualisierten Ära nach kollektiven für alle gültige Ansätzen zu suchen. Dieser Versuch wäre nicht nur zu anspruchsvoll, sondern auch zu schwerwiegend, zu pathetisch, zu politisch — in jedem Fall zu ideologisch. Jeder muss zuerst selbst den für ihn oder für sie richtigen persönlichen Umgang mit der Lust finden, in dem er oder sie diese Kraft glücklich auslebt und sich als Persönlichkeit dadurch entfalten und verwirklichen lässt. Es ist nich einfach, sich von den äusseren Einflüssen zu schützen, vor allem heute nicht. Aber diese Entfaltung und Selbstverwirklichung in der Lust kann sowohl innerhalb einer Partnerschaft oder einer monogamen Ehe als auch in einer offenen Beziehung oder in einer Gemeinschaft von Gleichgesinnten gelebt werden. Sie kann heterosexuell, homosexuell oder bisexuell gefärbt sein: in Bezug auf sexuelle Orientierung und bezüglich von „Modellen“ oder „Konzepten“ betreffend Sexualität muss sich jeder Mensch völlig frei fühlen und „Modelle“ und „Konzepte“ von anderen Menschen respektieren und tolerieren, auch – und vor allem! – was das Geschäft mit der Lust anbelangt. Die Sexarbeit ist genauso eine sexuelle Orientierung wie jede andere ! Sie kann für Sexarbeiter und Ihre Kunden der Beruf oder die Berufung sein: es lässt sich damit Geld verdienen und Geld ausgeben, wenn es sich denn wirklich um einen Beruf oder um eine Berufung handelt. Wichtig ist, dass die Ausübung der Sexualität als Beruf in einem ethischen Rahmen bleibt und inneren Regeln folgt, im Unterschied zu den äußeren, moralischen Regeln. Damit meine ich Ehrlichkeit und Transparenz als Grundsätze der Geschäftstreibenden.

Die Sexualität als Spiritualität

Die Lust kann der heilende Weg sein oder die „Spiritualität“ bedeuten, wie es z.B. die neo-tantrische Philosophie zu behaupten versucht. Jedoch muss auch in diesem Fall die Normierung und die Konditionierung der Lust möglichst vermieden werden, was im Fall der Tantra-Szene natürlich noch lange nicht der Fall ist. Und übrigens: auch in diesem Fall muss die Beziehung zwischen finanziellen und spirituellen Aspekten klar und transparent sein. Es ist immer zu beachten: jeder Weg ist nur ein persönlicher. Und bloß ein Forschungsweg, eine Suche.

Personenzentrierte bzw. integrale Sexualberatung – ein Ansatz für alle

Als Nächstes glaube ich, dass es wichtig ist über die Sexualität offen zu sprechen — ein Vorgang, der in der christlichen Kultur leider nie etabliert war und trotz zahlreicher sexueller Revolutionen immer noch nicht ist. Der Mensch ist aber ein soziales Wesen und vor allem das Thema Lust sollte in einer Beziehung zum Anderen angesprochen und behandelt werden. Eine Lösung der anspruchsvollen Aufgabe „Sexualität“, die jede und jeder in diesem Leben jeweils für sich selbst lösen muss, kann nur in einer offenen, ehrlichen und transparenten Kommunikation gefunden werden. Vielmehr noch: Die Offenheit, die Ehrlichkeit und die Transparenz – die Werte, an denen es in der heutigen Gesellschaft — ob privat oder im Erotik-Geschäft — sehr stark mangelt, können nur in der zwischenmenschlichen Kommunikation sich entfalten bzw. sich erst herausbilden. Deshalb halte ich die integrale oder ganzheitliche Sexualberatung für Privatpersonen, für Sex-Worker/innen und für Unternehmen, die im Erotik-Geschäft tätig sind oder es sein wollen, für besonders wichtig, nützlich und fördernd. Eigentlich — für unumgänglich !

Eine glückliche Sexualität an sich — genauso wie die Entfaltung und die Verwirklichung der Person oder des Paars — werden erst möglich, wenn sie durch erfahrene Sexualberater geführt und begleitet werden. Es gilt dann zu unterscheiden zwischen wirklich neutralen, professionellen, seriösen und unabhängigen Beratern und Therapeuten und allesamt Scharlatanen, Kompensatoren, Frömmlern und Heuchlern, von denen es in der breiten Erotik-Landschaft viel mehr als genug gibt.

Weitere Infos:

www.eros-consult.com

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